Zeitung Heute : Der geheime Gönner

Jedes Jahr bekommt Görlitz eine Million – die Stadt weiß nicht von wem, nur wofür

Kerstin Decker[Görlitz]

Am Sonntagmorgen um acht sind die Renaissance-Häuser auf dem Untermarkt von Görlitz unter sich. Die Ratsapotheke grüßt hinüber zur Börse, und diese schaut seit vielen Jahrhunderten hinüber zum Flüsterbogen. Seit 500 Jahren immer dieselben Gesichter. Nur eine Rathaus-Hälfte ist neu, also vom Beginn des vorigen Jahrhunderts. Neorenaissance! Ratsapotheke, Börse und Flüsterbogen rümpfen die Nasen. Sie sind echt, kein bisschen Neo. An der Ecke steht das älteste Renaissance-Haus Deutschlands, der Schönhof. Die Börse wird kleinlaut, wenn die anderen über ihr Alter reden. Sie ist die Jüngste hier, reinster Barock.

Es kommt nicht oft vor, dass man auf seinen Kontoauszug guckt und plötzlich eine Million mehr hat. Die Stadt Görlitz besitzt so ein Wunderkonto. Jedes Jahr im Frühjahr ist da eine Million mehr drauf. Das heißt, früher war es eine Million DM, jetzt sind es 511500 Euro.

Über den Untermarkt von Görlitz, an Börse und Flüsterbogen vorbei, kommt eine blonde Frau, die alles über das Wunderkonto weiß, sie ist die Geheimnisbeauftragte, in anderen Städten nennt man solche wie sie Öffentlichkeitsarbeiter, aber ist Görlitz wie andere Städte? 1995, sagt Elke Fieber, die Ur-Görlitzerin, fing das an. Ein Münchener Anwalt meldete sich bei der Stadtverwaltung und sagte, dass er im Auftrag seines Mandanten der Stadt Geld schenken wolle. Zwei Bedingungen hatte der Anwalt. Erstens, dass das Geld nur für die Altstadtsanierung ausgegeben werde, und zweitens, dass der Spender inkognito bleibe. Zur Beglaubigung überwies er 100000 Euro. Nicht schlecht, dachten die Görlitzer, und gründeten die Altstadtstiftung. Sie besteht aus dem Anwalt des Unbekannten, dem Bürgermeister, einem Abgesandten des Denkmalschutzes und einem Görlitzer Bürger.

Kaum war das Kuratorium da, lief der Stadtkämmerer schneller als sonst ins Zimmer des Oberbürgermeisters, einen Kontoauszug in der Hand. Auf dem Kontoauszug stand die Summe mit den sechs Nullen und ein Satz: „Zuwendung für Stiftungszweck“. Im ersten Jahr wurde mit der Million unter anderem der Brunnen am Postplatz saniert. Die Görlitzer nennen ihn die „Muschelminna“, weil eine sehr große, sehr unbekleidete Dame aus Metall über ihrem Kopf eine riesige Muschel hält, aus der das Wasser fließt. Im Zweiten Weltkrieg hat man die Dame des „schönsten Brunnens Schlesiens“ eingeschmolzen, nun steht sie wieder da. Später erneuerten die Görlitzer ihren Meridianstein, denn wenn Görlitz auch nicht direkt der Mittelpunkt der Welt ist, so läuft doch der 15. Längengrad mitten durch die Stadt. Auch das Heilige Grab bekam etwas ab von der Million. Görlitz hat nämlich die einzige originalgetreue Nachbildung des Heiligen Grabes.

Die Million hieß bald „die Altstadtmillion“. Von wem sie kam, war nicht das Einzige, was man nicht wusste. Man wusste auch nicht, ob sie im nächsten Jahr wieder kommen würde. Schon im Februar beobachtete der Görlitzer Stadtkämmerer mit Nervosität seine Kontostände, und wenn sie dann wieder eintraf, die Million, ging ein Raunen durch die Stadt. Man wollte doch zu gern wissen, wer dieser ungemein wohlhabende und wohlwollende Görlitz-Enthusiast ist. Vorübergehend fiel der Verdacht auf den Schokoladen-Erben und Görlitz-Liebhaber Thomas Sprengel, aber der leugnete.

Elke Fieber will gar nicht mehr wissen, wer es ist. Die Stadt hat einen Schutzengel, das genügt. Kein Mensch kennt seinen Schutzengel persönlich, warum soll das bei Städten anders sein?

Vor zwei Jahren war die Million Ende März noch immer nicht da. Nun ist es vorbei, glaubte der Bürgermeister. Und dann kam sie doch. Vielleicht dachte da der Bürgermeister Rolf Karbaum auf einmal ganz klar, was er dunkel schon all die neun Jahre zuvor gedacht hatte: Du sollst nicht nur fragen, was dein Schutzengel für dich tun kann, du sollst auch fragen, was du für deinen Schutzengel tun kannst! Vielleicht sollte man ihm ein Denkmal errichten, es muss ja nicht gleich ein Reiterstandbild sein. Aber wie setzt man einem ein Denkmal, von dem man nicht weiß, wie er aussieht? Wir könnten ihn wenigstens zum Ehrenbürger ernennen, überlegte Karbaum weiter. Aber wie ernennt man jemanden zum Ehrenbürger, von dem man nicht weiß, wie er heißt? Also fasste Karbaum schließlich zusammen: „Ich halte es nicht für sinnvoll“, dem großen Unbekannten ein Denkmal zu setzen, denn „wir wissen nicht, wer es ist und wie er aussieht“. Stattdessen tragen manche Görlitzer Häuser seit kurzem eine Plakette, auf der steht: „Dieses Objekt wurde gefördert durch die Altstadtstiftung Görlitz.“

Georg Rittmannsperger hat solche Plaketten in seinen Häusern, denn auch private Sanierungen werden gefördert. Rittmannsperger kommt aus Grünberg in Hessen. Aber seine Vorfahren stammen aus Grünberg in Schlesien, weshalb die Rittmannspergers Anfang der 90er aus Grünberg in Hessen durch Görlitz nach Grünberg in Schlesien fuhren. Es war eine schicksalhafte Durchreise. Denn nun gehören ihnen die Renaissance-Ratsapotheke und die Barock-Börse. Im letzten Jahr hat Rittmannsperger die Börse als Hotel eröffnet, und im ersten Stock, neben dem Barock-Kamin, ist so eine Plakette. Die DDR hatte ihn erst mit dicker Ölfarbe gemeuchelt und dann mit Platten zugenagelt. Eine zweite Plakette ist in der Ratsapotheke.

Am Ende der DDR, weiß Elke Fieber, wohnten meist nur noch „die Asozialen“ im alten Zentrum. Wer konnte, war weggezogen aus den Häusern mit den undichten Dächern. Als Rittmannsperger die Ratsapotheke kaufte, war noch immer ein Urmieter drin. Im schönsten Zimmer mit Erker wohnte er unter einer hohen Barockdecke mit seinen vollen und den leeren Flaschen. Als das Leergutlager geräumt war, ließ Rittmannsperger eine Wand entfernen und machte eine Entdeckung. Unter der Barockdecke war noch eine Decke. Eine bemalte Renaissance-Decke – wieder ein Fall für die „Altstadt-Million“.

Zehn Jahre lang hat der große Unbekannte ohne Reiterstandbild die Million überwiesen. Würde er wirklich noch einmal … oder kann man die Plakettenproduktion, kaum begonnen, im Jahr 2005 einstellen? Aber dann, es wurde schon Frühling, lief der Stadt kämmerer wie all die Jahre etwas schneller zum Bürgermeister, den kleinen Zettel mit der großen Zahl in der Hand.

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