Zeitung Heute : Der getwitterte Gottesdienst

Religiöse Gruppen setzen zur Vermittlung ihrer Emotionskultur immer häufiger moderne Medien ein

Patricia Pätzold
Inszenierung. Papst Benedikt XVI. im Berliner Olympiastadion. Foto: dapd
Inszenierung. Papst Benedikt XVI. im Berliner Olympiastadion. Foto: dapdFoto: dapd

Berlin, Olympiastadion, 22. September 2011: Papst Benedikt XVI. hat auf einer zum Altar umfunktionierten Bühne an der Westseite des Stadionrunds die Hände zum Segen erhoben. Doch viele der 60 000 Menschen haben ihre Köpfe nicht gesenkt und starren in die entgegengesetzte Richtung: zum östlichen Horizont – dorthin, wo der Heilige Vater in Großaufnahme auf der elektronischen Stadiontafel zu sehen ist.

„Moderne Medien halten zunehmend Einzug in die Religion. Sie erfüllen unter anderem auch die Funktion, Gläubige mit einer bestimmten Emotionskultur vertraut zu machen“, sagt die TU-Soziologin Regine Herbrik. Sie untersucht, welche Gefühle heute im christlichen Glauben besonders relevant sind, wie sie ausgedrückt und von den Gläubigen gedeutet werden. „Oft ersetzt in den Gottesdiensten die Leinwand das Gesang- oder Gebetbuch.“ Dadurch ist der Kopf nicht mehr gesenkt, der Rücken nicht mehr gekrümmt, die Hände werden frei für andere emotionale Ausducksformen: nach oben gerichtete Gebetsgesten, das Anfassen und Umarmen des Nachbarn.

Die Religion verschwinde keineswegs aus unserer Gesellschaft, man spreche sogar vielfach von einer „Renaissance“, sagt TU-Professor Hubert Knoblauch, an dessen Fachgebiet für Allgemeine Soziologie das Projekt „Emotionalisierung der Religion“ angesiedelt ist. Es wird im Rahmen des Berliner Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ mit rund 200 000 Euro gefördert. Durch neue religiöse Gemeinschaften entstehe ein Gemeindespektrum aus Evangelikalen, charismatischen Gemeinden, aber weiterhin auch solchen der evangelischen und römisch-katholischen Kirchen sowie der russisch-orthodoxen Kirche. Doch wie unterscheiden sich die freikirchlichen oder pfingstlerischen Gemeinden von den großen Kirchen im Erleben bestimmter Emotionen?

„Religiöses Wissen wird nicht nur durch Worte vermittelt, sondern auch durch Emotionen“, sagt Regine Herbrik. „Wir wollen deshalb wissen, wie religiöse Gruppen ihren Mitgliedern ermöglichen, die emotionale Dimension von Religion zu erleben.“ Zur Untersuchung der jeweiligen Emotionskultur beobachten die Forscher Gottesdienste und andere Zusammenkünfte, werten Interviews mit Gläubigen aus, ebenso wie Videos, Selbstdarstellungen der Gemeinden in Podcasts und Twitter-Nachrichten auf Webseiten oder neuerdings auch in sozialen Netzwerken wie „Facebook“. „Ein herausragendes Beispiel für die Wissensvermittlung durch Emotionen sind auch die sogenannten ,Thomas-Messen’ einiger protestantischer Gemeinden“, erläutert Herbrik. „Sie richten sich besonders an ,Zweifler’ und betonen sinnliche, individuelle Erfahrungen: Salbung, Meditation, ungewöhnliche Musik, Niederschreiben von Gedanken, die anschließend an eine ,Klagemauer’ geheftet werden.“

Die Mega-Messe im Olympiastadion bot den Soziologen nicht nur ein ideales Forschungsfeld – unter anderem wurde auch ein Dokumentarfilm gedreht – sie nutzten sie auch für ein Lehrprojekt: Mit acht Studierenden führten sie vor Ort Interviews. Sie fanden dort weltlich-neugierige Touristen- und Schülergruppen und tiefgläubige, euphorische Ordensschwestern ebenso wie die bodenständige katholische Berliner Durchschnittsfamilie, die sich einfach freute, ihren Gottesdienst einmal mit ihrem Obersten Hirten zelebrieren zu können. Für den Sommer 2012 ist ein großer Abschlussbericht geplant. Patricia Pätzold

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