Zeitung Heute : Der Generalangriff

„Komm runter vom Bock“: Viele Parteifreunde beknieten Franz Müntefering, den Streit mit „Bild“ sein zu lassen. Doch er bleibt stur. Die SPD versteht ihren obersten Wahlkämpfer nicht mehr.

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Von Peter Siebenmorgen

In der Nacht kreuzen sich die deutschen Wege bei Magdeburg. Franz Müntefering, der SPD-Generalsekretär, ist am Mittwochnachmittag in die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt geeilt, wo er um 18 Uhr auf einer Mobilisierungskonferenz seiner Partei für den Bundestagswahlkampf auftreten soll. Anschließend, so bescheidet Münteferings Pressestelle wissbegierige Nachfragen, habe der Generalsekretär noch einen privaten Termin. Und dieser Termin ist so privat, dass nähere Auskünfte nicht gegeben werden.

Während der oberste Wahlkampfleiter der Sozialdemokratie die geschlagenen Häupter der ostdeutschen Genossen wieder aufzurichten und auf Kampf statt Selbstmitleid einzustimmen versucht, rollt eine schwarze Limousine, aus Hamburg kommend, in die Magdeburger Abenddämmerung. Der Mann, der sich zum Geheimtreffen mit Müntefering chauffieren lässt, ist zurzeit dessen ärgster Feind. Wenige Tage ist es erst her, es war am 2. August, dass Müntefering seinen nächtlichen Gesprächspartner mit einer Strafanzeige wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte überzogen hat. „Bild“ habe für Enthüllungen in der Vielflieger-Affäre monatelang Politiker ausspioniert. Und am Tag, an dem sie sich treffen, tobt der heftige Streit zwischen den beiden munter weiter. Denn Kai Diekmann, der gleich mit Franz Müntefering zusammenkommen wird, hat gerade erst in jener Zeitung, in „Bild", deren Chefredakteur er ist, Münteferings Anzeige faksimiliert. Und für solche, eigentlich gesetzlich verbotenen Veröffentlichungen aus Ermittlungsakten muss sich die Staatsanwaltschaft von Amts wegen interessieren.

Über den Inhalt ihres Gesprächs haben die beiden strengstes Stillschweigen vereinbart. Kai Diekmann ist zu keiner Stellungnahme bereit. Franz Müntefering, immerhin, bestätigt am Donnerstag, dass das Treffen im Schutz der Nacht stattgefunden habe: „Ich habe mich gestern mit Herrn Diekmann in Magdeburg getroffen.“

Um sich auszumalen, worum es geht, braucht es nicht viel: ein wenig Fantasie und ein paar Indiskretionen aus der Berliner Regierungszentrale, wo sich die Zweifel an Münteferings Geschick und dem der Kampa bei der Wahlkampfführung bereits seit längerem türmen: Müntefering sucht nach einem Weg, um sich aus dem von Tag zu Tag fataler werdenden Stellungskrieg mit „Bild“ mit möglichst geringem Gesichtsverlust zu lösen. Von vielen Seiten wird er dazu gedrängt: von einigen seiner engsten Vertrauten – vor allem aus dem Kanzleramt.

Der Bundeskanzler ist beileibe nicht der Einzige, wenn auch der Prominenteste unter ihnen. Was ist bloß geworden aus dem früher so bewährten, tritt- und instinktsicheren Talent Müntefering? Aus dem, der einen großen Anteil am Wahlsieg von 1998 hatte? Der jetzt einen Fehler nach dem anderen macht? Keine wirklich großen. Und doch solche, die sich in der Summe zu etwas Großem auswachsen. Jetzt also der Streit mit „Bild“.

Der zornige Kanzler

Natürlich ist auch Gerhard Schröder furchtbar sauer auf das Hamburger Boulevard-Blatt, das der Öffentlichkeit fast täglich einen neuen Meilen-Sünder aus dem rot-grünen Lager präsentiert. Wie groß des Kanzlers Groll darüber ist, lässt sich auch daran ermessen, dass er gar nicht erst versuchte, seine Frau, die frühere „Bild“-Reporterin Doris Schröder-Köpf, davon abzuhalten, sich in die Auseinandersetzung einzuschalten und in die händeringende Schar jener einzureihen, die „Kampagne“ rufen. Dass Müntefering aber die Chefredaktion von „Bild“ beim Staatsanwalt angeschwärzt hat, findet seine Billigung nicht, so sehr diese mit ihm nicht abgestimmte Aktion ihm auch sympathisch sein mag. Der Kanzler weiß, dass die Berichterstattung von „Bild“ bei deren Lesern, die zum Großteil stets noch SPD gewählt haben, Wirkung zeigt und Empörung produziert. Dagegen muss man sich politisch wehren, er tut es selbst. Nicht aber mit dem Strafrecht herumfuchteln und drohen. Das schafft unnötige Solidarisierung der Leser mit den Blattmachern und mobilisiert zudem die Medien – auch jene, die „Bild“ kritisch gegenüberstehen – zum gemeinsamen Kampf gegen das, was nicht nur „Bild“-Journalisten als Anschlag auf die Pressefreiheit gilt.

Eine Vielzahl von Parteifunktionären und Mandatsträgern denkt ähnlich und bekniet Franz Müntefering seit ein paar Tagen inständig, von dieser in Wahkampfzeiten besonders kontraproduktiven Auseinandersetzung zu lassen. Noch wenige Minuten, bevor sich Müntefering auf den Weg nach Magdeburg macht, meldet sich ein weiterer Bundestagsabgeordneter bei ihm: „Komm runter von diesem Bock“, ermuntert der ihn. „Aber weißt du denn auch wie?“, lautet die Antwort.

Rückzug ohne Gesichtsverlust ist längst nicht mehr möglich. Es geht nur noch um Schadensbegrenzung. Doch dieses „nur noch“ hat es in sich. Einerseits bindet der Kampf gegen „Bild“ Kräfte, die für die Auseinandersetzung mit dem wirklichen politischen Gegner benötigt werden. Der ganze Donnerstag des SPD-Generalsekretärs steht unter dem Zeichen von „Bild“, denn die Bereitschaft, die Front durch die Rücknahme der Strafanzeige zu begradigen, allein reicht ja nicht aus. Sie will umgesetzt werden. Mit welcher Begündung? Eine Sprachregelung, die Müntefering aus seiner Umgebung nahegelegt wird, lautet: Er habe ein Zeichen setzen wollen, dass „Bild“ mit der Art seiner Vielflieger-Berichterstattung eine schützenswerte Grenze überschritten habe. Um in diesen aufgeregten Zeiten mit einer solchen Botschaft überhaupt noch durchzudringen, habe er, sozusagen „symbolisch“, den Weg der Strafanzeige gewählt. Nun, da er seine Message überbracht habe, sei der Zweck erfüllt, die Anzeige kann kassiert werden.

Doch darauf mag sich Müntefering, der hartleibige Sauerländer, nicht einlassen. Er ist zutiefst davon überzeugt, richtig, prinzipientreu, gehandelt zu haben. Und diese Prinzipien bleiben richtig, auch wenn sie taktisch nicht ins Konzept passen.

Während der Generalsekretär darüber brütet, wie er doch noch „herunter vom Bock“ kommen kann, sieht man im Kanzleramt mit wachsender Sorge die Gefahr einer weiteren Verhärtung, falls eine Einigung zwischen Müntefering und Diekmann scheitert. Ja, Schröder schätzt „den Franz“, weil der so ist, wie er ist. Er weiß, dass ihm das Prinzipielle schwer auszureden ist. Das macht den Mann sympathisch. Das macht aber jetzt auch die Zusammenarbeit in der Schlussphase des Wahlkampfs so schwierig – mit dem, den Schröder nach dem Abgang von Lafontaine zurück in die SPD-Zentrale geholt hatte, um sein eigenes Defizit an Gespür für die Seele der Partei auszugleichen. Und so kommt es zu merkwürdigen Gleichzeitigkeiten von Ungleichzeitigem: Während der eine die Staatsanwaltschaft dem Massenblatt auf den Hals hetzt, nutzt der andere täglich – zuletzt am Donnerstag – den Boulevard von „Bild“, um den Wählern in umfangreichen Darlegungen seine Sicht auf Deutschlands Zukunft und die eigene mitzuteilen.

Der Zwischenspurt

Umso unerfreuter ist man im Bundeskanzleramt, als am Donnerstag gegen 16 Uhr die Nachricht vom vorläufigen Scheitern der Einigungsbemühungen zwischen Diekmann und Müntefering einläuft. „Ist der Mann jetzt völlig von der Rolle?“, fragt man sich. Seit längerem gab es ja entsprechende Anzeichen: Während der Kanzler in die Schlussrunde des Wahlkampfs mit der Botschaft zieht, sich keinesfalls an irgendeinem Waffengang gegen den Irak zu beteiligen, lobt der Generalsekretär die deutsche Beteiligung im Kosovo und in Afghanistan als wichtigen Beitrag zur Auflösung von Reformstau in Deutschland. Seit Wochen liegen sich die Genossen in Nordrhein-Westfalen und die Wahlkampfmanager der SPD in Berlin darüber in den Haaren, wem demnächst die Schuld an der jetzt ernsthaft befürchteten Wahlniederlage am 22. September zuzurechnen sein wird. Und während der Stichtag bedrohlich nahe rückt, ohne dass die Kampagne der Sozialdemokratie in Schwung käme, erklärt Müntefering das Vorziehen der heißen Wahlkampfphase als „Zwischenspurt“.

Die Wunderwaffe der SPD von 1998, die Kampa, landet keine Treffer beim Gegner mehr, dafür aber in den eigenen Reihen. Schon raunen solche, die man für Wissende halten kann, etwas von einem Zerwürfnis an der Spitze der Partei. Am Donnerstagabend ist nach außen davon allerdings nichts sichtbar: Um 17 Uhr tritt Müntefering vor die Presse, um die neuesten Wahlkampfplakate vorzustellen. Ganz wenig von der SPD ist da zu lesen. Doch Gerhard Schröder ist ganz groß zu sehen.

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