Zeitung Heute : Der ganz normale Staatsfeind

FU-Professor Grottian und der Geheimdienst

Ulrich Zawatka-Gerlach

Hinter ihm steht es 1 : 0 für Japan. Peter Grottian sitzt in der Kneipe mit dem Rücken zum Großbildschirm. Das olivfarbene Hemd weit offen, es ist heiß und laut. Dauernd klingelt das Handy. „Nein, es gibt nichts Neues“, sagt er. „Die PDS hat eine ganz ordentliche Erklärung abgegeben.“ Der Professor vom Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität Berlin ist wieder interessant, seitdem am Wochenende bekannt wurde, dass er seit 2003 im Visier des Verfassungsschutzes steht. V-Leute spähten die autonome Szene im „Berliner Sozialforum“ aus, in dem sich auch Grottian engagiert.

Fühlt er sich vom Staat verfolgt? „Im Prinzip eigentlich nicht“, sagt Grottian. Aber irgendwie doch: „Wenn man vom Geheimdienst beobachtet wird, bedeutet das schon, jemanden zum Staatsfeind hochzustilisieren.“ Er trinkt seinen Milchkaffee und fühlt sich wohl. Staatsfeind – das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, doch Agent provocateur will Grottian seit über 30 Jahren sein. Einer, der den Staat und die Reichen aus der Reserve lockt. Einer, der für Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit ist. Als Grottian 1973 nach Berlin kam, kämpfte er im Komitee für Menschenrechte und Demokratie gegen Berufsverbote für marxistische Lehrer. Er machte mit bei „Bürger beobachten die Polizei“. Er wurde Hochschullehrer am OSI, damals eine Hochburg der Linken, und ging 1985 auf Teilzeit, um Platz zu schaffen für andere Kollegen.

Grottian – der Überzeugungstäter. Er trinkt einen Schluck Kaffee und übertönt den Lärm, als das Ausgleichstor für Australien fällt. Mit sonorer Dozentenstimme erklärt er sein Programm: „Radikale Vorstellungen müssen in einer demokratischen Gesellschaft etwas Normales sein.“ Und: „Die Protestform, die man wählt, muss die etablierten Institutionen provozieren.“ Die Ämter, die Parteien, die Gewerkschaften und Verbände seien verharschte Großorganisationen, zu eigenen Lernprozessen nicht in der Lage. Deshalb rief Grottian zum Schwarzfahren auf, als die Verkehrsbetriebe die Preise erhöhten. Deshalb unterstützte er die Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV, gründete die Initiative gegen den Bankenskandal und organisierte „Spaziergänge“ zu den Villen der Bankvorstände. Und er trat für die Studenten in den Streik, was Professoren nicht dürfen.

Einst war Grottian schlank und bei den Frauen beliebt. Jetzt ist er 64 Jahre und gut im Futter, aber unbeirrt in seinen Überzeugungen. Selbst als ihm die Autonomen 2002 in Kreuzberg das Auto abfackelten, nachdem er gefordert hatte, dass sich die friedlichen Bürger am 1. Mai die Straße zurückerobern sollten. „Nein, das trage ich den Autonomen nicht nach“, sagt Grottian väterlich. Er freut sich sogar, weil der Brandanschlag in deren Kreisen eine klärende Debatte ausgelöst habe: „Ausgerechnet mir das Auto anzuzünden, das sei ja wohl absolut lächerlich.“ Nun steht es 2 : 1 für Australien.

Für Grottian war es selbstverständlich, dass im Sozialforum – einer bunten Mischung kleiner linker Gruppen – auch die Autonomen mitmachten. „Da fühle ich mich in keiner Weise verpflichtet, mich zu distanzieren.“ Bis vor kurzem observierte das Landesamt für Verfassungsschutz diese Autonomen und sammelte dabei auch Informationen über Grottian ein. „Das kann man nur verstehen, wenn man weiß, was diese Behörde seit 1950 so alles angerichtet hat“, sagt er. Er wusste es schon immer. Die „Selbstdynamisierung solcher bürokratischen Apparate“ sei politisch kaum kontrollierbar. Auf dem Bildschirm jubeln die Australier. 3 : 1 gegen Japan! Peter Grottian schaut nicht hin.

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