Zeitung Heute : Der geteilte Himmel

Der Westen präsentiert gerade die DDR als Andenkenladen. Das nennt sich Ostalgie. Wie wichtig uns der unverkäufliche Rest war, ist nicht mehr vermittelbar. / Von Gunnar Decker

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„Es gab im Osten fast keine reinen Ostler. Die meisten hatten Verwandte im Westen, sahen sowieso Westfernsehen und hörten Westmusik – lebten also bereits in einer medialen WestWelt, aber ohne den erdenden Kontakt zum harten West-Boden.“

Die Vergangenheit ist tot, nichts holt sie zurück. Nein, die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen. Beide Sätze scheinen richtig. Das macht die Sache kompliziert. Denn wenn sie einerseits zweifellos tot und vorbei, andererseits noch nicht einmal vergangen ist, dann haben wir es mit etwas Untotem zu tun. Gerade erleben wir die Wiederauferstehung der DDR als Gespenst. Als Andenkenladen. Als Kunstgewerbe-Arrangement. Eine Orgie des schlechten Geschmacks. Aber durchaus lehrreich. Wir spüren es wieder in der Magengrube, wenn uns Dagmar Frederic, Achim Menzel oder Wolfgang Lippert ihren Frohsinn entgegensingen: Die DDR war eben eine sehr spezielle Diktatur. Ihr verschärfter Schmerzfaktor bestand darin, dass man den immer gleichen Gesichtern überall begegnete, dass es zwar viele Mauern gab, aber keine, die einen vor diesem Hospitalismus schützte. Mit den Ostalgie-Shows hat der Westen nun endlich den Besen gefunden, zum endgültigen Auskehren jedes Anflugs von DDR-Nostalgie aus den Köpfen. Man bringt den fröhlichen Karneval auf die Brechreiz-Spitze und dann ist schon Aschermittwoch in Sicht. Die DDR endlich tot und begraben. Hätte man auch früher drauf kommen können. Dann wäre uns die öde Stasi-Horror-Show erspart geblieben, deren Quote noch dazu miserabel war.

Wer trotzdem noch wissen will, wie die DDR war, der sollte die Selbstbefragungen von Franz Fühmann, Christa Wolf, Jurek Becker, Klaus Schlesinger, Günter Kunert, Stefan Heym, Maxie Wander, Brigitte Reimann, Stephan Hermlin, Christoph Hein, Hermann Kant, Erik Neutsch, Monika Maron, Anna Seghers, Volker Braun, Erich Loest, Erwin Strittmatter und noch zwei Dutzend wichtiger DDR-Autoren lesen. Dann hat man die DDR in ihrem inneren (Opposition zur selbstgewollten Sache) und äußeren Widerspruch (als DDR-Autor auch ein deutscher Autor zu sein, dem die Option offensteht, sich von dem Projekt DDR abzuwenden). Ein weites Feld. Möglicherweise fühlte sich Christa Wolf dann auch irgendwann Günter Grass näher als Hermann Kant und dieser wiederum ahnte sich in der angelsächsischen Literatur mehr zu Hause als unter seinen DDR-Kollegen. Vielleicht. Wenn man jetzt noch die Filmregisseure nehmen würde, oder die Maler – es würde richtig anstrengend.

Aber Anstrengung ist nun mal das Wesensmerkmal des Verstehens. Alles andere ist Folklore. Um solche handelt es sich bei der Ostalgie, die gerade als Billigartikel über den Sender-Ladentisch geht. Also das Gegenteil von Verstehen auch der eigenen Lebensgeschichte. Jede echte Selbstbefragung jedoch hat einen eingeschränkten Unterhaltungswert. Denn diese geht mit so unattraktiven Dingen wie Unsicherheit, Schmerz, Schuldgefühlen und Versagensängsten einher. Die gibt es natürlich. Aber eben ganz anders, als man sie uns die letzten 13 Jahre als Schmutzwasser vor die Füße kippte.

Als mir Anfang 1991 als beflissen-bereitwilligem Stipendiaten an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel ein Germanist (West) sagte, Christa Wolf solle doch endlich „ihre Schuld eingestehen“ (und danach dann Heiner Müller, Stefan Heym, Günter de Bruyn…), als dieser DDR-Funktionärston ganz ungeniert zurückkam, gaben wir ob dieser absurden Wiederauferstehung der DDR im vormundschaftlich-bundesdeutschen Biedergeist die trotzige Schön-war-es-trotzdem-Antwort. Obwohl es meistens eher nicht schön war. Das war auch der Geist, aus dem Brussigs „Helden wie wir“ und Haußmanns „Sonnenallee“ gemacht waren. Der Westen fand es „verharmlosend“ – und wusste nicht, wie genau diese Vokabel uns wieder da traf, wo wir am empfindlichsten waren. Nein, diese Brussig-Haußmann-Ironie, sie war verzweifelt komisch. Sie sah die DDR als Spießerrepublik. Gegen die waren wir immer gewesen. Und plötzlich gehörte man dazu. Die neuen Pionierleiter (die wie die alten waren, aber das wussten nur wir) wollten wieder von uns wissen, ob wir für oder gegen die gute Sache seien, nur hieß die jetzt anders. Wir wussten es wieder nicht, aber im Zweifelsfalle, hatten wir gelernt, ist es besser dagegen zu sein.

Die Nachwende brachte eine merkwürdige Wendung: Man lachte nicht mehr im stillen Einvernehmen über die idiotischen Verrenkungen der Macht – sondern sah sich plötzlich mit bundesdeutschen Staatsbürgern konfrontiert, wie sie sich keine DDR-Staatsbürgerkundelehrerin zu träumen gewagt hätte. In einer der ersten Bundestagssitzungen 1990 mit den hinzugekommenen Volkskammerabgeordneten sprang Konrad Weiß energiegeladen zu einem der Saalmikrofone, um – wie in der befreiten Volkskammer gerade erprobt – spontan seine Fragen dazwischen zu rufen. Der bis eben noch mit dem Nimbus eines Revolutionärs Beladene wurde daraufhin wie ein Schuljunge zurechtgewiesen, dass er sich an die hier herrschende Ordnung zu gewöhnen habe und sich jetzt still hinsetzen solle. Das Schlimme ist: er tat es. Der Thermidor hatte auch diese Revolution gefressen.

Der – immunisierende – Virus Skepsis war am Ende der DDR überall; ja, er stiftete paradoxerweise erst Gemeinschaft und gab uns so etwas wie ein Heimat-Gefühl. Als wir diese kollektive Skepsis verloren hatten, verloren wir die Heimat. Plötzlich waren da überall Staatsgläubige, Leute, die gar nicht über ihre Chefs lächelten, sondern ernsthaft Angst hatten vor ihnen. Oder besser gleich selber Chef werden wollten. Man war auf einmal umstellt von Positivität. Negativ zu sein, war plötzlich wirklich negativ. Dabei bekamen wir schon bei bloßer Erwähnung der Worte „engagiert“ und „zielbewusst“ einen leicht unregelmäßigen Pulsschlag.

Die heute Enddreißigjährigen hatten die DDR während Gorbatschows „Glasnost“ und „Perestroika“ ziemlich klar als etwas gesehen, was mit Hagers Tapetenwechselmetapher höchstwahrscheinlich seine letzte Chance auf Selbstreform verspielte. Untergangsstimmung und eine zunehmende Verweigerung der inneren Anteilnahme an den Staatsgeschicken waren die Folge. Seltsamerweise ging das nicht in dem an sich folgerichtigen Gedanken auf, irgendwelche Erwartungen an den Westen zu haben. Vielleicht ist diese Generation strukturell staatsbindungsunfähig.

Der Westen hat im Osten immer nur sich selbst gesehen – als ziemlich zurückgebliebenes alter Ego. Ein trister Sanierungsfall, mehr nicht. Musste man sich denn für Untergeher interessieren, ihnen zuhören, wenn sie ihre diffusen Ansichten von etwas gemeinsam Neuem aus DDR und BRD vortrugen? Da lachte man nur höhnisch – gerade Ihr, schaut Euch doch mal Euren Konsum an! Elmar Pieroth, Anfang der 90er Berliner Wirtschaftssenator, begegnete allen drängenden Fragen stereotyp mit einer Antwort: „Der Markt wird es richten.“ Wie ein Schamane, oder wieder wie etwas, das wir aus der DDR gut kannten. Tatsächlich hat sich der Markt als Richtstatt für den Osten erwiesen.

Dabei hatten wir immer auch bewundernd in den Westen geblickt: diese Buchläden, diese vielen Straßencafés, diese immer frisch gemalten Häuser, dieser Service! Aber der Westen schaute mit peinlicher (Un-)Berührtheit zurück. Erst dieser Westblick ließ uns die eigene Existenz etwas schäbig erfahren, das Zoogefühl aufkommen. Jedes Theater, jeder Kindergarten, ja, jedes Kranken- oder Pflegeheim stand plötzlich unter irgendeinem Verdacht. Der Blick auf das untergegangene Land wurde im Nachhinein selbst fast ein totalitärer. Für ihn gab es nur ein Entweder-Oder. Da wurde dem SED-Politbüro und der Staatssicherheit eine Macht angedichtet, die sie in den achtziger Jahren Schritt um Schritt verloren hatte.

Es gab im Osten fast keine reinen Ostler. Die meisten hatten Verwandte im Westen, sahen sowieso Westfernsehen und hörten Westmusik – lebten also bereits in einer medialen West-Welt, aber ohne den erdenden Kontakt zum harten West-Boden. Hart nicht, weil der Westen wirklich eine Leistungsgesellschaft gewesen wäre, wie er zu sein vorgab. In Wirklichkeit regierte auch hier das bürokratische Mittelmaß. Hart war dieser Boden, weil er so furchtbar ausrechenbar, so profan und traumlos war. So auseinander sortiert. Da die Gewinner, dort die Verlierer. Immer ergab hier zwei mal zwei vier. In der DDR niemals.

Ökonomisch war das zweifellos ein Desaster. Aber mitten im Chaos des Niedergangs öffneten sich auch Freiräume, die man fast die einer metaphysischen Sinnsuche nennen könnte. Denn die augenfällige Abkopplung vom Zeit-Geld-Verwertungszusammenhang (zehn Jahre Wartezeit auf ein Auto!), die wir in den 80ern als Kolportage auf die Herrschaftsideologie erlebten, war tatsächlich beides zugleich: Indiz für Verfall und eine Frist (die Frage, wie lange das so noch gehen könne, war allgegenwärtig), die wir als Freiraum erlebten. Der Staat war mit seiner Erosion beschäftigt, ihm fehlte die Entschlossenheit der frühen Jahre im Abstrafen. Es entwickelte sich ein Virtuosentum der Provokation, gegen die sich die rostenden Instrumente des Stalinismus als zu grob erwiesen. Auch das ist Vorgeschichte des 89er Herbstes: ein Romantikerbewusstsein. Inmitten einer Wirklichkeit, die unübersehbar nicht das war, was sie zu sein vorgab (Sozialismus als Fortschritt über den Kapitalismus hinaus) fragten wir nach dem Eigentlichen, dem Echten inmitten der Allgegenwart Potemkinscher Dörfer, in denen die Fassaden nicht nur bröckelten, sondern einzustürzen begannen. Uns fiel darauf als Antwort nichts ein, außer uns selbst. Das macht uns heute noch gegen Glücksversprechen aller Art, die von außen kommen, ziemlich immun. Damals wurden wir immer mehr Beobachter der Selbstabschaffung der DDR, die, bei Beibehaltung der ideologischen Rituale, ihre letzte Chance in einer halbherzigen Verwestlichung sah und – finanziert durch Franz Joseph Straußens Milliardenkredit – mit ein bisschen Marktwirtschaft und ein bisschen Konsumgesellschaft die Rettungsleine zu ziehen versuchte.

Manche fuhren auch in der DDR VW und Volvo, oder ließen sich wenigstens einen Trabant oder Farbfernseher über Schalck-Golodkowskis „Genex“ aus dem Westen schenken. Die Intershops waren voll, D-Mark die zweite Währung. Viele lebten sehr bequem unterm geteilten Himmel. Ganze Handwerksbranchen hatten für sich die Währungsreform um mindestens zehn Jahre vorgezogen und auf D-Mark für Privatkunden umgestellt.

Bin ich selbst vielleicht gar nicht der Ostler, für den man mich hält, weil ich bis heute nicht weiß, wie die ominöse Schlager-Süßtafel oder Rondo-Kaffee schmeckten, weil unsere (Teil-)Familie – quasi über 40 Jahre Luftbrücke – mit mindestens einem wöchentlichen Westpaket bedacht wurde, ausgestattet bis hin zu Tesa-Film und Pelikan-Füllern, Taschenrechnern und Quarzuhren. Und bei Besuchen gab es statt Blumen immer Kaffee, Schokolade und Strumpfhosen für die Dame des Hauses. Ich bin in den abgelegten Jeans und Hemden meiner Cousins groß geworden. Zur Strafe für diese Wohltat musste ich Dankesbriefe schreiben, die herzlich klingen und je ein aussagekräftiges Adjektiv für jeden Wäscheposten enthalten sollten. So lautete die elterliche Vorgabe. Also dann: Dank für die bequeme Hose und die tollen Socken.

Wenn wir charakterlich irgendwie verbogen sind, voller Aggressionen und latentem Selbsthass, dann liegt das nicht unbedingt an SED und Stasi, sondern eher an unserer demütigenden Dauerexistenz als Ostverwandtschaft. Immer ein bisschen zu sehr für doof gehalten, weil eben ohne „Zeit“- und „Spiegel“-Abo (das gab es auch über Genex nicht). Was half es, dass wir still vor uns brütenden Dostojewski- und Hesse-Leser es besser zu wissen meinten? Proportional zum wuchernden Ich-Bewusstsein meiner 13 Cousins schrumpfte meines. Geben ist nun mal seliger als Nehmen.

Lange vor der Vereinigung hatten wir schon keine Lust mehr, uns beim Westen dafür zu bedanken, dass er produktiver war und diese Produktivität als eine direkte Folge angeborener Intelligenz missverstand. In den Jubel darüber, dass die Mauer weg war, mischte sich der Argwohn, jetzt könnte das Zeitalter des großen Danksagens erst richtig anbrechen. Jetzt haben sie ein für alle mal und für immer in allem Recht.

Beginnt sich nun der Westen plötzlich für den Osten zu interessieren? Er macht Shows, und die sind ohne jede Gnade lustig. Bis eben war die DDR im Medien-Bild ein einziges großes Unrecht und nun – mitten im Gefängnis – ein großer Musikantenstadl? Man geht schnell noch mal den Kostümfundus durch und schaut, was recyclingfähig für Kurzauftritte ist. Wer Fellinis „Ginger und Fred“ gesehen hat, wünscht keinem, dass ihn so was trifft. Oder vielleicht doch. Denn jeder sieht es nun: Sehnsucht ist hier deplatziert. Dieses obszöne Altstoffsammeln für die Quote! Harald Martenstein hat geschrieben, Kati-Witt-Ostalgie und Birthler-Behörde seien nur verschiedene Segmente derselben Verkaufs-Show: „Der Kapitalismus hat einen großen Magen. Im Moment verdaut er gerade die DDR.“ Nein, nicht die DDR, sondern das, was an ihr so kapitalistisch war wie an der Bundesrepublik, nur eben sehr viel weniger effektiv, vermag er zu verdauen: die komischen Autos mit 50er Jahre-Design, die komische Schokolade ohne Kakao, die komischen Waschmittel aus den Urtagen von Leuna. Alles kein Problem. Aber das andere! Vielleicht steckt darin ja Hoffnung: im unverkäuflichen Rest. Wie wichtig uns Dichter (Erich Arendt, Johannes Bobrowski, Peter Huchel) sein konnten, wie elementar wir sie in uns aufnahmen, das scheint heute nicht mehr vermittelbar; aber es gehört uns.

Es ist jene entscheidende Selbsterfahrung in Scheitern und Demütigung, die nach West-Muster in den jetzigen Ostalgie-Shows ausgeblendet wird. Das aufpeitschende „Verkauf dich selbst!“, das Spaßsoldatentum, dringt durch alle Ritzen. Die neuen Rumpelkammern müssen immer noch so tun, als hätten sie alles vor sich. Da war – montags im DDR-Fernsehen gleich vor Karl-Eduard von Schnitzlers „Schwarzem Kanal“ – Willi Schwabes UFA-Andenken-Pflege ungleich ehrlicher.

Aber erste sichtbare Risse zeigen sich, aus New-Economy-Aufsteigern werden depressive Absteiger – und vielleicht bald richtige Menschen. Das gibt Hoffnung. Vielleicht erleben wir ja bald eine echte Wiedervereinigung von Ost und West: die der Skeptiker und Zukunftspessimisten.

Das Phänomen der Ostalgie erklärt das allein nicht. Es gibt die massenkulturelle Bereitschaft, sich unter Niveau zu amüsieren. Der zynischen Inszenierung (West) kommt ein sentimentaler Impuls (Ost) entgegen. Sentimentalität hat Max Wieser 1924 in seinem Buch „Der sentimentale Mensch“ geschrieben, sei ein Übergangsphänomen. Nicht der Bauer und nicht der Großstädter seien sentimental, sondern der Kleinstädter, sprich der Spießer, für den Kunst immer eine Kunstgewerbeveranstaltung ist. Sentimental wird ein Gefühl, das nicht vital reagiert (handelt!), sondern das längst abgestorben, leichenhaft ist – ein popkultureller Totentanz. Oder sagen wir: televisionäre Leichenfledderei. Also Übergang dorthin, wo wir wissen, was tot ist an der Vergangenheit und was lebendig. Tot ist, was keine Zukunft hat.

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