Zeitung Heute : Der Gefahr den Rücken

Bundespräsident Rau ist in Sicherheit. Der Anschlag auf ihn konnte vereitelt werden, weil die Sicherheitsdienste gut informiert waren. Aber was bedeutet es, wenn sich die Gewalt gezielt gegen Politiker wendet? Hat der internationale Terrorismus eine neue Richtung genommen?

Frank Jansen Stephanie Nannen

Von Frank Jansen und Stephanie Nannen

Ist das nur typisch deutsch? Ist Johannes Rau, sind seine Berater und Begleiter lediglich übervorsichtig gewesen, als sie die Reise des Bundespräsidenten vorzeitig abbrachen? Das dschibutische Außenministerium will diesen Glauben mit der Aussage ihres Sprechers Zyad Doualeh nähren, die Drohungen seien „nicht ernst zu nehmen“. „Das sollte ein ganz großer Schlag werden“, sagte ein deutscher Sicherheitsexperte dem Tagesspiegel. Damit würde sich bestätigen, was Experten seit einiger Zeit vermuten. Dass die Ausrichtung des globalen Terrors eine Wendung, oder besser, eine weitere Fokussierung erfahren würde. Staatsoberhäupter der westlichen Welt stünden – bei Auslandsreisen – auf der Liste für Attentate. In Dschibuti sollen es Mitglieder der non-aligned Mudschahedin aus der Region gewesen sein, die den Mord an Bundespräsident Johannes Rau planten. Diese Gruppe gilt als loser Verband und als deshalb so gefährlich, weil sie autark agiert. Sie ist nicht mit Al Qaida vernetzt, sympathisiert aber mit bin Ladens Terrornetzwerk. Diese Islamisten üben den Terror auf eigene Faust aus, was bedeutet, dass sie sich ganz gezielt Situationen, Orte, Personen aussuchen, bei denen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit garantiert ist, und eher wie Söldner arbeiten. Auch deshalb seien sie so schwer auszumachen und zu fassen, sagt ein deutscher Sicherheitsexperte. Es gehört zur Arbeitsweise der non-aligned Mudschahedin, mitunter kurz vor dem jeweiligen Anschlag eine Rückkopplung mit einem Al-Qaida-Mitglied vorzunehmen, das dann die Ausführung befiehlt.

Dem Bundesnachrichtendienst wurde während der Afrikareise des Bundespräsidenten bekannt, dass Anhänger der non-aligned Mudschahedin in Dschibuti bereits dabei waren, ein Attentat zu organisieren – vermutlich mit Sprengstoff. Hinweise darauf hatten sich verdichtet, als Rau bereits auf Reisen war. Der BND hat offensichtlich über eigene Kontakte und Wege – ohne die Hilfe der in Dschibuti hauptsächlich tätigen französischen Sicherheitsdienste – von der Gefahr erfahren und sogleich das Kanzleramt in Berlin verständigt. Dort und in Absprache mit dem BND sei es dann zu der Einschätzung gekomen, dass Raus Leben tatsächlich bedroht sei. Wie viele an dem Plan beteiligt waren, konnte ein Sicherheitsexperte im Gespräch mit dem Tagesspiegel nicht sagen.

Möglich ist, dass auch Jeminiten unter den Terroristen waren, was ein weiteres Motiv offenbaren würde. In diesem Falle könnte es sich zusätzlich um eine Art Racheakt dafür handeln, dass Deutschland im Falle der Auslieferung eines führenden Al-Qaida-Mitgliedes mit den USA zusammengearbeitet hat. Dieses, Scheich Mohammed Ali al Mojad, der Vorbeter einer wichtigen Moschee in Jemen war unter einem Vorwand nach Deutschland gelotst und dann festgenommen und den amerikanischen Sicherheitsdiensten überstellt worden. Jemen galt den deutschen Sicherheitsexperten ohnedies als Schwerpunkt ihrer Beobachtungen. Das könnte sich nun noch verstärken.

Das erschreckende an dem vereitelten Anschlag auf den Bundespräsidenten, und das, was über den Einzelfall hinausgeht, ist die Motivation der Terroristen: Johannes Rau sollte sterben – und mit ihm deutsche Soldaten – weil er sich ostentativ für „Enduring Freedom“, also für die Bekämpfung des internationalen Terrorismus einsetzte, sagte ein Sicherheitsexperte. Der Präsident hatte zum Abschluss seiner Reise vor, deutsche Marinesoldaten zu besuchen, die am Horn von Afrika mit der Fregatte „Augsburg“ im Rahmen der Anti-Terror-Mission stationiert sind.

In Deutschland bekannt

Die non-aligned Mudschahedin sind im Zusammenhang mit Deutschland keine Unbekannten: Auch die fünf im Jahr 2002 vor dem Frankfurter Oberlandesgericht angeklagten Algerier, die beschuldigt waren, ein Attentat auf den Straßburger Weihnachtsmarkt geplant zu haben, gehörten zu dieser Gruppe.

Die deutschen Sicherheitsdienste gehen davon aus, dass die Gefährdung Johannes Raus nur regional bestand. Die Gruppen seien vor Ort organisiert und tätig und haben Rau als einen äußerst prominenten Bekämpfer des Terrorismus treffen wollen, nicht unbedingt als Person. Die non-aligned Mudschahedin haben ein Ziel verfehlt – das andere aber, dem Westen ihr Diktat aufzuerlegen, haben sie erreicht.

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