Zeitung Heute : Der Geschichte auf der Spur

Was Auslandskorrespondenten in 100 Jahren berichteten, spiegelt die Geschicke Deutschlands wieder

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Von Elisabeth Binder Silvester in Berlin hatte es schon immer in sich. 1927 erschien in Paris ein Artikel der Zeitung „Le Journal“, in dem das unsittliche Benehmen der Berliner am letzten Abend des Jahres zur Sprache kam und der Wein- und Champagnerkonsum der ganzen Stadt auf 15 Millionen Flaschen geschätzt wurde. Darüber regten sich die Behördenvertreter so auf, dass der Verfasser des Artikels, George Blun, sich zum Rücktritt von seinem Amt als Vorsitzender des Vereins der Ausländischen Presse (VAP) genötigt sah, obwohl ihm die Weinflaschen in den Artikel von der Redaktion offenbar nur hineinredigiert worden waren. Kurz zuvor war es Blun gewesen, der zum 20-jährigen Jubiläum des Vereins eine große Gala organisiert hatte mit vielen Prominenten und bekannten Politikern. In den 20er-Jahren war der Glamour in Berlin schon einmal zu Hause, und die Korrespondenten hatten heftigen Anteil daran. Seit der Gründung des Vereins im Juni 1906 spielte er in der Berliner Gesellschaft eine zunehmend bedeutungsvolle Rolle.

Wer zum VAP-Presseball ins Adlon wollte, musste sich mächtig herausputzen. „Smoking ist nicht ausreichend“, befand der US-Korrespondent William I. Shirer Anfang der 30er-Jahre und beschrieb, wie er in einem kleinen Laden in der Tauentzienstraße einen komischen Frack von der Stange kaufte, um ihn beim Ball der Auslandspresse im Hotel Adlon zu tragen. Bis drei Uhr morgens tanzten die Korrespondenten, dann ließen sie die Nacht mit Eiern und Speck an der Adlon Bar ausklingen.

In den goldenen Zwanzigern war Berlin für Korrespondenten ein idealer Einsatzplatz. Es gab ein hochmodernes Telefonnetz, der damals noch neue Flughafen Tempelhof bot gute Reisemöglichkeiten, und die beginnende Inflation war für ihre Brieftaschen eher von Vorteil. Spätabends trafen sich vor allem die britischen und amerikanischen Kollegen gern in der „Taverne“ in der Kurfüstenstraße. Dort plauderte man zwanglos über Geschichten, an denen man gerade arbeitete oder auch über das, was man bei Reisen ins Umland und nach Polen so erlebt hatte. Solche Ausflüge wurden im Büro des Vereins organisiert, das sich zentral im Hotel Esplanade befand. Auch das Auswärtige Amt organsierte gelegentlich Informationsreisen.

Mit dem Beginn der Nazi-Zeit endete das unbeschwerte Korrespondentenleben. Den Journalisten, die um eine objektive Berichterstattung bemüht waren, wurden immer mehr Steine in den Weg gelegt. Viele fürchteten, aufgrund kritischer Artikel ausgewiesen zu werden, und manche reagierten darauf mit der Schere im Kopf. Allerdings hatten die offiziellen Stellen Hemmungen, ganze Gruppen ausländischer Reporter auszuweisen. Edgar Ansel Mowrer von der „Chicago Daily News“ war damals Präsident des VAP. In seinem Buch „Germany Puts The Clock Back“ hatte er Tendenzen zur Remilitarisierung und zum Antisemitismus beschrieben und vor der Nazi-Gefahr gewarnt. Natürlich wurde Mowrers Rücktritt verlangt. Der wollte sich, wie Liane Tessa Rothenberger in einer Magisterarbeit über die Geschichte des Vereins schreibt, dem politischen Druck nicht beugen, aber als er von der Verhaftung des VAP-Gründungsvorsitzenden Paul Goldmann erfuhr, trat er zurück, damit dieser im Gegenzug freigelassen wurde.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach wurden die Schikanen noch weiter verschärft. Wer sich nicht an die Anweisungen der Behörden hielt, musste mit Verwarnungen oder sogar Telefonsperren rechnen, im Wiederholungsfall auch mit Ausweisung. Einerseits gab es strenge Kontrolle, Einschüchterung, Bespitzelung und Drohung. Andererseits gab es auch Korruptionsversuche. Im September 1939 wurden Korrespondenten als Schwerarbeiter eingestuft und bekamen also doppelte Nahrungsmittelrationen. Wenn das Propagandaministerium für die Korrespondenten Fahrten an die Front organisierte, galt die eiserne Regel, dass ausschließlich abgesprochene Verlautbarungen gedruckt werden durften. William Shirer hatte es bald satt, „offizielle Kommuniqués zu wiederholen, die aus lauter Lügen bestehen“. Es war kaum noch möglich, an ausländische Zeitungen heranzukommen, die wurden täglich beschlagnahmt. Trotzdem nahmen an den täglichen Pressekonferenzen in der Wilhelmstraße noch immer zwischen 100 und 150 Korrespondenten teil. Die wenigsten hielten bis zum Kriegsende durch. Bis zur Kapitulation hatte sich der Verein der Ausländischen Presse praktisch aufgelöst, da die verbliebenen Mitglieder eh nichts Vernünftiges machen konnten und das Archiv in den Trümmern verloren gegangen war.

Nach dem Krieg kamen die Auslandskorrespondenten zunächst bei den Alliierten unter. Viele ließen sich im Hotel am Zoo am Kurfürstendamm nieder, wo auch das Pressezentrum der britischen Militärregierung untergebracht war. Die Auslandskorrespondenten mussten sich bei den Alliierten akkreditieren und einzelne Projekte genehmigen lassen. Hauptthema in jener Zeit waren die Nürnberger Prozesse. Der holländische Korrespondent Max Blokzijl, der zwischen 1931 und 33 Vorsitzender des Vereins gewesen war, wurde 1946 in den Niederlanden wegen Kollaboration mit den Nazis zum Tode verurteilt.

Nach und nach kamen wieder mehr Journalisten aus anderen Ländern. Nicht alle ließen sich in Berlin nieder. Deshalb wurde 1951 in Bonn ein ähnlicher Verein gegründet, der schneller wuchs als das Berliner Pendant, weil er für die gesamte Bundesrepublik zuständig war. 1906 hatten 26 Korrespondenten den ursprünglichen VAP gegründet. Beim 50-jährigen Geburtstag 1956, waren im Bonner Verein 135 und im Berliner Verein 64 Journalisten zusammen geschlossen.

Viele berühmte Autoren waren zwischenzeitlich VAP-Mitglieder. Egon Erwin Kisch zählte dazu als Reporter für die Prager Zeitung „Lidove Noviny“, der PulitzerPreisträger Louis P. Lochner und auch der Bestseller-Autor Frederik Forsyth, der sich in der heißen Phase des Kalten Krieges auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs umschaute. Berlin galt damals als Hauptstadt der Spione, entsprechend heiß wurde darüber diskutiert, ob man Mitglieder aus der DDR, der Sowjetunion und osteuropäischen Ländern aufnehmen solle. In Bonn war das Leben für die Korrespondenten auf eine manchmal fast einschläfernde Weise angenehm. Das Bundespresseamt half bei der problemlosen Einreise, kümmerte sich um bürokratische Formalitäten und günstige Wohnungen. Der VAP half dabei, Netzwerke zu schaffen und Interviewpartner zu finden. In Berlin war der Boden für Korrespondenten nach dem Eindruck des Franzosen Jean-Paul Picaper vermint. Nach der Wende entdeckte er in seiner umfangreichen Akte in der Gauck-Behörde, dass ihn die Stasi anfangs für einen gefährlichen Westagenten gehalten hatte. Die schreibwütigen IMs fanden nämlich, dass er in „Le Monde“ und später „Le Figaro“ nicht ansatzweise genug publizierte, um ein echtes journalistisches Gehalt beziehen zu können. Auch die Privatwohnung war beschattet worden und kam, obwohl es sich um ein normales Mietshaus handelte, in der Akte als „Palast“ vor. Seitens der DDR hatte es ebenfalls Korruptionsversuche gegeben, das Angebot die Karriere im Westen zu fördern ebenso wie Nächte mit schönen Frauen. Letzteres konterte Picaper mit dem Spruch: „Mein Herr, ich bin Franzose und suche mir meine Frauen alleine.“

Zu den ersten, die vom Fall der Mauer berichteten, gehörte der italienische Korrespondent Riccardo Ehrman. Er hatte am Abend des 9. November dem Politbürosprecher Günter Schabowski das Stichwort gegeben, das diesen veranlasste, den Beschluss für ein neues Reisegesetz vorzulesen. Er fragte nach, ab wann das gelte. Um 18.53 Uhr antwortete Schabowski: „Das steht hier nicht, aber ich bin sicher, das gilt ab sofort.“ Einige Minuten später berichtete die Nachrichtenagentur ANSA, dass mit dieser Ankündigung die Berliner Mauer gefallen sei.

Die darauf folgende Nacht zog Heerscharen von Journalisten aus aller Welt nach Berlin. Die Straße des 17. Juni war umsäumt von Zelten und Übertragungswagen. Für den Berliner VAP begann eine neue Blütezeit. Allerdings ging auch diese Zeit nicht ohne Schwierigkeiten ab. Der Bonner Verein fühlte sich allein zuständig und versuchte, Mitglieder abzuwerben. Dem Briten, Clive Freeman, der in den 90er-Jahren dem Berliner Verein mehrere Jahre lang vorstand, kam das wie eine Kriegserklärung vor. „Im Grunde war es derselbe Konflikt, den Ossis und Wessis durchmachten“, analysierte der Schweizer Fred David. „Wir waren die bösen Wessis, weil wir größer waren und reicher, und weil wir den Berliner Verein schlucken wollten.“ Kein Wunder, dass die Berliner Korrespondenten, hier also in der Rolle der „Ossis“, supersauer waren. Andererseits taten sich die Bonner Auslandskorrespondenten auch schwer darin, Bescheidenheit zu lernen. Früher waren zu deren Sommerfesten immer hochrangige Politiker gekommen. Als man eines Tages feststellte, dass ein Staatssekretär aus dem Postministerium die Spitze der Prominenz anführte, geriet man schwer ins Grübeln. Währenddessen registrierten die Berliner einen Run auf ihren Verein, der besonders für amerikanische Sender und Zeitungen attraktiv war.

Clive Freeman organisierte ab 1991 als Vorsitzender regelmäßig Stammtische im Astir’s in der Grolmanstraße, später auch mal im Terzo Mondo, beim Griechen aus der Lindenstraße. Auch einige deutsche Reporter wurden dazu geladen. Man saß an karierten Tischdecken, trank Rotwein und stellte sich die Zukunft vor. Das war die absolute Lieblingsbeschäftigung in jenen Jahren, als das Wunder der Wiedervereinigung noch frisch war: „In zehn Jahre wird diese Stadt nicht wieder zu erkennen sein“, sagten besonders die amerikanischen Kollegen immer wieder. Eine verdoppelte Einwohnerzahl, ein komplett anderes Aussehen, war das mindeste, was sie erwarteten. Tatsächlich hat sich das Stadtbild seitdem ja auch gravierend geändert, nur die Bevölkerungszahl ist nicht explodiert. Bei den Stammtischen diskutierten auch Korrespondenten aus tief verfeindeten Ländern miteinander, und man bekam ein Gefühl dafür, warum Journalismus eher eine Berufung ist als ein Beruf. Der gemeinsame Beruf ist unter Umständen wichtiger als die unterschiedliche Nationalität. Auch Solidarität wurde spürbar, zum Beispiel an jenem Abend im Frühjahr 1999, als ein russischer, ein britischer und ein amerikanischer Korrespondent gemeinsam überlegten, mit welchen Argumenten man die serbischen Mitglieder davon abhalten könne, sich gerade jetzt auf einen gefährlichen Trip in ihre Heimat zu begeben. Fred David hatte auch dafür eine Erklärung: „Wir stehen ja nicht in Konkurrenz zueinander. Zwei Journalisten verfeindeter Nationen gehen im Ausland allemal freundlicher miteinander um, als zwei konkurrierende in derselben Redaktion.“

Bis 1994 schien es nicht realistisch zu sein, die beiden konkurrierenden Korrespondentenvereine zusammenzuführen. Als es gesetzlich möglich wurde, zwei Vereine miteinander zu verschmelzen ohne vorherige Auflösung und Neugründung, kam Bewegung in die Sache. Es half auch, dass im Jahr 1999, dem Jahr des Regierungsumzugs, in Bonn der Finne Risto Tähtinen und in Berlin die Ungarin Eva Forinyak an der Spitze des Vereins standen. Die beiden kamen gut miteinander klar. Der Wiedervereinigung der Vereine stand, zehn Jahre nach dem Fall der Mauer, nichts mehr im Weg. Sieben gute Jahre sind seitdem ins Land gegangen, in denen viel gearbeitet, aber eben auch gefeiert wurde. Im Oktober 2000 fand der Jahresempfang in der Dresdner Bank direkt am Brandeburger Tor statt. Unter den Gästen war auch Günter Schabowski. Es war die erste Party nach seiner Haft, die letztlich Folge des Mauerfalls war. Die letzte Party vor dem Gefängnisaufenthalt hatte er auch bei einem Fest des VAP gefeiert. Der eigentliche 100. Geburtstag, der 30. Juni, wurde in diesem Jahr sportlich begangen. Das WM-Fußballspiel Deutschland gegen Argentinien wäre eine zu große Konkurrenz für ein Fest gewesen. Stattdessen trafen sich Mannschaften des VAP und der Bundespressekonferenz zum Freundschaftsspiel, das 8 :15 endete. Schauplatz des auf den 24. Oktober verschobenen Festes, zu dem etwa 200 der derzeit 410 Mitglieder und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet werden, wird der Kaisersaal aus dem alten Hotel Esplanade sein. Dort wurden der Legende nach bereits in der Gründungszeit grandiose Feste gefeiert. Am Potsdamer Platz schließt sich an diesem Abend ein Kreis. Dort wird es auch um die Zukunft des Korrespondenten-Bildes gehen, sagt der derzeitige Präsident Hans Verbeek. Bereits zur Jahrtausendwende erhoben sich Stimmen, die sagten, der Ansatz eines Auslandskorrespondentenvereins sei „komplett voriges Jahrhundert“. Sparsame Chefredakteure überall auf der Welt sehen im Internet eine billige Möglichkeit, schnell an Infos zu kommen. Aber die wechselvolle Geschichte des Vereins zeigt doch vor allem eins: Eine wirkliche Alternative zu Menschen, die mit allen Sinnen ein Land beobachten, aber auch erspüren, die seine Menschen kennen lernen, seine Luft atmen, seine Geschicke am eigenen Leib erfahren, gibt es nicht. Computer fühlen nicht. Und feiern können sie auch nicht.

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