Zeitung Heute : Der gerade Rücken der Partei

Er war verlässlich, seriös und immer zur Stelle, wenn die FDP ihn brauchte. Zum Tod von Günter Rexrodt

Werner van Bebber

Die FDP hat ihn gern in Anspruch genommen, wenn die Not groß war und man sich anders nicht zu helfen wusste. Das lag vermutlich an der Seriosität, die Günter Rexrodt verkörperte, vielleicht auch an seiner Gelassenheit und Belastbarkeit. Bundeswirtschaftsminister ist Rexrodt 1993 geworden, um für die FDP den Schaden zu beheben, den sein Vorgänger Jürgen Möllemann mit der Briefbogenaffäre angerichtet hatte. Empfehlungsschreiben auf Ministeriumsbriefpapier? Mag sein, das Rexrodt darüber im Stillen gelächelt hat. Passiert wäre ihm das nicht, dafür war er zu vorsichtig. Landesvorsitzender der Berliner FDP wurde er 1994 in der Folge der „Figaro-Affäre“: Seine Vorgängerin Carola von Braun hatte Friseurrechnungen bei der Fraktion zur Erstattung eingereicht.

Den Absturz bei der Berliner Wahl von 1995 konnte er nicht verhindern, also legte er den Landesvorsitz nieder: Freisinnig mochten die Berliner Liberalen sein, aber auch streitlustig und vor allem frei von großbürgerlicher Ausstrahlung. Das verleidete Rexrodt den Umgang mit manchem Parteifreund. Aber 2000, fünf Jahre nach dem resignierten Rückzug aus dem Berliner FDP-Vorstand, trat Günter Rexrodt wieder an. Diesmal weniger, um zu reparieren, als um wie ein Unternehmer zu gewinnen. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2001 holte „Mr. Wirtschaft“ 9,9 Prozent für die FDP.

Dabei war Rexrodt keiner, der die Leute mitriss – er wollte wohl gar nicht emotionalisieren. Zur Politik und in die FDP kam er spät, da war er fast 40 und Abteilungsleiter in der Berliner Senatswirtschaftsverwaltung. Für die Karriere, das wusste er, war ein Parteibuch nötig. Die FDP entsprach am ehesten dem Denken eines Mannes, dem Freiheit sehr viel bedeutete, während ihn politisches Gruppendenken misstrauisch machte. Dieses Misstrauen gegenüber Parteien mit übergroßem Verantwortungsgefühl und einem Staat, der dazu neigt, sich in seiner Fürsorge überzustrapazieren, ist in den vergangenen Jahren noch größer geworden. Zehn Jahre werde es dauern, die Bundesrepublik zu sanieren, hat er vor ein paar Monaten gesagt.

Das entspricht den Erfahrungen, die der Berliner Bundestagsabgeordnete als Wirtschaftsminister 1993 und danach machte. Der Osten? Ein wirtschaftlicher Trümmerhaufen. Der Westen? Bei Kräften, aber überreguliert. Rexrodt, der Liberale, brachte in die Debatte, was in der deutschen Konsensrepublik lange Zeit nicht laut diskutiert werden durfte: Senken der Arbeitskosten, Einfrieren der Sozialabgaben, mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, Abkürzung der Ausbildungs- und Studienzeiten, Privatisierung öffentlicher Unternehmen, reduzierter Kündigungsschutz. Jahre hat es gedauert, bis diese Ideen so offen diskutiert wurden wie die Folgen von Sozialreformen.

Dabei war Rexrodt alles andere als ein kalter Typ. Er konnte schneidend sein, aber erst einmal war er charmant und auf eine freundliche Weise gewinnend. Er sei schon Wirtschaftsminister gewesen, als er begriff, dass die Biere mit den Parteifreunden nach einem Vortrag des Ministers mindestens so wichtig seien wie der Vortrag selbst, hat er einmal erzählt. Auch wenn es erfunden sein sollte, konnte er es glaubwürdig erzählen.

Wirtschaftspolitik hat sicher mehr mit Psychologie zu tun als Gesundheitspolitik, und dem großen, breitschultrigen Rexrodt mit dem geraden Rücken und dem freundlichen Lächeln gelang durch reine Anwesenheit die Herstellung jenes Minimalvertrauens, ohne das Politiker nicht an- und auskommen. Das war nicht nur Image. Viele sagen über ihn, er sei in einer Weise verlässlich gewesen, die man nicht mehr so oft finde. Und auf erfrischende Weise meinungsstark.

Gewiss hat Rexrodt in seinem Leben mehr Politik als Wirtschaft gemacht. Doch kannte er die Wirtschaft auch als Manager, als Citibank-Vorstand und vor der Übernahme des Ministeramtes auch als Treuhand-Vorstand. Als Mr. Wirtschaft im Kabinett von Helmut Kohl versuchte er zu deregulieren, was mittlerweile längst liberalisiert ist, vom Ladenschluss bis zum Telefonmarkt. Als Oppositionsabgeordneter saß er für die FDP im Haushaltsausschuss. Nebenher gehörte er bis vor einigen Monaten zu den Chefs einer Agentur, die politisches Marketing machte – WMP. Angegriffen wurde er deswegen als Lobbyist; nachzuweisen war ihm nichts – außer, dass er auch als Politiker nicht bloß von der Öffentlichkeit und von Steuergeldern leben wollte.

Mit der Berliner FDP, deren Landesvorsitzender er bis 2004 gewesen ist, diskutierte er zuletzt über eine moderne Bürgergesellschaft unter der programmatischen Überschrift „Berliner Freiheit“ – auch so eine Vorstellung von Politik, die lange, lange beredet werden muss. Rexrodt war kein liberaler Ideologe, keiner der vordenken wollte, aber einer der vordenken konnte. Über sich selbst hat er nicht gerne gesprochen. Wenn, dann kam er bald auf die Sterne zu sprechen, die Astrophysik, für die er sich interessierte. Aber nicht, um mal romantisch zu sein. Ganz freundlich und fest entschlossen konnte er sagen, dass auf dem Planeten Erde ein Zweck alles bestimme – die Erhaltung des Lebens.

Schwer krank war Günter Rexrodt schon einmal, 1996. Auf einer Südafrikareise, die er als Bundeswirtschaftsminister unternahm, zog er sich eine Malaria-Infektion zu. Drei Monate dauerte es, bis er wieder arbeiten konnte. Nur durch seine Robustheit habe er überlebt, sagen Freunde. Seine Gesundheit hat er, auch darin Vollblutpolitiker, nicht zum Thema gemacht, sondern als gegeben hingenommen. Dass er im April dieses Jahres den Landesvorsitz der Berliner FDP abgab, dürfte mit dem Gefühl zu tun gehabt haben, dass er diesem Verband nun wirklich genug gegeben habe. Als Bundesschatzmeister war er außerdem damit beschäftigt, die Parteifinanzen nach der Möllemann-Affäre wieder aufzustocken. Im Mai unterzog er sich einer Operation. Danach wusste kaum jemand in der FDP, wie es ihm ging – das Private war für Rexrodt nicht politisch. Man hörte etwas von Knoten auf den Stimmbändern, von erfolgreicher Chemotherapie, von Rückkehr ins Büro. Am frühen Donnerstagmorgen ist er gestorben. Hätte die Berliner Politik mehr von seiner Art und seinem Stil – es stünde vermutlich besser um diese Stadt.

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