Zeitung Heute : Der Geheim-Roller

Man kann den Aprilia Atlantic 500 Sprint leicht mit einem reinen City-Transporter verwechseln. Aber er ist viel schneller

Bernd Zimmermann

Typisch Italien: Im Lauf der Jahre hat Aprilias Atlantic-Scooter-Familie regelmäßig Zuwachs bekommen. Zur Zeit gibt es 125er, 250er, 400er und 500er Varianten des Themas (der 400er Atlantic wird allerdings nicht offiziell nach Deutschland importiert).

Optisch sind die Geschwister kaum zu unterscheiden. Aber das fast drei mal so starke Topmodell schleppt nur 50 Kilogramm Gewicht mehr herum als das schwächliche Achtelliter-Schwestermodell. Überhaupt gehört der Atlantic 500 Sprint zu den leichtesten Rollern in seiner Hubraumklasse und muss sich in dieser Disziplin nur dem minimalistischen Piaggio Beverly 500 geschlagen geben. Spätestens beim Ampelstart wird allerdings niemand mehr den 500er Atlantic mit einer rollenden City-Einkaufstasche verwechseln: 38 PS setzt der Einzylinder mit vier Ventilen frei und wildert damit in der Klasse der „echten“ Motorräder. Entgegen der eher touristischen Anmutung dominiert beim Fahrwerk straffe Sportlichkeit, vor allem die hinteren Federbeine wünscht man sich auf Kopfsteinpflaster ein wenig komfortabler.

Dafür können auf dem mit großzügigen Platzverhältnissen gesegneten Scooter auch Gardemaße über 1,80 Meter nicht nur aufrecht sitzen, sondern die Füße auf längeren Touren sogar Easy-Rider-mäßig zur Entspannung nach vorn strecken. Die Sitzbank ist für beide Passagiere komfortabel gepolstert, größere Fahrer wünschen sich allerdings einen höheren Pilotensitz.

Unter der Sitzbank befindet sich ein etwas zerklüfteter, beleuchteter Stauraum, der allerdings nur Platz für einen Integralhelm bietet. Dieser Stauraum wird über ein zweites Schloss in der linken Seitenverkleidung gesichert. Eine Wegfahrsperre macht Langfingern das Leben schwer. Weiterer Stauraum für die kleineren Dinge des täglichen Bedarfs findet sich in dem Zwillingsstauraum im Beinschild. Nachts wird die Fahrbahn vom Halogenlicht des linken Scheinwerfers gut ausgeleuchtet.

Der Atlantic 500 Sprint springt unter allen Bedingungen auf Knopfdruck nach zwei, drei Umdrehungen an und hängt dank elektronischer Benzineinspritzung sofort am Gas. Ein nach langer Standzeit nervenberuhigender Kickstarter – nur zur Sicherheit – ist leider nicht vorhanden. Dafür sind die Sprintqualitäten des doch eher behäbig aussehenden Rollers so beachtlich, dass er in seiner Hubraumklasse zum Primus gekürt werden kann. Aprilias Triebwerk ist enorm durchzugsstark und weist zwar, typisch Einzylinder, ein paar Vibrationen auf, die aber nicht weiter stören. Auf der Autobahn ist Tempo 150 drin. Und zwar, ohne dass man dabei Angst um sein Leben hätte: Der Roller zeigt ein sehr neutrales und stabiles Fahrverhalten, was vielleicht auch an den 14 Zoll-Rädern liegt – die schwächeren Geschwister müssen sich mit 13 Zoll bescheiden. Die Windschutzscheibe könnte bei hohem Tempo allerdings ein, zwei Handbreiten höher ausfallen. Auf guten Landstraßen macht der große Atlantic dafür ebenso eine gute Figur wie in der City, wo er die schwere Konkurrenz beim Spurt abhängt. Allerdings sollte man bedenken: Der Atlantic muss mit einer Bremsscheibe im Vorderrad auskommen. Die Bremswirkung ist aber dank des Integral-Systems, bei dem der rechte Handhebel auf beide Bremsen wirkt, trotzdem recht gut.

Erfreulich auch, dass der Sprint trotz der Qualitäten nur ganz sparsam mit dem teuren Benzin umgeht. Der Verbrauch ist selbst bei supersportlicher Fahrweise kaum über fünf Liter zu drücken – und da der Tank 15 Liter fasst, ergibt sich eine hervorragende Reichweite. Beim Händler steht der Atlantic 500 für 5 899 Euro – so viel muss es dem Käufer wert sein, für langsamer gehalten zu werden als man sein kann. Bernd Zimmermann

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