Zeitung Heute : Der Geier, dein Freund und Helfer - Im Zoo wird gezeigt, wie die Ägypter Tiere sahen

Veit Vaelske

Wie füttert man eigentlich ein ägyptisches Krokodil? Der griechische Geograph Strabo gab dazu vor etwa 2 000 Jahren einige Hinweise: „Die Priester öffneten ihm den Rachen, steckten Backwerk und Fleisch hinein und gossen zuletzt Met hinterher...“

So ein direkter Umgang mit fast hundert scharfen Zähnen ist heute nicht jedermanns Sache. Es gibt einfachere Methoden, mehr über die heiligen Tiere Ägyptens zu erfahren: Vom 15. Juli bis 17. September wird im Berliner Zoo die Ausstellung „Ägypten. Ein Tempel der Tiere“ zu sehen sein. An über zwanzig Gehegen, in Tierhäusern und im Aquarium werden große Tafeln, Bilder, Karten und originale Quellentexte über die unterschiedlichen Tierarten – dazu gehören Flußpferde, Paviane und Rinder – im Alten Ägypten informieren und die ägyptische Sichtweise auf die lebenden Vertreter der jeweiligen Art verdeutlichen.

Die antiken Vorstellungen unterschieden sich von den heutigen durchaus. Der Geier galt nicht als widerlicher Aasfresser: Wegen seines verlässlichen Erscheinens bei Krieg und Gefahr war er vielmehr das perfekte Symbol für Schutz und Treue. Dagegen zählte die anmutige Antilope zwar als begehrtes Jagdtier, wurde aber wegen ihrer Unbändigkeit sehr skeptisch gesehen: Sie vertrat die wilden Chaoskräfte der Wüste.

Tiere prägten am Nil alle Bereiche der Religion, Kultur und Kunst. Eindrücke von ihrer damaligen Omnipräsenz vermitteln heute vor allem materielle Zeugnisse. Statuen, Reliefs, Amulette und andere selten gezeigte archäologische Exponate werden deswegen den Ausstellungsbesuchern im Antilopenhaus des Berliner Zoos präsentiert. So können fremdartig anmutende Bräuche leichter nachvollzogen werden: die kultische Verehrung von Tieren, ihre Mumifizierung und Bestattung in ausgedehnten Nekropolen und der magische Schutz vor Schlangen und Skorpiongift.

Heute mögen diese Sitten fremd und naiv erscheinen. Und dennoch zeigen sie einen sehr ernsthaften Umgang mit Tieren, denen die Ägypter nicht selbstherrlich, sondern voll Respekt gegenübertraten. Im Vergleich zu den Göttern bezeichneten sie sich selber sogar als „Herde“ oder „Kleinvieh“. Die Fähigkeiten der Tiere schienen dagegen viel besser als alles andere geeignet, universellen Kräften Gestalt zu verleihen. Größer könnte der Kontrast zur europäischen Denkweise nicht sein, die Tiere den Menschen traditionell in weitem Abstand nachordnet. In der modernen urbanisierten Gesellschaft erscheint das Tier nur mehr am Rande, als Opfer, als abhängiger Schützling oder als Feind. So wirft ein Rundgang durch diese Ausstellung auch Fragen zum heutigen Mensch-Tier-Verhältnis auf.

Alle Organisatoren der Ausstellung sind Absolventen der Humboldt-Universität. Träger des Projekt ist das Aegypten Forum Berlin, der Förderverein des Seminars für Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas. Finanziert wird sie unter anderem von der Humboldt-Universitäts-Gesellschaft und dem Reiseunternehmen Windrose. Mit ihrem Projekt wollen die Organisatoren nicht nur geistes- und naturwissenschaftliche Fragen verknüpfen. Ihr Ziel ist es, über die akademische Welt hinauszutreten und sich einem nicht-wissenschaftlichen Publikum zu stellen. Deshalb erwartet diese Ausstellung ihre Besucher auch dort, wo sie sich gerne aufhalten – im Berliner Zoo. Dessen Direktor, Jürgen Lange, ließ sich schnell von dem Projekt überzeugen, an dem sich auch das Ägyptische Museum Berlin beteiligt.

Es bleibt der ehrfürchtige Schauer, der einem bei den Worten des Krokodilsgottes über den Rücken läuft: „Ich bin Sobek, inmitten seiner Schrecklichkeit. Ich bin das Krokodil, das raubend fortschleppt. Ich bin der große Fisch, der Größte im Bittersee.“

Die Ausstellung ist vom 15. Juli bis 17. September im Zoologischen Garten zu sehen, Hardenbergplatz 8, Berlin-Charlottenburg. Einlass zu den Zoo-Öffnungszeiten: täglich von 9 bis 18 Uhr 30.

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