Zeitung Heute : Der geschenkte Tod

Im Bus mit einem Berliner Bestatter nach Tschechien – wo auch das Sterben billiger ist

Claudia Keller

Viele haben für die Begegnung mit dem Tod einen Fotoapparat mitgebracht. Als wäre man nach Tschechien gefahren, um sich Dorfkirchen anzuschauen, und nicht ins Krematorium. Die Rentnerin Ingeborg Fingas, kurze schwarze Haare, Jeans, bunter Pulli, drängt sich im Kühlhaus mit ihrer Kamera ganz dicht an die Särge heran, auch die kleinen, in denen Kinder liegen, sollen mit auf das Bild. Vielleicht halten sich einige die Kamera auch als Schutz vor die Augen, um noch etwas dazwischen zu haben, zwischen sich und dem Tod.

Für die Informationsfahrt zum Krematorium in Chomotov haben sich so viele angemeldet, dass er an diesem Mittwoch gar nicht alle mitnehmen konnte, sagt Hartmut Woite, 60 Jahre, blaue Augen, schwarzer Anzug. Er ist Chef der Firma Berolina Sarg-Discount. Seit sieben Jahren bringt er Leichen zum Einäschern nach Tschechien, weil die Anlage dort so modern ist und viel billiger als die in Berlin. Woite muss sehen, wie sein Unternehmen bei 300 Mitbewerbern in Berlin überlebt, seine Lösung – das Aldi-Prinzip: Er sucht den billigsten Weg für die Kunden. Seitdem die Berliner immer weniger Geld haben und im Januar die Krankenkassen das Sterbegeld von 525 Euro gestrichen haben, steigen seine Umsätze, sagt Woite. Er schätzt, dass das Sozialamt mittlerweile fast zehn Prozent aller Bestattungen in Berlin übernimmt. Er selbst hat auf diese Entwicklung mit einem neuen Schnäppchenangebot reagiert: 888 Euro für die Einäscherung und anonyme Urnenbeisetzung auf dem Dorffriedhof von Chomotov. In Berlin ist das selbst bei Woite nicht unter 1525 Euro zu haben.

„Ich besuch’ meinen Männe“, sagt Charlotte Hass, auch sie 60 Jahre alt, lila Strickpulli, braun-graue Dauerwellen. Ihr Leben lang hat die kleine Frau aus Kreuzberg als Näherin und Putzfrau gearbeitet, die ständige Sorge ums Auskommen habe ihr den Magen kaputtgemacht. Sie bekommt 619 Euro Rente, 500 kostet die Wohnung. „Wo soll ich denn 1500 Euro für ’ne Beerdigung hernehmen?“ Als ihr Mann im Januar gestorben ist, ging sie zum Sarg-Discount, nicht zum Sozialamt. „Ich war noch nie auf dem Amt, da bin ich zu stolz.“ Heute fährt sie mit, um zu schauen, wo sie ihren Mann unter die Erde gebracht haben.

Ein paar Reihen vor ihr im Bus sitzen die Péau-Martens. Ein älteres Ehepaar aus Charlottenburg, er hat vor ein paar Tagen seine Mutter beerdigt, im teuren Berlin. Nun, da sie erste Erfahrungen haben, wollen sie noch mehr sehen und Preise vergleichen. Sabra Péau-Marten, rot gefärbte Haare, roter Lippenstift, redet ununterbrochen, sie genießt es offensichtlich, mit 50 anderen Berlinern im Bus zu sitzen.

Das Ehepaar Wörschin will sich anonym bestatten lassen, nur wo, das wissen die beiden noch nicht. Sie haben zwar Kinder, aber die leben weit weg. Bevor sie dieses Jahr eine Reise nach Australien machen, wollen sie den Vorsorgevertrag mit einem Bestatter unterschrieben haben.

In der Regel legt Woite die 330 Kilometer zwei- bis dreimal in der Woche zurück, jeweils mit vier Leichen beladen. Auch dieses Mal fährt vorneweg ein brauner Kleintransporter mit vier Särgen, die in Chomotov verbrannt werden. Nach sechs Stunden hält der klimatisierte Reisebus vor einem verschachtelten rosafarbenen Flachbau auf einer Wiese. Fast sieht es aus wie eine Ferienanlage. Kein Rauch trübt den blauen Himmel, im Hintergrund wellt sich das Land zu sanften Hügeln. Die Särge werden ausgeladen, vom Kühlhaus wird die Gruppe vor die zwei Verbrennungsöfen geführt. Der Raum ist weiß gefließt, an einer Seite gehen große Fenster zum Hof raus. Daneben steht ein Tisch mit elf frisch gefüllten Urnen. In der Mitte des Raumes befinden sich zwei große Metallcontainer, vor denen sich die Berliner nun mit ihren Kameras postieren. Dann hebt einer der Arbeiter eine Klappe vor einem Guckloch: ein brennendes Skelett.

Gabriele Koch, weites rotes Leinenkleid, brauner Strohhut, hält ihren achtjährigen Sohn Fabian zu dem Guckloch hoch. Vor wenigen Wochen haben die Ärzte bei seinem Vater einen Tumor im Kopf gefunden. Nun schaut sich Frau Koch mit den Kindern „nach etwas Geeignetem“ um. Auch ihre zwölfjährige Tochter ist dabei. „Der Tod gehört doch zum Leben“, sagt die Mutter, „ich habe meine Kinder immer so erzogen, dass sie das nicht schlimm finden“. Charlotte Hass, deren Mann hier vor kurzem im Sarg lag, geht weiter in den Garten. „Das spar ich mir“, sagt sie.

Nächste Station: In einem schönen, zum Restaurant umgebauten Kloster wird gegessen: alles umsonst, Berolina zahlt. Über Schweinebraten und Klößen tauscht man sich über die Wünsche für den Tag X aus. „Ich will unbedingt in einem Hanfsack beerdigt werden“, sagt eine beleibte Frau um die 60, „das ist Natur pur.“ Eine andere will in ein Leintuch gewickelt werden. Eine Dritte hat gerade erfahren, dass ihre Asche doch nicht im Wind verstreut werden kann. Jetzt ist sie enttäuscht, weil sie schon einen Vertrag abgeschlossen hat. „Wir finden eine Lösung“, sagt Woite. Am Nachmittag hat er noch einen Abstecher zum Friedhof des Nachbardorfes im Programm. Nur wenige Grabsteine stehen dort, viel grüner Rasen, eine weißes Mäuerchen drumherum. Woite lässt die Asche eines Verstorbenen in eine kleine Grube – auch dieser wurde aus Berlin hierhergebracht. Vorher hat Woite ein wenig Asche mit viel Erde vermischt und in eine kleine Kupferurne gefüllt – für die Angehörigen in Berlin. Die Reisegruppe steht drumherum, Sabra Péau-Marten spricht ein Gebet. Charlotte Hass hat Tränen in den Augen. Aber dann ist sie doch erleichtert. „Jetzt weiß ich, wo er liegt, jetzt kann ich besser abschließen. Tschüss Männe“, ruft sie und winkt, als der Bus wieder Richtung Berlin startet.

Wie sauber und gepflegt alles sei, sagen viele auf der Rückfahrt. „Vielen Dank und fahren sie bald wieder mit uns“, sagt Hartmut Woite, als der Bus in die Neuköllner Hermannstraße rollt. Die Männer und Frauen lachen, einer sagt: „Nur nicht so schnell im braunen Transporter“.

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