Zeitung Heute : Der ganz Nahe Osten

Der Tagesspiegel

Von Malte Lehming

Was muss ein Wanderer tun, der sich im Wald verirrt hat? Er kann planlos umherlaufen, in der Hoffnung, zufällig den Ausweg zu finden. Oder er geht schnurstracks in eine beliebige, aber bestimmte Himmelsrichtung. Den Rat erteilte im 17. Jahrhundert der französische Philosoph René Descartes. Irgendwann landet der Wanderer automatisch an einem Ort, der ihm bessere Orientierung bietet als die Mitte des Waldes.

Im Nahen Osten gibt es weniger Wälder als Wüsten. Aber auch in denen kann man sich verirren. Als die neue amerikanische Regierung vor mehr als einem Jahr die Amtsgeschäfte übernahm, hatte sie einen Vorsatz: Abstand halten. In dem Maße, wie Bill Clinton sich ergebnislos aufgerieben hatte, wollte George W. Bush abstinent bleiben.

Was soll ein Engagement, wenn sich der Engagierte bloß blamiert? Die Folgen der Abstinenz waren freilich verheerend. Die Gewalt eskalierte, begleitet von verwirrend widersprüchlichen Signalen aus Washington. Dann ereignete sich der 11. September. Und wieder taperten die USA mal nach links, mal nach rechts. Jetzt war Vizepräsident Cheney in der Region. Seine Reise könnte einen entscheidenden Wendepunkt in der amerikanischen Nahost-Politik markieren.

Erstens: Der Kampf gegen den Terrorismus und das Schicksal der Palästinenser sind enger miteinander verwoben, als gehofft worden war. Wahrnehmungen konstituieren die Wirklichkeit. Amerika wird in der arabischen Welt als Schutzmacht Israels wahrgenommen. Die Regierungen von Ägypten, Jordanien oder Saudi-Arabien dazu zu bewegen, härter gegen militante Moslem-Organisationen vorzugehen, während F-16-Jets in den besetzten Gebieten palästinensische Kinder töten, ist schwierig.

Zweitens: Auch der Kampf gegen das Regime von Saddam Hussein lässt sich nicht unabhängig von der Nahost-Problematik führen. Das wurde Cheney auf jeder Station seiner Reise eingebläut. Um Gerechtigkeit und Frieden geht es den Potentaten allerdings kaum. Sie fürchten die wütenden Massen in ihren eigenen Ländern. Ihr Alptraum wären Bilder von US-Bomben, die auf Bagdad fallen, während israelische Truppen das Hauptquartier von Arafat zerbomben. Diese Botschaft haben die USA nun vernommen. In der Uno haben sie eine scharfe Resolution durchgesetzt, trotz anhaltender Gewalt ihren Sondergesandten Zinni losgeschickt, und Cheney persönlich hat seine Bereitschaft zum Treffen mit Arafat signalisiert.

Drittens: Weder Israelis noch Amerikaner haben einen anderen Verhandlungspartner als Arafat. Es war ein schwerer Fehler, den PLO-Chef zu marginalisieren: Er ist der gewählte Repräsentant des palästinensischen Volkes. Um so ungenierter kann er jetzt den Triumph seiner Rückkehr aufs diplomatische Parkett zelebrieren. Als Märtyrer wurde Arafat nicht geboren, zum Märtyrer wurde er in den vergangenen Wochen gemacht. Wer zuletzt lacht, lacht am lautesten.

Viertens: Der Diktator in Bagdad hat keine Freunde. Wer sich gegen seinen Sturz ausspricht, verfolgt nur eigene Interessen. Saudi-Arabien hat Angst, dass die irakischen Schiiten zu stark werden, die Türkei befürchtet eine Aufwertung der kurdischen Separatisten. Aber solche Probleme sind nicht grundsätzlicher Natur. Selbst Russland wird wohl im UN-Sicherheitsrat die stetige Erhöhung des Drucks auf Saddam nicht torpedieren. Der Konflikt spitzt sich unweigerlich zu.

Fünftens: Der Verlierer heißt Israel. Um ihre Einflussmöglichkeiten in der arabischen Welt zu wahren, wird die US-Regierung auf Distanz zu ihrem engsten Verbündeten gehen. Das hat Scharon früh gespürt. Bereits kurz nach dem 11. September warnte der Stratege vor einem zweiten Münchner Abkommen. Dafür wurde er des Alarmismus bezichtigt. Doch die Zeit wird kommen, wenn auch er – wie seine Vorgänger vor elf Jahren – wird stillhalten müssen, wenn irakische Scud-Raketen in Tel Aviv einschlagen.

Die Bush-Regierung gleicht noch immer dem Wanderer, der sich im Wald verirrt hat. Aber seit der Cheney-Reise ist es lichter geworden um sie herum. Zumindest sieht sie jetzt klar, was ihre Aufgabe ist: Sie muss den Nahen Osten in dem Maße befrieden, das notwendig ist, um ohne nennenswerten arabischen Widerstand Saddam Hussein stürzen zu können. Gleichzeitig darf sie Israel nicht vollends verprellen. Good luck.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar