Zeitung Heute : Der Gegner spielt keine Rolle

Der Tagesspiegel

Madrid (Tsp/dpa). In Madrid strömten in der Nacht zum Mittwoch einige hundert Fans am Cibeles-Brunnen zusammen und feierten im ersten Überschwang bereits den neunten Europacupsieg. Auch die Zeitungen jubelten am nächsten Morgen mit. „Die Champions League hat einen unumstrittenen König, und das ist Real Madrid“, schrieb das Madrider Sportblatt „As“. Das mag ein wenig voreilig klingen, zumal das Finale am 15. Mai in Glasgow noch nicht gespielt ist. Ach ja, und das zweite Halbfinalspiel der Champions League gegen den FC Barcelona steht auch noch aus. Doch wer möchte bezweifeln, dass ein Champions-League-Finalist in dieser Saison Real Madrid heißt. Nach jenem abgeklärten 2:0-Erfolg im ersten Halbfinale vor 100 000 Zuschauern beim spanischen Erzrivalen FC Barcelona.

„Es spielt keine Rolle, ob der Finalgegner Manchester United heißt oder Bayer Leverkusen“, hatte „As“ bereits geschrieben. Bei so viel Euphorie tat sich Vereinspräsident Florentino Pérez schwer, vor dem Rückspiel zu warnen. „Ich würde nicht sagen, dass Barcelona schon ausgeschieden ist“, sagte der Klubchef. Der Statistik nach ist die Skepsis vor dem Rückspiel am 1. Mai jedoch unbegründet. Die Madrider verloren von ihren bisher 72 Heimspielen gegen den Erzrivalen nur dreimal mit zwei oder mehr Toren Unterschied.

Barcelona hatte Madrid auf dem heimischen Rasen im Nou-Camp-Stadion niederkämpfen wollen. Doch die Gäste spielten ihre Erfahrung aus, die dem Klub bereits zu insgesamt acht Europacupsiegen verholfen hat. An ihrer massiven Abwehr prallten die Angriffe der Katalanen immer wieder ab. Als bei Barcelona die Kräfte nachließen, war es so weit. Zinedine Zidane vollendete einen Konter mit einem wunderschönen Heber aus dem Fußgelenk zum 1:0.

Plötzlich war es um den Spielfluss der Blau-Roten geschehen und das Konzept von Trainer Carlos Rexach war über den Haufen geworfen. „Bloß kein Gegentor kassieren“, hatte der Trainer gesagt. Real hatte nun mehrere Chancen, den Vorsprung auszubauen. Am Ende war es Steve McManaman (90.), der einen Ballverlust von Gabri zum 2:0 nutzte. Für die Madrider, die seit 1983 kein Punktspiel in Barcelona gewinnen konnten, ging damit ein 19 Jahre währender Albtraum zu Ende.

Die Katalanen erlitten ausgerechnet in ihrem besten Saisonspiel eine der bittersten Niederlagen ihrer Vereinsgeschichte. Patrick Kluivert und Luis Enrique erspielten sich in der ersten Hälfte gute Torchancen, versagten aber im Abschluss. „Barcelona zeigte den schöneren Fußball, aber Real hatte die besseren Vollstrecker“, schrieb die Zeitung „El País“.

Als die meisten Zuschauer das Stadion nach dem Abpfiff verlassen hatten, saß Barcelonas Klubchef Joan Gaspart noch einsam auf der Ehrentribüne und starrte ratlos vor sich hin. Trotz einer Investition von 180 Millionen Euro für neue Spieler wird der FC Barcelona in dieser Saison wohl ohne Titel bleiben. Womöglich wird seine Mannschaft sogar die Qualifikation für die Champions League verpassen. Barcelona steht in Spanien gegenwärtig lediglich auf einem enttäuschenden Rang vier.

Die Zeitung „El Periódico de Catalunya“ verglich den Schock der Niederlage gar mit den Anschlägen vom 11. September. Das Fachblatt „Sport“ beklagte: „So ungerecht kann Fußball sein.“ Ausgerechnet am Tag des Schutzpatrons der Katalanen spielte das Schicksal Barcelona so übel mit. „Sant Jordi trug die weißen Vereinsfarben von Real“, spottete „As“. Für „El Mundo“ grenzte der Madrider Sieg an ein Sakrileg: „Real schändet das Heiligtum des Camp Nou.“ Das Derby hatte das öffentliche Leben im fußballbegeisterten Spanien fast zum Stillstand gebracht. König Juan Carlos verlegte einen Empfang im königlichen Palast um eine Stunde vor, damit kein Gast die Übertragung des Fußballspiels verpasste. Musiker wie Flaco Jiménez oder die Folkgruppe Al Tall begannen ihre Konzerte erst nach dem Ende des Spiels.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben