Zeitung Heute : Der Gerechte lebt verborgen

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Von Olga Martynova

Der erste Eindruck: noch ein Buch über die versunkene Welt der Ostjuden. Diesmal zünden sie ihre Schabbatkerzen in einem sich in den karpatischen Bergen verlierenden Dorf an. Alles, was dazu gehört, ist vorhanden. Eine den Alltag durchtränkende Frömmigkeit färbt die kleinen und großen Sorgen mit unbedachter Leichtigkeit. Der Vater spart jede Krone für die Ausbildung seines ältesten Sohnes und, um den Hungerkrampf zu überwältigen, tanzt und singt er mit seinen Kindern unter dem empörten Geschimpf der Hausfrau, die kein Maismehl für das einfachste Gericht mehr hat. Der eine Leser ist schon im Begriff, das Buch zur Seite zu legen, weil er schon viele solcher Art gelesen hat, ein anderer bereitet sich, falls er ein Liebhaber jüdischer Exotik ist, ein paar Stunden angenehmer Lektüre. Doch beide bemerken nach einer Weile, dass hier etwas nicht stimmt. Zu schrill kreischen die Frauen, zu schmutzig ist es bei den Armen, zu gemein und zu dick sind die Reichen (wenn auch „Reichtum“ in diesem Ort ein Paar Schuhe für alle Familienmitglieder und ein tägliches Mittagessen bedeutet), zu ausführlich werden die Riten erklärt, zu viel jiddische Wörter werden eingefügt.

Das Buch besteht aus drei in den dreißiger Jahren entstandenen Novellen. Der Autor Ivan Olbracht (1882-1952) wurde als Sohn eines tschechischen Rechtsanwaltes und Literaten und einer in Zusammenhang mit ihrer Heirat getauften Jüdin geboren. Seit seiner frühen Jugend führte er das Leben eines linken Intellektuellen. Er war einer der Mitgründer der kommunistischen Partei und reiste 1919 nach Sowjetrussland, was ihn nicht ernüchterte. In den dreißiger Jahren wurde er ein renommierter Belletrist, der von seinen Honoraren leben und sich sogar erholsame Aufenthalte in der Karpato-Ukraine erlauben konnte. Dort entdeckte er den Stoff für seine populären Bücher über die karpatischen Autochtonen, Ruthenen und Juden.

Mit der Sorgfalt eines Schriftstellers realistischer Schule beobachtete Olbracht seine zeitweiligen Nachbarn und schuf das fiktive, von Ruthenen und Juden bewohnte Dorf Polana. Aus zu vielen, zu oberflächlichen Informationen resultieren manchmal falsche Bilder. So agiert hier ein frommer Jude, der sich zu 36 verborgenen Gerechten zählt, derentwegen die Welt existiert. Seine große Sorge ist die Erfüllung der ehelichen Pflichten, die seine Frau von ihm verlangt, weil dadurch alles „Erhabene und Heilige, das sich ihm von oben näherte, wieder irgendwie in schrecklichen Höhen verschwindet“. Für jeden, der von der jüdischen Tradition etwas gehört hat, wirkt diese Kollision völlig aus der Luft gegriffen. Im Unterschied zum Christentum verdammt das Judentum „das Fleischliche“ nicht. Es ist sogar die religiöse Pflicht eines Juden, mit seiner Frau zu schlafen und für sie zu sorgen. Und: Je frommer ein Jude ist, desto williger geht er seinen ehelichen Pflichten nach.

Solche kleinen Ungenauigkeiten oder Verständnisverweigerungen versieht der Autor mit redseligen Erklärungen über die exotischen Bräuche. Er schafft damit eine immer spürbare Distanz zwischen einem archaischen, in einer komisch-nutzlosen, wenn nicht gar schädlichen Tradition versunkenen Stamm und sich selbst, einem fortschrittlichen, zivilisierten, gebildeten Europäer, der die Leute wohlwollend, aber immer mit einem Überlegenheitsgefühl betrachtet. Unwillkürlich erinnert man sich an andere Werke der Weltliteratur, die von vergleichbarem Stoff handeln. Etwa die lakonischen, nie überflüssigen Sätze in Joseph Roths „Hiob“. So echt sind das Leid, der Glaube und die Liebe, die Roth zeigt, so überzeugend klingt jedes Wort, dass dem Leser eigentlich egal ist, ob es um Juden oder Christen geht. Roths Personen handeln quasi selbständig, der Autor zwingt ihnen (und dem Leser) keine eigenen Ansichten und Komplexe auf. Freilich kann man keinem Autor vorwerfen, dass er nicht das Talent eines Joseph Roth hat. Aber es geht hier nicht um Talent allein, schließlich können wir unseren tschechischen Nachbarn glauben, dass Ivan Olbracht hervorragend Tschechisch schreiben konnte. Es geht hier um Inhalte, und diese sind teilweise bedenklich.

Die längste, bekannteste und bewegendste Geschichte erzählt von der armen Hanna, die in die Welt zieht, einen aus dem Judentum ausgetretenen Freigeist trifft und ihn heiraten will. Sie hat keine Hoffnung, dass ihre Eltern diese Ehe billigen werden, fährt jedoch mit dem Geliebten in ihr Heimatdorf. Der Freigeist besteht störrisch und, wie er meint, heldenhaft auf seinen Überzeugungen, obwohl ein einziges unausgesprochen gebliebenes Wort die Ruhe der zwei alten Menschen retten könnte. Als die Eltern den ungewollten Bräutigam zum Gasthaus schicken, beginnt er zu fürchten, seiner Braut könne etwas passieren. „Unsere Religion erlaubt nicht, dass ein Mann mit einem Mädchen unter einem Dach schläft, mit dem er sich verheiraten will“, so der Vater. Der Bräutigam, „die antisemitischen Erzählungen über Ritualverbrechen im Sinn“, fürchtet, dass „die jüdischen Fanatiker ein Mädchen festhalten und quälen“ könnten. So was soll einem zwar „frei gewordenen“, doch in einer jüdischen Familie aufgewachsenen Helden in den Sinn kommen?!

Alte Leute, rückschrittliche, böse (oder nur dumme), stehen dem jungen Glück, dem neuen Leben und so fort im Wege. Die Problematik und das literarische Verfahren sind nicht einmalig: In der sowjetischen Literatur der dreißiger bis fünfziger Jahre waren es zumeist christliche Bauern, Elternschrott sozusagen, die von ihren eigenen Kindern bekämpft, gequält, an das NKWD ausgeliefert (im besten Falle umerzogen) wurden – das alles selbstverständlich im n des Fortschritts, der Freiheit und Toleranz.

Ivan Olbracht, später ein Klassiker des tschechischen Sozrealismus, erweckt nicht ungeschickt unser Mitgefühl für das progressive Liebespaar, so, dass nur die Liebe für den Leser zählt. Was die Liebe stört, kann ohne Weiteres umgangen oder beseitigt werden. Somit fühlt sich auch der progressive deutsche Leser auf der sicheren Seite. „An keiner Stelle verwirft Olbracht den lebensfremden, ja lebensfeindlichen Chassidismus, er zeigt nur, woraus er besteht, wie er funktioniert und was er bedeutet“, hat der Kritiker Karl-Markus Gauß in der „Neuen Zürcher Zeitung“ geschrieben. „Lebensfeindlicher Chassidismus“? So etwas haben wir doch schon mal gehört! Im Nachwort dieses Buches lobt Ludger Udolf den Autor dafür, dass Juden in seinen Erzählungen keine physischen Hörner und Hufe haben: „Sie bleiben fremd, aber sie sind Menschen“. Wer hätte das gedacht! Das wird wahrscheinlich auch der Grund gewesen sein, weshalb Ivan Olbracht nicht für den „Stürmer“ schrieb, sondern für „Rude pravo“!

Ivan Olbracht: Die traurigen Augen. Drei Novellen. A.d. Tschechischen von G. Just, A. Scholtis und M. Wirtz. Nachwort von Ludger Udolph. DVA (Tschechische Bibliothek), Stuttgart 2002. 330 Seiten, 19, 90 €.

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