Zeitung Heute : Der Geist aus der Flasche

Die Soldaten nannten ihn früher „Göring-Schnaps“. Bei den Jungen ist der Kräuterlikör heute „einfach Kult“. Doch zu ihrem 125. Jubiläum will die Firma Mast, die den „Jägermeister“ erfand, die Vergangenheit lieber ruhen lassen.

Claudia Keller

Die Hirschtrophäen an der Wand sind aus Plüsch, sie heißen Rudi und Ralph. Für 76 Euro 50 sind die Jägermeistermaskottchen im Fanshop in der Wolfenbütteler Rathaus-Passage zu haben. Im Doppelpack, montiert auf eine Holzplatte. „Jägermeister ist einfach Kult“, sagt der 22-jährige Mario. Er trinkt ihn „wahnsinnig gern“, am liebsten mit Kirschsaft. Im Fanshop will er sich jetzt orangefarbene Jägermeister-Badeschlappen kaufen. Die eigentümliche Frakturschrift auf den Sohlen weckt bei ihm keine Erinnerungen an vergangene, nationaldeutsche Zeiten. „Die Schrift ist halt so. Na und?“

Mit der altertümlichen Schrift habe keiner Probleme, sagt Hasso Kaempfe, der Vorstandsvorsitzende der Firma Mast, die den Likör mit dem Hirsch 1935 auf den Markt brachte. Selbst die Amerikaner nicht, die sonst auf alles anspringen, was irgendwie deutschtümelnd daherkäme. „Während des Irak-Kriegs“, erzählt Kaempfe und lehnt sich wohlig im Sessel seines Büros zurück, „als viele deutsche Firmen Absatzprobleme in den USA hatten, haben wir gar nichts gemerkt.“ Auch in Israel kann man den Likör kaufen, er wird bei jungen Leuten dort immer populärer.

Die 20-Jährigen denken also an Partys, wenn sie „Jägermeister“ hören. Die 80-Jährigen in Wolfenbüttel hingegen denken an Hermann Göring. Es ist ein erstaunlicher Wandel, den die Marke über die Jahre durchgemacht hat.

Die Firma Mast wird am heutigen Samstag 125 Jahre alt. Ein Jubiläum, das der Konzern durchaus mit viel Aufwand begehen könnte, in Wolfenbüttel aber will man nur intern feiern. Hasso Kaempfe erklärt das so: „Die Firma Mast wird 125, nicht der Jägermeister.“ Der einzige Grund ist das aber wohl nicht.

Hochburg der Nationalsozialisten

Im vergangenen Jahr hat die Firma mit der Marke Jägermeister 220 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Darüber sprechen Familie Mast und Hasso Kaempfe gerne. Wie es dem Betrieb vor der Einführung des Jägermeisters erging, wie es zu dem neuen Likör 1935 kam und warum alte Leute in Wolfenbüttel bei diesem Getränk an Hermann Göring denken, darüber schweigt Familie Mast. Ihr gehört die Firma nach wie vor. Dazu sagt auch Kaempfe nicht viel, der erste Mann an der Unternehmensspitze, der kein Familienmitglied ist. Eine Firmenchronik gibt es nicht, die meisten Akten seien im Krieg verbrannt, heißt es.

Hasso Kaempfe, graue Haare, beige Baumwollhose, helles Hemd mit offenen Ärmeln, sagt, dass er zwei Historiker beauftragt hat, alles über die Firma aus den Archiven zusammenzutragen. Wer die Wissenschaftler sind, verrät er nicht. Nur so viel: Was sie gefunden haben, liege bei der Familie. Die müsse entscheiden, was veröffentlicht werden soll. Aus Historikerkreisen hört man, dass sich die Familie und auch Kaempfe damit schwer tun, dass zum Beispiel der Name Göring in einer Veröffentlichung auftaucht. Auf den stößt man aber überall in den Archiven, wenn man nach der Geschichte Wolfenbüttels im Nationalsozialismus fragt.

In den 30er Jahren hatte sich die „liebe kleine Herzogstadt“ zu einer Hochburg der Nationalsozialisten entwickelt. 1922 wurde in Wolfenbüttel die erste NSDAP-Ortsgruppe außerhalb Bayerns gegründet, am 28. August 1926 notierte Joseph Goebbels nach einem Besuch in der Barockstadt in sein Tagebuch, er habe eine „glänzende SA“ in Wolfenbüttel besichtigt. Nach 1933 saßen hier die „Kreisverwaltung der Deutschen Arbeitsfront“, die NS-Frauenschaft und das nationalsozialistische Freizeitwerk „Kraft durch Freude“.

Wolfenbüttel gehörte seit 1933 zum Gau Südhannover-Braunschweig. Hier war Dietrich Klagges der nationalsozialistische Ministerpräsident. Er residierte in Braunschweig und machte seinen Gau zum NS-Musterland. 1932 tat sich Klagges zum Beispiel dadurch hervor, dass er dem Österreicher Adolf Hitler zu einem gemeldeten Wohnsitz in Braunschweig verhalf und ihn zum Regierungsrat ernannte. Dadurch erhielt Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft und automatisch das aktive und passive Wahlrecht in Deutschland. Außerdem trieb Klagges die „Gleichschaltung“ besonders schnell voran. Kommunisten und Sozialdemokraten wurden deshalb auch in Wolfenbüttel besonders brutal misshandelt.

Seit 1917 führte Curt Mast die Firmengeschäfte, ein Sohn des Firmengründers. In den 20er Jahren vertrat er die konservative Deutsche Volkspartei (DVP) im Stadtrat. Bei der schon nicht mehr freien Wahl im März 1933 zog der Weinhändler noch einmal für die DVP ins Stadtparlament ein. Zwei Monate später duldeten die Nationalsozialisten nur noch NSDAP-Mitglieder im Stadtparlament. Wer nicht in die Partei eintrat, musste gehen. Curt Mast blieb. Seit dem 1.Mai war er „Parteigenosse“ – mit der Mitgliedsnummer 3183016. Drei Tage später tagte das nun rein nationalsozialistische Parlament zum ersten Mal. Das Ergebnis der ersten Sitzung war ein Telegramm an Hitler: „Die rein nationalsozialistisch zusammengesetzte Stadtverordnetenversammlung der im Frühlingsschmuck prangenden Lessingstadt Wolfenbüttel hat beschlossen, dem in unveränderlicher Treue verehrten Führer das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wolfenbüttel zu verleihen.“

Ende 1934 zog sich Curt Mast aus der Politik zurück. Vermutlich, um sich ganz der Einführung seines Jägermeister zu widmen – in grüner Flasche, mit dem orange unterlegten Schriftzug in Fraktur. Die Farbe Grün hatte in Wolfenbüttel schon immer eine besondere Bedeutung: Es ist die Farbe der Jäger. Und in Wolfenbüttel gab es viele Jäger. Die Stadt ist von Wäldern umgeben, der Harz ist nicht weit. Auch Curt Mast soll ein begeisterter Jäger gewesen sein, sagt Hasso Kaempfe. In der Nähe von Salzgitter, dem Sitz der Hermann-Göring-Werke, hatte er eine eigene Jagd.

Unter den Nationalsozialisten konnten die Jäger nicht mehr jagen, wie sie wollten, auch sie wurden „gleichgeschaltet“. Hermann Göring, der nicht nur Reichsinnenminister war, sondern auch Jäger, erließ dazu am 3. Juli 1934 das Reichsjagdgesetz. Er gliederte die Jäger in hierarchische Gruppen. So genannte Jägermeister hatte es schon einmal in der Barockzeit gegeben. Göring erinnerte sich und ernannte 1934 zum ersten Mal Kreis- und Gaujägermeister. Er selbst stand als Reichsjägermeister an der Spitze der Jäger-Pyramide. Außerdem bestimmte Göring, dass die deutschen Jäger künftig jedes Jahr im November zu Reichshubertusfeiern zusammenkommen sollen – in die Wälder um Wolfenbüttel. Ministerpräsident Klagges ließ Göring aus Dankbarkeit zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel einen „Reichsjägerhof Hermann Göring“ bauen.

Ein halbes Jahr nachdem Göring das Reichsjagdgesetz erlassen hatte, meldete Curt Mast seinen Likör beim Patentamt an. Die Firma hatte sich von der Weltwirtschaftskrise noch nicht erholt und war hoch verschuldet. Der neue Likör war die letzte Chance. In einem Brief vom Juli 1934 an Lieferanten schrieb der Fabrikant, dass er den Likör „Hubertusbitter“ nennen will. Er taufte ihn dann aber doch „Jägermeister“. Der Neffe von Curt Mast, Günter Mast, der die Geschäfte der Firma bis 1998 führte, bestätigte in einem Brief auf die Frage eines alten Wolfenbüttelers, dass sein Onkel die Bezeichnung aus dem neuen Jagdgesetz entnommen habe.

In allen Gauen geschätzt

Das Geschäft mit dem Likör lief bestens: Als die Firma Mast 1938 ihr 60. Betriebsjubiläum feierte, schrieb die Braunschweiger Zeitung, dass man den Jägermeister „in allen Gauen und auf allen deutschen Schiffen schätzt“. Curt Mast gab acht Jahre später in seinem Entnazifizierungsbogen für dieses Jahr Einkünfte von rund 37000 Reichsmark an. 1939 war es das Dreifache: 99000 Reichsmark, ein Jahr später wiederum das Doppelte: 165000 Reichsmark. „Der Schnaps war sehr beliebt“, sagt Adolf Kuba. Er hat mit 29 Jahren als Förster die Einweihung des Reichsjägerhofs mitorganisiert und danach jährlich die Reichshubertusfeiern. Bei diesen Feierlichkeiten sei viel Jägermeister getrunken worden, erinnert sich Kuba. In seinem Wohnzimmer sind die Wände mit Geweihen und ausgestopften Hirschköpfen behängt.

Auf der Jägermeister-Homepage findet man heute Zeichentrickhirsche. Außerdem die „Jägerbands“, die die Firma unterstützt, und die Tourdaten der „Jägerettes“, die den Likör in ganz Deutschland promoten. Und natürlich zieht sich die Frakturschrift quer über den Bildschirm. Hasso Kaempfe vermutet, dass der Schriftzug zusammen mit dem Hirschkopf als ein zusammengehörendes Bild wahrgenommen wird. Wenn die vielen Analysen, die er zu Beginn seiner Arbeit bei Mast durchführen ließ, ergeben hätten, dass jemand mit der Schrift Altdeutsches und womöglich die Nazizeit verbindet, „dann hätte ich die garantiert geändert“.

Bei den Alten in Wolfenbüttel hält sich das Gerücht, Curt Mast habe seinen Likör nicht nur nach dem Reichsjagdgesetz benannt, sondern enge Verbindungen zum Reichsjägermeister Göring gehabt, ihm sogar den Schnaps geweiht. Die 80-jährige Susanne Schaper erinnert sich an einen bestimmten Tag in den 30er Jahren. Da sei in der Schule aufgeregt darüber gesprochen worden, dass Curt Mast bei der Hubertusfeier Göring getroffen habe. Und ihr Mann, der Maler Karl Schaper, sagt: „Beim Militär, da hieß das Zeug Göring-Schnaps.“

Günter Mast hatte 1995 in einem Brief geschrieben, dass eine Verbindung zu Göring „niemals bestanden hat“. Auch Hasso Kaempfe winkt ab. Das Gerücht kenne er. Aber die Familie habe einen Brief aus dem Reichsinnenministerium, in dem stehe, dass man gegen die Bezeichnung Jägermeister für den Likör nichts habe, aber dass Göring nicht benutzt werden wolle für Werbezwecke. Um sich auf eine solche Verbindung festzulegen, sei Curt Mast auch zu eigensinnig gewesen, meint Kaempfe. „Der hatte nur die Firma im Sinn.“

Günter Mast, der die Firma ab den 60er Jahren leitete, schrieb in seinem Brief: „Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass mein Onkel Curt Mast zu denjenigen Personen gehört, die es verstanden, sich mit den Nazis zu arrangieren, ohne selbst Nationalsozialist zu sein. (…) Absolut richtig ist, dass mein Onkel Kontakte zum Ministerpräsidenten Klagges unterhalten hat. Das geschah im Rahmen seines sicherlich zu kritisierenden Arrangements mit der damals herrschenden Partei. Zutreffend ist auch, dass mein Onkel nach dem Krieg mit Group Captain Hicks enge Verbindungen unterhielt. Dies beruhte ebenfalls auf seinen Bestrebungen, sich mit den jeweils herrschenden Persönlichkeiten zu verständigen. Wer sehr hehre Gedanken pflegt, wird das zu Recht kritisieren; wer grundsätzlich in ähnlicher Weise vorgeht, wird dies durchaus anders sehen können.“

Werben mit Paul Breitner

Group Captain Hicks war der englische Militärgouverneur für die Region Braunschweig-Wolfenbüttel. Hicks glaubte Masts Aussage im Entnazifizierungsbogen, dass er immer nur „Parteianwärter“ gewesen sei und nie Mitglied – und das obwohl er eine Mitgliedsnummer hatte, und in allen Briefen, die er schrieb und bekam, mit „Parteigenosse“ angesprochen wurde. Der englische Gouverneur setzte sich dafür ein, dass Mast aus der Entnazifizierung unbeschädigt hervorging. Das konnten etliche Wolfenbüttler nicht verstehen. Sie hatten ihn als Nazi denunziert. Frisch entnazifiziert machte sich der Unternehmer 1946 daran, die CDU in Wolfenbüttel aufzubauen. Man kann ihn zu all dem nicht mehr befragen. 1970 ist Curt Mast hochdekoriert mit Bundesverdienstkreuz und allen Wolfenbütteler Ehren gestorben.

Dann kam Günter Mast, der Neffe, und machte aus dem gut laufenden Betrieb ein Weltunternehmen. Er ist der Sohn von Curt Masts Bruder. Der war wegen einer Liaison zu einer Jüdin 1936 aus der Firma ausgetreten und 1939 mir ihr nach Brasilien emigriert. Günter Mast blieb mit seiner Mutter in Wolfenbüttel. Er entdeckte die Banden der Fußballstadien und die Brust von Fußballern als Werbeflächen. Er half finanziell, den Fußballclub Eintracht Braunschweig in die Bundesliga zu führen. Der Firmenchef kaufte für den Club Paul Breitner ein und machte aus Bernd Franke und Horst Wolter Nationaltorhüter. Günter Mast habe in den 60er Jahren erkannt, dass die Jäger als Zielgruppe nicht ausreichen, sagt Hasso Kaempfe.

In einer Ecke vor Kaempfes Büro hängt ein Ölgemälde mit Hirschen im Wald. Ansonsten erinnert bei Jägermeister heute kaum mehr etwas an die Jagd- und Fußballzeiten. Kaempfe wurde vor fünf Jahren nach Wolfenbüttel geholt, um für die 20-Jährigen den Staub von den Jägermeister-Flaschen zu wischen. Die „Toten Hosen“ machten 1996 vor, wie das geht. „Zehn kleine Jägermeister rauchten einen Joint, den einen hat es umgehaun, da warens nur noch neun“, sangen sie in ihrem Lied und wendeten des Spießers Lieblingsschnaps ironisch. Sie landeten an der Spitze der Charts. Kaempfe hilft der Popularität noch ein bisschen nach, lässt Jägermeister bei Rockkonzerten ausschenken und schickt „Jägerettes“ in bauchfreien Tops, Miniröcken und mit Jägermeister unterm Arm in Clubs und Diskotheken. Für die einsamen Trinker in der Eckkneipe, für die freiwillige Feuerwehr und die Fußballfans soll der Schnaps ruhig sein verstaubtes Image beibehalten.

Auch den Internetauftritt ließ Kaempfe verjüngen. Zwischen Zeichentrickhirschen und den „Jägerettes on tour“ gehen die zwei kleinen Hinweise auf die Zeit vor 1945 fast unter. Unter der Rubrik „Werbegeschichte“ sieht man zwei Anzeigen mit der Flasche, die eine von 1937, die andere von 1941. Die dazugehörenden zeitgenössischen Werbetexte sind in einem so kleinen Format reproduziert, dass man sie nicht lesen kann. Erst die Schrift auf der Anzeige aus dem Jahr 1947 ist lesbar.

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