Zeitung Heute : Der Geist von Mannheim

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Einen Schritt zurückzutreten kann ja manchmal einen Fortschritt bedeuten. Wie an Jürgen Möllemann zu sehen ist. Jetzt hat er sich eingereiht ins Team 18, demonstrativ, den Parteichef Chef sein lassen – und das wirkt nach. So viele Hände musste er selten schütteln. Seine beste Rede seit langem sei das gewesen, „das kann er“, sagt auch der mit ihm in herzlicher Abneigung verbundene Kollege im Amt des Vizevorsitzenden, Walter Döring. Da zeigt sich der Geist von Mannheim: Es gibt etwas, das ist wichtiger als sie selbst.

Allerdings ist Möllemann nicht ganz uneigennützig. Ein Sieg eröffnete ihm gleich mehrere Optionen. Er könnte in Berlin Bundesminister werden, vielleicht für einen der Bereiche, die er bis zum 22. September im Team wahlkampfmäßig betreut, Innen und Gesundheit. Er könnte aber auch Fraktionschef im Bundestag werden, kämpferischer Redner, der er ist, weil der gegenwärtige Amtsinhaber Wolfgang Gerhardt ins Kabinett eingerückt ist. „Außenminister muss ich ja nicht werden“, entgegnet Möllemann seinen Kritikern ironisch. Wenn er das mal ernst meint.

Oder aber Möllemann bleibt in Düsseldorf und versucht die Neuauflage der sozialliberalen Koalition. Dann würde er halt dort Minister, für Wirtschaft oder für Inneres, wie weiland Willi Weyer. Der FDP-Landeschef entscheidet nichts, so lange nichts entschieden ist.

Von taktischer Krankheit war vorher die Rede gewesen, als er nicht zum Beginn des Kongresses erschien, vom „Morbus Karsli“, spöttisch benannt nach dem umstrittenen Ex–Grünen. Als aber Möllemann auf dem Podium stand, um Luft rang, verschwitzt, überwog Verständnis. Westerwelle überreichte ihm ein Aspirin. Gegen seine Gewohnheit gab es dann auch keine Gespräche mit Journalisten mehr. Möllemann machte sich auf den Weg zurück nach Nordrhein-Westfalen. Das war nicht politisch zu verstehen: Die heutigen Termine sind abgesagt. cas

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