Zeitung Heute : Der Genossen-Versteher

Stephan Haselberger

Vielleicht sieht man im glatt rasierten Gesicht von Franz Müntefering am besten, wen sich die SPD da an die Spitze gewählt hat. Der Vizekanzler sitzt als Zuhörer in der ersten Reihe im Willy-Brandt-Haus, das Haar streng nach hinten gekämmt, die Mundwinkel nach unten gezogen. Alles an ihm ist respektheischende Distanz. Nur manchmal erlaubt sich dieser Meister der Selbstkontrolle einen schnellen Blick zur Decke, der alles Mögliche bedeuten kann, nur eines nicht: Der da oben macht das richtig gut.

Der da oben trägt einen Fünf-Tage-Bart und hat Lachfalten um die Augen. Matthias Platzeck, seit 100 Tagen Münteferings Nachfolger im Amt des SPD-Vorsitzenden, steht an diesem Montag auf dem Podium in der Parteizentrale und eröffnet eine Fotoausstellung zum Gedenken an ein „Genie der Menschlichkeit“. Platzeck spricht von Johannes Rau und dessen politischem Vermächtnis. Aber es hört sich an, als rede er von sich.

Die Partei programmatisch erneuern, für eine neue politische Kultur inner- und außerhalb der SPD sorgen, Vertrauen schaffen – kein Zweifel, für all das stünde der Neue gerne selbst. Wie Rau sieht auch er sich vorzugsweise „nah bei den Menschen“. Und genauso wünscht er sich seine Partei.

Nähe oder deren Anschein zu erzeugen – so genau weiß man es nicht – ist Platzecks Stärke. Wo immer er auftritt, sucht er direkten Kontakt. In den Disziplinen Händedruck, Schulterklopfen, vertrauensvoller Blick liegt er uneinholbar vorn, und anders als die Konkurrenz wirkt er dabei nicht gekünstelt. Es ist wohl so, dass Platzeck über die seltene Gabe verfügt, bei seinem Gegenüber das Gefühl zu erzeugen, er interessiere sich aufrichtig für die jeweilige Person.

Überhaupt hat er das Kunststück fertig gebracht, sich dem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Politikern zu entziehen. Das Bild vom jungenhaften, nicht völlig angepassten Landesvater lässt die Frage nach persönlichen Karriere-Ambitionen gar nicht erst aufkommen, obwohl schon sein Aufstieg vom DDR-Umweltaktivisten zum brandenburgischen Ministerpräsidenten ohne eine gehörige Portion Machtbewusstsein nicht denkbar ist. So einer kann Menschen gewinnen, keine Frage. Aber auch Wahlen außerhalb von Brandenburg?

Vertrauen, immer wieder Vertrauen - manchen in seiner Partei klingt Platzeck inzwischen zu sehr nach Rau und zu wenig nach Parteichef. Sie zweifeln an seiner Durchsetzungskraft, wenn er den Vermittler gibt. Sie fragen sich, wer in der SPD eigentlich das Sagen hat, wenn Sozialminister Müntefering ohne Absprache mit Platzeck die Einführung der Rente mit 67 vorzieht. Und sie wissen nicht, wohin er die SPD eigentlich führen will.

So ist sie, die SPD: widersprüchlich in ihren Sehnsüchten. Ruft nach dem entschlossenen Chef, wenn sie einen diskussionsfreudigen Moderator an der Spitze hat, und nach dem diskussionsfreudigen Moderator, wenn einer ihr entschlossen die Richtung vorgeben will.

Dass die Genossen neben warmen Worten und gedanklichem Überbau auch harte Positionen im täglichen Geschäft erwarten, dass der Vorsitzende etwas tun soll gegen bröckelnde Umfragewerte und Profilverlust in der Koalition – das alles durfte Platzeck lange vor Ablauf der 100-Tage-Frist in den Zeitungen lesen. Die Partei ist vor den Landtagswahlen am 26. März ungeduldig und nervös. Und man konnte in den letzten Wochen durchaus den Eindruck gewinnen, ihr Vorsitzender habe sich anstecken lassen. Seine Forderung, in der Iran-Krise die militärische Option „vom Tisch“ zu nehmen, wurde jedenfalls auch in der SPD als Versuch gedeutet, ein Thema zu setzen, bei dem die Partei ganz mit sich im Reinen ist.

Mangelnde Durchsetzungsfähigkeit, schwache Nerven, zu wenig Härte? Platzecks Freunde in der SPD, der Brandenburger Bundestagsabgeordnete Peter Danckert zum Beispiel, erinnern bei solchen Fragen gern an Platzecks Standfestigkeit im Landtagswahlkampf 2004. Hat er da nicht allen Protesten zum Trotz zu Schröders Reformagenda gestanden und damit die Wahl gewonnen? Oder die Trennung von den Landesministern Alwin Ziel und Steffen Reiche nach der Wahl. War das kein Ausweis von „Härte in der Sache“, wie es sein Förderer und Vorgänger im Amt des Ministerpräsidenten, Manfred Stolpe, formuliert?

Es gibt wohl tatsächlich noch einen anderen Platzeck. Der soll im Herbst 2004 seinen alten Freund Steffen zu sich gerufen haben, um ihm zu eröffnen: „Großer, ich werde dich nicht wieder berufen.“ Einzige Begründung: „Wir haben unterschiedliche Wahrnehmungen.“ Platzeck könne „sehr strikt entscheiden“, scheue sich aber, den Konflikt danach wirklich auszutragen, glaubt der letzte DDR-Außenminister Markus Meckel.

Sicher ist, dass die Konflikte, die Platzeck als SPD-Chef in Berlin auszufechten hat, härter sein werden als daheim in Potsdam. Der Erwartungsdruck aus der Partei ist riesig, aber die neue Rolle lässt ihm nur wenig Spielraum. „Distanziert er sich zu dolle von der großen Koalition, heißt es: Was ist denn das für eine Art? Trägt er alles mit, wird über mangelndes Profil geklagt“, beschreibt SPD-Vorstandsmitglied Wolfgang Jüttner das Dilemma.

Und dann ist da noch Franz Müntefering, der Verschlossene aus der ersten Reihe. Er hat Platzecks Versprechen einer offenen Diskussionskultur in der SPD-Spitze als Kritik an seinem Führungsstil verstanden, und Müntefering kann nachtragend sein. Ohnehin bevorzugt der vormalige SPD-Chef im Zweifel eher Kontrolle als Vertrauen. Gut möglich, dass sich das Verhältnis zwischen Müntefering und dem Wunschnachfolger deshalb verkantet hat. Ohne enge Zusammenarbeit mit Müntefering aber kann Platzeck auf Dauer kaum Erfolg haben. „Es wird sehr auf eine vernünftige Arbeitsteilung ankommen“, sagt Stolpe voraus.

Platzeck selbst gibt sich von alledem unbeeindruckt. „Pfffffft“, bläst er in den Hörer, wenn man ihm am Telefon die nicht wirklich überraschende Frage stellt, welche Bilanz er denn selbst für sich zieht nach 100 Tagen im Amt. „Pffffft“, macht Platzeck, darüber habe er „noch nicht nachgedacht“. Dann nennt er aber doch „so’n paar Punkte“ : Stabilisierung der Partei nach Münteferings Rücktritt, guter Start der Koalition, das Thema Familie und Bildung, die bevorstehende Debatte über das Grundsatzprogramm, Entschärfung der EU-Dienstleistungsrichtlinie, Mindestlöhne. Er klingt, als sei er ganz zufrieden mit sich.

Und das Lamento aus den eigenen Reihen? Mit solchen „Erscheinungen“ habe er im Vorfeld gerechnet, sagt Platzeck, schließlich sei er „seit 16 Jahren im Geschäft“. Glaube bloß keiner, er habe in dieser Zeit, etwa als brandenburgischer Umweltminister, nicht schwere Wellen reiten müssen. Und außerdem: „Ich bin 35 Jahre in der DDR fröhlich geblieben, da kann mich jetzt nichts mehr schrecken.“ Er werde sich jedenfalls nicht abbringen lassen, seine Vorstellungen von der SPD der Zukunft umzusetzen, einer SPD, die – „geleitet von den gleichrangigen Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ – neue Antworten auf neue Herausforderungen gibt.

Vielleicht ist es ergiebiger, mit Platzeck am konkreten Beispiel über sein Lieblingsthema zu reden.

Vertrauen Sie Franz Müntefering, Herr Platzeck?

„Ja. Schlicht und ergreifend: Ich vertraue ihm.“

Das müssen Sie jetzt sagen, oder?

„Nö, nö, ich vertraue ihm einfach. Dass es manchmal ein bisschen rappelt, ist normal.“

Vertraut er Ihnen?

„Da müssen Sie ihn selbst fragen, das weiß ich nicht. Wir haben auf jeden Fall ein wesentlich besseres Verhältnis, als es in der Presse dargestellt wird. Ich glaube, dass Vertrauen ein Gut ist, ohne das Politik im Team nicht denkbar ist. Auf Dauer lohnt es sich immer, Vertrauen zu wagen.“

Die ihm wohlgesonnen sind in der SPD, sagen, dass Platzeck einfach Zeit braucht. „Er hat keine andere Chance als die Zeit, und die Partei ist gut beraten, ihm diese Zeit auch zu geben“, mahnt SPD-Vorstandsmitglied Jüttner. Manfred Stolpe sagt es so: „Für Platzeck kann nur die Zeit arbeiten. Wenn er im Bundestagswahlkampf als Kanzlerkandidat auf die Bühne treten kann, mit seinen Umarmungsmethoden aller Art, dann wird es gefährlich für Merkel.“ Bisher, weiß Stolpe, war Matthias Platzeck noch immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben