Zeitung Heute : Der Geschichte-Erzähler

Eine Instanz im Geistesleben der Republik – unbestreitbar. Zum Tod von Joachim Fest

Hermann Rudolph

Das Erscheinen der Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend, die in wenigen Tagen auf den Markt kommen werden, hat er nicht mehr erlebt. Aber Joachim Fest, der am Montagabend in seinem Haus in Kronberg gestorben ist, hat mit dem Titel dieses intimsten seiner Bücher einen Hinweis gegeben auf einen heimlichen Grundton seines Lebens. Dieses „Ich nicht“, das den Satz aus dem Matthäus-Evangelium „Etiam si omnes – ego non“ zitiert, ist die Maxime, mit der sein Vater, ein von den Nazis aus dem Dienst geworfener Mittelschul-Rektor, seine Kinder für die Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ rüstete. Gemeißelt wie der Titel daherkommt, intoniert er eine Haltung, die Fests Leben mitbestimmt hat. Er selbst nennt es, als Erbschaft seiner Jugendjahre, „eine Art Stolz auf die Abweichung“.

Etwas davon steckt in dem Widerstand gegen den Zeitgeist, zumal in seiner ideologischen Façon, der Fests eigenen Anspruch und seine Stellung im intellektuellen Leben der Bundesrepublik geprägt hat. Das ist, gewiss, die vielberedete skeptische Generation, die Einsicht der gebrannten Kinder, aber in seinem Fall doch mehr: Eine Entschlossenheit zum Unzeitgemäßen, ein Hang zur Stilisierung, die ebenso die Raison seiner intellektuellen Existenz wie der Rolle bildeten, die er in der Öffentlichkeit spielte. Fest als Mitglied der Gruppe 47, zu der er altersmäßig gehört hätte? Als Mitträger eines der Bekenntnis-Kartelle, die seit den 60er Jahren entstanden sind und mit denen seine Jahrgangsgenossen die Republik herausforderten? Nicht vorstellbar.

Dabei war er unbestreitbar eine der Instanzen im geistigen Leben dieser Republik. Zumal in den letzten Jahrzehnten gehörte der gut aussehende Mann in seiner Taunus-Villa mit den markanten Zügen und dem akkuraten Dreißiger-Jahre-Scheitel zu denen, deren Ansicht zu den jeweils aktuellen Fragen eingeholt wurde. In seiner Lust am Urteilen und Verurteilen hat er auch aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Auch gab es keine Auszeichnung, keinen Preis, der ihm im Lauf der Jahre nicht zuerkannt worden wäre, kein nobles Gremium, das es sich nicht zur Ehre gerechnet hätte, ihn für sich zu gewinnen.

Wie die anderen Großintellektuellen, wie Jens, Habermas oder Enzensberger prägte er das kulturell-geistige Bild der Bundesrepublik, auch und gerade, weil er seinen Platz in der bewussten, oft harschen Abwendung vom intellektuellen Mainstream bezog. Sein kräftig entwickeltes Selbstgefühl reichte dafür allemal aus, und er trug den Hauch von bundesrepublikanischem Mandarinentum, der ihm zugewachsen war, mit Genugtuung.

Das Unzeitgemäße prägte ihn auch als Person und als Autor. Fest war ein bedeutender Stilist, und gerade von ihm wird man – mit dem französischen Moralisten Buffon – sagen können, dass der Mann der Stil sei. Dabei war er alles andere als ein leichter Schreiber. Sein Willen zur Form drückte sich aus in einer hoch getriebenen Formulierungskunst, in gebrochenen, nebensatzreichen Fügungen, die seine Gedanken mit der Gewalt vielfältiger Schattierungen und Assoziationen voran drängten. Gelegentlich lenkte das Gefeilte und präzis-preziös Formulierte fast von dem Reichtum an Kenntnissen und Einsichten ab, die er zumal in seinen Essays ins Feld führte. Denn er war auch, bei aller Begabung, die ihm zur Verfügung stand, ein großer Arbeiter, ein unermüdlicher Leser und hart ringender Schreiber.

Fest hat gerne bekannt - zumal als er schon ein bekannter Autor war -, dass seine eigentlichen Neigungen nicht der Zeitgeschichte, schon gar nicht der des „Dritten Reiches“, gehört hätten, sondern ganz anderen Epochen, zumal der Renaissance. Seine Jugenderinnerungen, voll von Bildungseindrücken, belegen, wie sehr das der Fall war. Das mag verblüffen, denn die großen Bücher zur Zeitgeschichte, vor allem die berühmte Hitlerbiografie, machen nicht nur den größten Teil seines schriftstellerischen Werkes aus, sondern haben auch seinen Ruhm als Autor begründet. Sie vermitteln auch keineswegs den Eindruck von Pflichtübungen. Es ist gerade die von der Zeitgenossenschaft beglaubigte Eindringlichkeit, auf der ihre Wirkung beruht.

Dennoch ist die Behauptung mehr als die leichte Koketterie, mit der ein bedeutender Autor andeutet, der nationalpädagogischen Aufgabe entsagungsvoll das literarische Vergnügen geopfert zu haben. Der Erfolg seines Hitler-Buches 1973 bestand ja darin, Hitler als die dämonische Kraft der Zerstörung wieder in das Zentrum der Geschichte des „Dritten Reiches“ zu stellen, aus dem ihn die vereinten Anstrengungen der Historiker mit ihrem Insistieren auf Strukturen und Prozessen gerade vertrieben hatten. Das hat ihm seinerzeit viel Kritik eingebracht, gerade aus der Zunft, und vor allem der Film, der „Versuch eines Porträts“ des Diktators, der dem Buch folgte, weckte das Misstrauen, er wolle die historische Schuld auf die Person verschieben.

Doch war es gerade diese Betrachtungsweise, die die Kenntnis der Quellen mit der leidenschaftlichen Einfühlung verband, die die Wirkung des historischen Schriftstellers Joachim Fest begründete. Von seinem fulminanten Erstling an, „Das Gesicht des Dritten Reiches“, einer 1963 erschienenen Sammlung von Porträts der Nazi-Größen, war es das darstellerische Vermögen wie seine Haltung gegenüber der Epoche, die ihn als Autor auszeichneten. Man kann auch sagen: es war die Person, die sich in seinem Schreiben und Urteilen zu erkennen gab.

Anders gesagt: Es war die erstaunliche, respekteinflößende Größe aus Anspruch und Distanz, Disziplin und Melancholie, die er, je länger, desto beeindruckender, für die Bundesrepublik abgab. Sie hatte ihren Grund vielleicht darin, dass kaum ein anderer so wie Fest versucht hat, das Bürgerliche in Erinnerung zu rufen und damit die Möglichkeit einer konservativ grundierten Existenz in unserer Zeit zu erproben. Kulturkritisch, ja kulturpessimistisch, wie Fest mit den Jahren wurde, kam das auf den Entwurf einer Gegenwelt zum Zeitgeist hinaus, den er unermüdlich als linksgewirkt und abschüssig empfand. Fest hat sich diesen seinen Olymp zuletzt in dem Buch „Begegnungen“, einer Versammlung von Porträts von für ihn maßgebenden Gestalten, zusammenbuchstabiert – von Hannah Arendt bis Golo Mann, dazu Zeitgenossen wie Johannes Gross und Wolf Jobst Siedler. Zusammen ergeben diese Vorbilder und Streitgenossen einen eigenen Strang der intellektuellen Geschichte der Bundesrepublik. Aber vor allem gehörte er selbst dazu.

In alledem schlug sich eine Biografie nieder, die die Erfahrung von Diktatur und Krieg wie die deutsche Wiederherstellung nach 1945 umfasste. In Fests Fall begann sie in Berlin, wo er am 8. Dezember 1926 geboren wurde, in einer Familie, die allerdings – seine Jugenderinnerungen berichten davon – eine Insel gegen die beginnende Diktatur bildete. Der Vater, Republikaner, Katholik und Bildungsbürger, vermittelte Fest ein erstaunliches, sicheres Fundament an Haltung und Bildung. Das Freiburger Internat, das Fest mit seinen beiden Brüdern ab 1942 besuchte, um sie aus der Nazi-Schusslinie zu ziehen, in die sie in Berlin gekommen wären, verstärkte diese Prägung. Das Fast-Verheiztwerden in den letzen Kriegsmonaten vollendete eine Sozialisation, die einen unverrückbaren Eckstein seines Lebens bildete.

Für seine berufliche Laufbahn wurde – nach einem Jurastudium, bei dem Fest nicht zuletzt vor allem geisteswissenschaftliche Fächer hörte - der Rias wichtig, bei dem er die zeitgeschichtlichen Sendungen verfasste, aus denen das „Gesicht des Dritten Reiches“ entstand, dann der NDR, bei dem er Chefdramaturg und später Chefredakteur war. Damals moderierte er auch das Magazin „Panorama“. Die Station bei dieser, später zu kritisch-linker Form auflaufenden Sendung, zeigt an, dass sich damals, in der Mitte der 60er Jahre, die ideologischen Wasser in der Bundesrepublik noch nicht geteilt hatten. Es war wohl erst die 68er-Bewegung sowie die Politisierungen und Polarisierungen, die sie auslöste, die Fest zum vehementen Kritiker des Zeitgeistes machte.

Die Hitlerbiografie, bemerkenswerterweise 1968 begonnen, 1973 das Ereignis des Bücherherbstes, machte ihn dann auch für die breite Öffentlichkeit zur literarischen Gestalt. Von da an verantwortete er auch für bald 20 Jahre als „FAZ“-Herausgeber das Feuilleton des Blattes; er tat es an langer Leine, aber fest in der Sache, wenn jemand dem Ressort fremde Maßstäbe aufnötigen wollte. Wenn es das deutsche Debatten-Zentrum neben der „Zeit“ – und zum Teil gegen sie – wurde, dann ist das nicht zuletzt sein Verdienst. Das gilt zumal für den „Historikerstreit“, für den er mit dem Abdruck von Ernst Noltes umstrittenem Aufsatz über die „Vergangenheit, die nie vergeht“, die Vorlage gab, während „Die Zeit“ ihn sozusagen verwandelte – in das Spektakel, das er dann wurde.

In diesen Jahren entfaltete sich der Essayist Joachim Fest. Das Genre war vielleicht seine größte Stärke, weil es der Vielfalt seiner Interessen und seinem Formwillen entsprach. Es entstanden auch kulturkritische Abrechnungen mit dem Zeitgeist, mit dem „Romantizismus“, den er der Linken vorhielt, oder Polemiken gegen die Vertreibung des Erzählens aus der Geschichtswissenschaft. Vor allem aber ließ er seinen Neigungen freien Lauf. Immer wieder schrieb er über Wagner und Thomas Mann und alle die Größen, die das 19. Jahrhundert an den Ufersaum unseres Zeitalters gespült hat, dazu, seinen klassizistischen Sympathien folgend, über Palladio und Schinkel, aber auch über Friedrich Sieburg – pointiert „ein Porträt ohne Anlass“ betitelt – und Graham Greene. Daneben eine italienische Reisegeschichte, „Im Gegenlicht“: Resultat einer lebenslangen, Jahr für Jahr bekräftigten Passion für eine Lebensweise, die dieser Preuße bewunderte und liebte.

Fest hat auch immer wieder gerne die Rolle des Beraters angenommen, etwa bei den Erinnerungen Albert Speers, denen er zusammen mit dem Verleger Wolf Jobst Siedler zur literarischen Geburt verhalf. Fests spätere Biografie über Speer hat ihm viel Kritik eingebracht, weil Speer ihn offensichtlich getäuscht hat. Über die methodischen Fahrlässigkeiten hinaus, die ihm vorgehalten wurden, hat der Irrtum vermutlich eine generationsspezifische Seite. Fest interessierte an Speer der Fall des politisch schuldig gewordenen Technokraten. Aber auch jemand wie Fest, der immun war gegenüber jeder Sympathie mit dem „Dritten Reich“, hatte offenbar die Sehnsucht, in dem Mörderhaufen des Regimes wenigstens einen seiner Exponenten zu finden, der anständig geblieben war. Es war eine vergebliche Hoffnung.

In seinen späteren Jahren nahm Fests kulturpessimistische Obsession zu. Die Wende – den Berliner hatte der Mauerfall ausgerechnet in Palermo überrascht – inspirierte ihn zur kritischen Auseinandersetzungen mit den gescheiterten Utopien und dunklen Visionen über die liberalen Gesellschaften, die er für unfähig hielt, einen belastbaren Lebenssinn zu vermitteln. Unermüdlich publizierte er weiter. Das Ausscheiden aus der „FAZ“ 1993 beging er mit einem bedeutenden Buch über den Widerstand, das unter dem Titel „Staatsstreich“ dem „langen Weg zum 20. Juli“ nachging. Dann widmete er sich nochmals Hitler, diesmal dem Ende des „Dritten Reiches“; „Der Untergang“ wurde zum Vorwurf eines erfolgreichen, heftig diskutierten Films. Sein letztes Buch, die Jugenderinnerungen, waren schon der Krankheit abgerungen, die ihn nun ereilt hat.

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