Zeitung Heute : Der geklonte Zucker

Er darf Embryonen herstellen, als Erster in Europa. Gelernt hat Miodrag Stojkovic das in Deutschland. Sein Ziel: Diabetes heilen

Matthias Thibaut[Newcastle]

Viel braucht man nicht, um einen Embryo zu klonen. Kenntnisse der Embryologie, eine ruhige Hand, ein gutes Mikroskop, den Mikromanipulator – zwei Joysticks, mit denen man den einen fünfzigstel Millimeter großen Zellkern unterm Mikroskop aus der Eizelle löffeln kann. Und die amtliche Erlaubnis. In Newcastle ist das Embryonenlabor kaum größer als ein Wohnzimmer. Voll gepackt, aber klinisch ordentlich. Der einzige Farbfleck ist der Feuerlöscher an der Wand. Und das rote Hemd von Dr. habil. Miodrag Stojkovic.

„Wenn sie mich klonen, wird ein Fußballer herauskommen“, sagt er und lacht. Stojkovic ist ein schlaksiger Mann, auf dem Tisch liegt ein Zeitungsartikel über den amerikanischen Kollegen Panos Zavos. „Ein verrückter Spinner mit dünnem wissenschaftlichem Hintergrund.“ Zavos wollte aus Zellen toter Kinder neue Embryonen klonen – eine dieser Geschichten, die Wissenschaftler wie Stojkovic in Verruf bringen. „Als könnte man Tote zum Leben erwecken“, sagt er. Als nüchterner Wissenschaftler sieht Stojkovic schnell, wo Spinner am Werk sind.

Vor 13 Jahren verließ er Serbien, sein Heimatland, weil er sah, „dass da nur Chaos kommen würde“. Das Stadtkind aus Belgrad wollte Tierarzt werden, seit es einmal in den Sommerferien in Mazedonien einen Esel sah. Da befriedigte die Arbeit in einer pharmazeutischen Fabrik in Leskovac in Südserbien nicht lange. 1991 ging der damals 27-Jährige als Krankenpfleger nach Hamburg. Nun hat Stojkovic von der britischen Embryologiebehörde die erste Genehmigung für therapeutisches Klonen erhalten, und die halbe Welt interessiert sich für den Forscher. Alle paar Minuten kündigt der Computer eine neue E-Mail an – „fast alle positiv“. Nur aus Deutschland, wo er elf Jahre gearbeitet hat, sind nicht so viele Mails gekommen. „Es ist ja auch noch Urlaubszeit“, sagt Stojkovic.

Dass er nun in Newcastle in Nordengland forscht, „ist Deutschlands Schuld“. Er meint nicht das Embryonenschutzgesetz, das in Deutschland verbietet, was in Newcastle mit Steuergeld gefördert wird. Er meint seine Dankbarkeit. Weil deutsche Universitäten seinem serbischen Tierarztzeugnis nicht trauten, musste Stojkovic vier Semester nachstudieren.  Das war sein Glück. Beim Münchner Rinderkloner Professor Eckhard Wolf machte er den Doktor in Embryologie. Valerie Zahhartchenko vom Institut für molekulare Tierzucht und Biotechnologie brachte ihm das Klonen bei.

Auf dem Resopaltisch in Stojkovics Büro liegt ein Hochglanzprospekt für die neue Leica ASTP Transgenic Platform, mit dem integrierten Mikromanipulator der Hamburger Firma Eppendorf. Deutschland baut die besten Mikroskope. Doch Embryonen darunter zu legen, ist in Deutschland verboten. Das Klonen und Herstellen embryonaler Stammzellen auch. Der Bundestag hatte sich 2003 mit großer Mehrheit für ein weltweites und umfassendes Klonverbot ausgesprochen. Die Entscheidung in Großbritannien, das Klonen erstmals in Europa zu erlauben, hat die Debatte neu entfacht. Im Nationalen Ethikrat, einem von der Bundesregierung eingesetzten Expertengremium, streiten sie derzeit. Im Verlauf dieses Monats soll eine Stellungnahme erfolgen.

„Die deutsche Wissenschaft ist durch das Embryonenschutzgesetz diskriminiert“, sagt Stojkovic. „Sogar wenn sie Stammzellen importieren wollen“ – was nur möglich ist, wenn diese vor dem 2. Januar 2002 entnommen und vervielfältigt wurden – „lässt man die Leute nach der Antragstellung zwei Jahre warten.“

So antwortete er auf eine Stellenanzeige in der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ und beugt sich nun im Bioscience Centre for Life in Newcastle über das Zeiss-Axiovert-200M-Mikroskop. In der Plastikschale, die seine Frau Petra aus dem Brutschrank holt, schwimmt ein Kardiomyozyt – eine Herzmuskelzelle. Wie ein kleines Miniherz zuckt das Zellbällchen in der Petrischale.

Die ersten Zellen eines werdenden Embryos sind pluripotente Stammzellen, die sich in jeden der über 200 Zelltypen entwickeln können, aus denen ein Körper besteht. Nervenzellen, Muskelzellen, Hirn, Blut. Oder, was Stojkovic besonders interessiert, Insulin produzierende Pankreaszellen. Kritiker der Stammzellforschung wollen, dass die Zellen in der Plastikschale wie eine Person behandelt werden und den vollen Schutz des Menschenrechts genießen. Nein, entschieden die Lords des britischen Oberhauses unter Vorsitz des Bischofs von Oxford und erlaubten am 27. Februar 2002 die Forschung an embryonalen Stammzellen und das Klonen menschlicher Embryonen für therapeutische Forschungszwecke. Menschliche Identität beginne erst, wenn sich der Embryo in der Gebärmutter einnistet. Der Embryo, der potenzielle Mensch, sei vorher noch keiner. „Ein Kind ist ein potenzieller Wähler, hat aber kein Recht, als Wähler behandelt zu werden, so lange es nicht 18 ist“, so die Analogie der Lords. Gleichzeitig wurde die Einpflanzung eines geklonten Embryos in die Gebärmutter unter Androhung von Gefängnis verboten. Das Parlament schloss sich der Entscheidung des Oberhauses an.

Embryologen wollen herausfinden, wie sich die Stammzellen entwickeln, wie sie sich differenzieren, was man mit ihnen therapeutisch erreichen könnte. Die „Aneignung der Quellen des Lebens und der Wahrheit“, nannte Papst Johannes Paul II. das in seiner Rüge an die Briten. Menschen heilen helfen, nennt es Stojkovic.

„Menschliches Leben muss von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende geschützt werden“, mahnt der Papst. Angesichts der allein in den USA zur Vernichtung anstehenden 400000 Embryonen hält Stojkovic das für doppelte Moral. „Der Papst will diese Embryonen auch nicht“, sagt er. „Niemand will sie. Da ist es unlogisch, sie der Forschung zu verweigern und zu sagen, schmeißen wir sie lieber gleich weg.“ Seine Frau nickt. „Augenwischerei“, sagt sie.

Lieber aber attackiert das Forscherpaar auf biochemischem Wege die Umhüllung der Blastozyste, des stecknadelkopfgroßen, maximal acht Tage alten Embryos, und isoliert daraus die Stammzellen. Mit einer Pipette wechselt die Saarbrückerin die lachsrote Flüssigkeit in der Petrischale. Fütterung  der Zellen. Das „Medium“ enthält eine sorgfältig zusammengestellte Diät aus Aminosäuren, Vitaminen und Proteinen, mit der die Entwicklung der Zellen gesteuert wird.

Man kann natürlich auch mit adulten, also nicht aus Embryonen entfernten Stammzellen forschen. Man kann sie zum Beispiel aus Blut gewinnen, es ist sehr einfach – auch in Deutschland, ohne in Konflikt mit den Gesetzen zu kommen. Doch die haben nicht das gleiche Potenzial sich zu differenzieren wie embryonale Stammzellen. Außerdem könne man adulte Stammzellen sehr schlecht in der Plastikschale kultivieren, sagt Stojkovic. „Das muss man in Deutschland einmal akzeptieren, man muss beide Augen aufmachen und beide Seiten verfolgen und nicht die embryonalen Stammzellen mit einer schlechten Entschuldigung ignorieren.“ Schlecht ist die Entschuldigung für Stojkovic schon deshalb, weil allein in Deutschland jedes Jahr ohne großes Aufheben 340000 Föten abgetrieben werden – nicht nur stecknadelkopfgroße Blastozysten  – Föten mit voll angelegten Nervensystemen.

Stojkovic will Stammzellen, die das genetische Profil eines Typ-I-Diabeteskranken haben – den Gendefekt eines Zuckerkranken. Das Projekt klingt einfach. Einer von der benachbarten Fruchtbarkeitsklinik gespendeten, nicht befruchteten Eizelle wird der Kern entnommen und damit alle genetischen Daten. Dann wird der Zellkern eines erwachsenen Diabetikers eingepflanzt. Man lässt diesen geklonten Embryo fünf bis acht Tage bis zum Blastozystenstadium wachsen und isoliert daraus die Stammzelle eines Diabetikers. Das gelingt selten, 200 Eizellen braucht man in der Regel, aber „dann haben wir den genetischen Defekt in der Plastikschale vor uns und können dieser Krankheit auf den Grund kommen“, sagt Stojkovic. Niemand weiß, warum Menschen an Diabetes erkranken, eine Krankheit, deren Symptome man kontrollieren kann, die aber bis heute unheilbar ist.

In der Plastikschale nun, das hofft Miodrag Stojkovic, wird er die biochemischen und molekularbiologischen Mechanismen beobachten können, ihre Entwicklung studieren, die Wirkung von Arzneimitteln, wie sich die Stammzelle zur Insulin produzierenden Pankreaszelle differenziert und warum der Organismus beim Diabetiker diese Zelle selbst zerstört. Sollte es gelingen, die Pankreaszelle zur Insulinproduktion anzuregen und dem Patienten wieder einzuspritzen, gäbe es keine Abstoßungsreaktion – die Zelle stammt ja vom Patienten selbst.

Im nächsten Monat sollen die Vereinten Nationen nach dem Willen einiger Länder eine Konvention beschließen, in der das Klonen von Embryonen, egal ob zu reproduktiven oder therapeutischen Zwecken, verboten werden könnte. Großbritannien, da ist sich Stojkovic sicher, würde eine solche Konvention, die seine Arbeit verbieten würde, nie unterzeichnen. Viele sagen, die britische Wissenschaft habe sich mit ihrem Vorpreschen international isoliert. Stojkovic ist anderer Ansicht. Er sieht vielmehr einen Vorsprung. „Die Briten sind nicht besserwisserisch oder stur. Seit sie 1978 mit Louise Brown das erste Retortenbaby machten, haben sie konsequent darüber nachgedacht, wie man die Vorteile der Embryologie nutzen und die Nachteile vermeiden kann.“

Wenn Stojkovic am Mikromanipulator einmal nicht aufpasst, geht die Eizelle kaputt. Hat er dann Leben vernichtet? „Ich habe eine Beziehung zu den lebenden Menschen, denen ich helfen will“, sagt er. Die nächste Station für das deutsch-serbische Ehepaar soll ein Krankenhaus sein. Miodrag Stojkovic will nicht nur über dem Mikroskop sitzen. Einmal einem Zuckerkranken Insulin produzierende Zellen in die Bauchspeicheldrüse spritzen oder einem Herzpatienten eine dieser schlagenden Kardiomyozyten, das ist das Ziel des Wissenschaftlers. Gerne auch in Deutschland. Denn so gern er an den herrlichen Stränden bei Newcastle spazieren geht, deutsche Brezeln vermisst er schon ein bisschen.

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