Zeitung Heute : Der gerupfte Spatz in der Hand

Der Tagesspiegel

Von Rosemarie Stein

„. . . Und diese völlig unhaltbaren Zustände dauerten nun schon fast dreißig Jahre.“ Diesen Satz über den Dreißigjährigen Krieg zitierte einst Carl Zuckmayer aus einem alten Schulbuch. Er passt wunderbar aufs Medizinstudium, nur halten sich die unhaltbaren Zustände dort schon sehr viel länger. Genauso wie vor kurzem protestierten schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Medizinstudenten gegen die kopflastige und praxisferne Ausbildung zum Arzt, und jede Studentengeneration revoltiert aufs Neue dagegen. Die Kritikpunkte haben sich in all den Jahren nicht verändert: Der Lehrstoff wird zu sehr in Disziplinen und Fachgebiete aufgesplittet statt sich an Krankheitsbildern zu orientieren, es findet zu wenig Ausbildung am Krankenbett statt, und die Trennung von Theorie und Praxis - die Ausbildung ist in in die so genannte „Vorklinik“ und „Klinik“ unterteilt - ist dem ganzheitlichen Lernen nicht förderlich.

1970 wurde dann eine neue Approbationsordnung, sprich: Ausbildungsordnung verabschiedet und seither achtmal in einigen Details novelliert. Auf dem Papier sieht diese geltende Regelung gar nicht so schlecht aus. Aber viele medizinische Fakultäten nutzten die dort eröffneten Spielräume zu Reformen gar nicht, und selbst bindende Vorgaben wie die Begrenzung der Teilnehmerzahlen beim Kleingruppenunterricht werden längst nicht immer eingehalten.

Schon 1988 konstatierte der Wissenschaftsrat, dass „derzeit auch der Anschein nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, bei der bestehenden Situation könne eine angemessene, den gesetzlichen Anforderungen entsprechende Ausbildung vermittelt werden“. Kürzlich haben nun die Studenten überall in Deutschland wieder demonstriert – aber gegen die jetzt anstehende 9. Novelle der ärztlichen Approbationsordnung. Paradox? Nur auf den ersten Blick. Denn ursprünglich geplant war diesmal eine grundlegende Reform. Das Studium sollte nicht mehr vom Angebot der vielen medizinischen Fächer bestimmt werden, sondern von den Anforderungen an den künftigen Arzt.

Das heißt, inhaltlich muss im Zentrum eines entrümpelten und modernisierten Studiums die medizinische Grundversorgung stehen, vor allem die Behandlung der häufigen chronischen Krankheiten. Stärker zu berücksichtigen sind auch die psychischen und sozialen Aspekte von Krankheit und Gesundheit. Spezialthemen gehören erst in die Facharzt-Weiterbildung. Didaktisch wird die Verzahnung des vorklinischen mit dem klinischen Studium gefordert, außerdem fächerübergreifende Lehrveranstaltungen zu den einzelnen Themen sowie aktive und praxisnahe Lernformen.

Diese international übereinstimmenden Forderungen wurden 1989 in dem von der Robert Bosch-Stiftung herausgegebenen Buch „Das Arztbild der Zukunft“ formuliert und bei den Vorarbeiten für die neue Approbationsordnung zwar aufgegriffen, aber von Entwurf zu Entwurf immer mehr verwässert. Wogegen die Studierenden jetzt protestieren, ist absurderweise eine Fassung, die am 17. Dezember 1997 vom Kabinett Kohl verabschiedet, aber noch nicht vom Bundesrat behandelt wurde. Vorher hatte man sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller beteiligten Lobbys herunternivelliert, zuletzt noch einmal im Dezember 1997 – nach Abschluss der jahrelangen fachöffentlichen Diskussion.

Selbst dieses Papier (Bundesrats-Drucksache 1040/97) ist in Fachkreisen kaum bekannt. Dass dazu noch 41 Änderungsanträge vom März 1998 existieren, wissen nicht einmal Experten und auch nicht die protestierenden Studenten. Der Unterausschuss „Approbationsordnung für Ärzte“ des Bundesrats-Gesundheitsauschusses empfahl dem Bundesrat mit diesen Anträgen zwar einige Punkte, die den ausgedünnten Kabinettsentwurf wieder ein wenig reformhaltiger machen; etwa ein nicht durch andere Fächer zu ersetzendes Pflichtpraktikum in Allgemeinmedizin, ein Pflichtseminar in medizinischer Psychologie und Soziologie oder die Evaluation sämtlicher Lehrveranstaltungen.

Die Hauptfehler des antiquierten „Reformpapiers“ sind damit in den Augen von Sachkennern nicht behoben. Es fehle ein schlüssiges Konzept, meinen zum Beispiel Dieter Scheffner und Kai Schnabel von der „Arbeitsgruppe Reformstudiengang Medizin“ der Charité, und das wirklich Fortschrittliche darin sei ins Belieben der Fakultäten gestellt. Dass sie alle den Willen zur Reform haben, bezweifeln auch die Studierenden. Sie demonstrierten hauptsächlich gegen das „Hammer-Examen“ nach dem Praktischen Jahr, das an die Stelle des bisher dreiteiligen Zweiten Staatsexamens tritt.

Aber Hochschullehrer und Studenten hätten doch mehr Autonomie für die Universitäten auch in der Prüfungsgestaltung gefordert, antwortete das Bundesgesundheitsministerium auf die Proteste. Künftig könnten die Fakultäten die Prüfungen während des klinischen Studiums selbst gestalten. Und die staatliche Abschlussprüfung müsse nach dem Praktischen Jahr stattfinden, denn sie sei künftig fallbezogen und praxisorientiert.

Die Fakultäten würden selbst verbindliche Regelungen – wie etwa die Pflicht zur Evaluation aller Lehrveranstaltungen – genauso wenig einhalten wie bisher schon, fürchtet einer der besten Kenner der komplizierten Materie. Udo Schagen von der FU-„Forschungsstelle Zeitgeschichte der Medizin“. Denn im Entwurf steht, den öffentlichen Haushalten würden durch diese Reform keine Kosten entstehen. Ohne zusätzliche Mittel aber sei sie gar nicht möglich.

Die „neue“ Approbationsordnung hat der Bundesrat seinerzeit deshalb gar nicht erst beraten, weil die Kultusminister die darin verfügte Reduktion der Studentenzahl mit verfassungsrechtlichen Argumenten ablehnten. Vorweg verabschiedet wurde unter Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer aber eine Klausel, die Modellstudiengänge wie den der Charité endlich erlaubt. Warum wartet man eigentlich nicht die Ergebnisse dieser wissenschaftlich begleiteten Experimente ab und beginnt dann auf dieser Basis mit der grundlegenden Reform für alle? Denn was seinerzeit für Gesundheitsminister Seehofer das Hauptmotiv war, eine zwanzigprozentige Reduktion der Studentenzahl, ist nicht mehr aktuell: Mittlerweile mehren sich die Anzeichen für einen Mangel an Ärzten.

Dennoch stellt sich Ministerin Ulla Schmidt hinter das antiquierte Stückwerk. Zurzeit wird die Zustimmung des Bundesrats betrieben. Eine Arbeitsgruppe soll gerade eine Stellungnahme für dessen Kultur- und Finanzausschüsse vorbereiten und kleine Änderungen vorschlagen; zum Beispiel soll die Zahl der Studienanfänger nur noch um zehn Prozent sinken. Die meisten Beteiligten wollten lieber eine kleine Reform als gar keine, hört man aus dem Gesundheitsministerium. Also besser einen Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach. Aber was, wenn der Spatz gerupft ist bis zur Fluguntauglichkeit?

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