Zeitung Heute : Der Geschichtensammler

Martin Kamer liebt Kleider für das, was sie erzählen

Susanna Nieder

Martin Kamer ist ein freier Mann. Fast 35 Jahre lang sammelte er Kleider, Hüte, Schuhe und konnte sich nicht vorstellen, jemals die Schätze wieder herzugeben, die in seinen Wohnungen in New York und London Räume füllten. Doch in den letzten zwei Jahren seiner Sammlertätigkeit trat eine unerwartete Veränderung ein: „Anfangs ist einem die Sammlung untertan“, sagt der gebürtige Schweizer in einer schönen altmodischen Wendung. „Aber dann kehrt sich die Sache um. Die Verantwortung wird zu groß.“ Als der Luzerner Kunsthändler Wolfgang Ruf ihn 1999 ansprach, das Berliner Kunstgewerbemuseum sei auf der Suche nach einer Modesammlung, erkannte Kamer seine Chance: Ganz oder gar nicht würde er verkaufen, sich befreien von der Verantwortung für eine der bedeutendsten privaten Modesammlungen der Welt.

Es dauerte von Juni 1999 bis Dezember 2003, bis der Verkauf der 660 Damen- und Herrenkleidungsstücke und 912 Accessoires aus dem 18. bis 20. Jahrhundert perfekt war: 2000 ging die Stadt Berlin pleite, 2001 lehnte die Deutsche Klassenlotterie eine Kaufbeteiligung ab (die sie später wieder zusagte), 2001 kam mit dem 11. September der Börsensturz, 2002 das Elbhochwasser, alles Gift für eine millionenschwere Kulturinvestition. Schließlich stellte Wolfgang Ruf 2003 eine Schnupperausstellung für Sponsoren zusammen, und siehe – sie überzeugte. „Als der Anruf endlich kam, ist mir sogar der Abschied von den Stücken leicht gefallen, von denen ich immer gedacht hatte, ich würde mich nie davon trennen“, sagt Kamer. Vor einer Woche hat er rund 50 der Kleider und Anzüge in der Ausstellung „Laufsteg Mode“ im Kunstgewerbemuseum wieder gesehen – und war’s zufrieden.

Geblieben ist ihm ein gigantisches Fachwissen um Stoffe und Schnitte, Verarbeitung und Färbungen, mit dem er, der genaue Beobachter, an Aufträge als Kurator und Gutachter herangeht. „Gucken, man muss immer gucken!“ Dann nämlich sieht man die kleinen Stiche mit grob gesponnenem Faden, die kein Mensch nach dem 18. Jahrhundert so gesetzt hätte, die schweren Seidenstoffe, die dichte Wolle und die uneinheitlichen Färbungen früherer Epochen. Oder die Spuren der chemischen Experimente, die in den sechziger Jahren des 19. wie des 20. Jahrhunderts in Mode kamen und einen schnellen Verfall der Textilien zur Folge hatten. Ganz zu schweigen von den Proportionen, die sich schon vor 200 Jahren ständig verschoben, und von den liebevoll ausgearbeiteten Details, die mit der Mode vom Saum an den Ausschnitt oder von den Ärmeln in die Körpermitte wanderten.

Aber kann ein von der Leidenschaft Getriebener wie Kamer wirklich aufhören mit dem Sammeln? „Einige Monate habe ich mir nach dem Verkauf freigenommen. Dann wurde es mir stinklangweilig.“ Er gluckst in sich hinein. Die kleine Sammlung, die er sich dann vornahm – die wechselnden Silhouetten der Damenkleidung von Anfang des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts – ist heute fast schon wieder komplett. Wenn man sich klar macht, dass die Moden und mit ihnen die Silhouetten auch vor 150 Jahren schon alle fünf Jahre wechselten, kann man sich deren Umfang ausrechnen. „Aber jetzt ist Schluss!“

Also keine neuen Kleider mehr – aber er hat ja noch sein Archiv mit Modezeitschriften ab dem 18. Jahrhundert, Modezeichnungen und Kupferstichen, Fotografien ab der Daguerrotypie. „Zu viel“, sagt Kamer und kratzt sich am Kopf. Und lacht. „Menschen sammeln ja die erstaunlichsten Dinge. Kleiderbügel. Bleistifte. Die kleinen Brautpaare, die auf Hochzeitstorten gesteckt werden. Seifenreste, die, gegen das Licht gehalten, wie ein Schmetterlingskabinett aussehen.“ Von einem Bankdirektor hat er gehört, der Spardosen sammelte – wegen der Geschichten, die daran hingen.

Geschichten sind auch das, was Martin Kamer an der Mode so reizt. Schon als kleiner Junge in den fünfziger Jahren stellte er sich vor, wie die Menschen aus den Gutenachtgeschichten aussahen, und nach jeder Party musste seine Mutter genau erzählen, welche Tante welche Kleider getragen hatte. Anfang der Sechziger lernte er in seiner Wahlheimat London Bühnen- und Kostümbildner und arbeitete Jahre lang mit dem Bühnenbildner des Balletttänzers Rudolph Nurejew zusammen, weil man auf der Bühne viel ausführlichere Geschichten erzählen kann als in Modekollektionen – nicht nur mit Kleidern, sondern auch mit Geschirr oder Möbeln.

Einem Menschen, für den die Proportionen der Dinge eine so prominente Rolle spielen, muss die gängige Trennung in „hohe“ und „dekorative“ Kunst zwangsläufig dumm erscheinen. „In Japan ist alles Kunst – Malerei, Schrift, Gewebe.“ Und Moden, machen wir uns nichts vor, gibt es allenthalben – selbst in der Medizin, wo mal Penizillin und dann wieder Heilkräuter en vogue sind.

Kleider sammeln wird Kamer zukünftig vielleicht nicht mehr – aber niemals wird er aufhören, genau hinzuschauen. Ganz im Gegenteil: Sein nächstes Projekt ist ein Fachbuch über Details in der Mode. Dafür wird er Bilder aussuchen, die bisher noch nie abgedruckt wurden. Das Archiv dazu hat er ja. Denn Martin Kamer ist zwar ein freier Mann – aber einer, der noch immer auf einen enormen Fundus zurückgreifen kann.

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