Zeitung Heute : „Der Gewinner heißt Berlin“

Das Wetter wird wichtig: Der oberste Tourismusmanager der Hauptstadt über die Chancen und Risiken der Fußball-WM

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Interview: Alexander Visser Herr Nerger, es sind nur noch wenige Wochen bis zur WM. Sehen Sie bei den Vorbereitungen noch Defizite, gibt es Risiken, die die Stadt ausräumen muss?

Ich glaube, dass Berlin sehr gut vorbereitet ist. Ein großes Risiko ist das Wetter. Viele Veranstaltungen im Umfeld der WM finden im Freien statt. Die Witterung wird einen direkten Einfluss auf die kurzfristig buchenden Gäste haben. Zurzeit gehen wir von einer 50-prozentigen Auslastung der hiesigen Hotelbetriebe zwischen den eigentlichen Spieltagen aus.

Ist das zur WM nicht sehr wenig?

Für mich ist das kein Grund, unruhig zu werden. Die Nachfrage ist im Vergleich zum Vorjahr etwa zehn Prozent stärker. Wenn das Eröffnungsspiel aus München übertragen wird und das Wetter stimmt einigermaßen, steht bei uns kein Telefon mehr still. Die Leute planen heute nicht mehr so lange im Voraus wie früher. Das haben wir bei anderen Großveranstaltungen auch schon erlebt. Insofern besteht für mich kein Grund zur Sorge.

Mit wie viel zusätzlichen Übernachtungsgästen rechnen Sie?

300000. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 2,3 Tagen rechnen wir mit einem Mehr von 700000 Übernachtungen.

Ist Berlins touristische Infrastruktur auf einen solchen Ansturm vorbereitet?

Jetzt ja. Berlin hat 85000 Hotelbetten und durch die Investitionen der vergangenen Jahre können wir von der qualitativ besten Hotellandschaft Europas sprechen. Dann bekommen wir den neuen Hauptbahnhof. Ich hätte mir natürlich gewünscht, der Großflughafen BBI wäre schon fertig. Das kulturelle Umfeld ist einmalig, auch Gastronomie und Shopping-Angebote stimmen. Zum Glück gibt es auch verlängerte Ladenöffnungszeiten. Wir sind bestens vorbereitet.

Muss der spontane Berlin-Besucher während der WM fürchten, dass er kein Zimmer findet?

Nein, notfalls muss er in einer anderen als der gewünschten Kategorie buchen oder weiter rausfahren. Es gibt eine gute Zusammenarbeit mit Brandenburg. Wir werden für jeden ein Bett finden.

Hat die Absage der offiziellen Eröffnungsfeier in Berlin Ihre WM-Stimmung etwas getrübt?

Nein. Ich bin eigentlich sehr froh darüber, dass wir jetzt die Eröffnungsfeier am Brandenburger Tor haben, die für jedermann offen ist. Die wird viel fröhlicher als eine exklusive Veranstaltung, zu der nur ausgewählte Gäste kommen. Das passt auch viel besser zur Stadt. Zusammen mit der Farewell-Party gibt die Feier dem ganzen Turnier eine tolle Klammer.

Die WM ist irgendwann vorbei. Wie wollen sie langfristig von dem Ereignis profitieren?

Wir haben uns andere Großereignisse wie die Olympischen Spiele in Athen und die Fußball-EM in Lissabon sehr genau angesehen. Während der Spiele kamen weniger Gäste als erwartet. Aber im Folgejahr gab es in beiden Städten einen großen Boom. Den erhoffen wir uns auch, 18000 Journalisten aus aller Welt werden positiv aus Berlin berichten. Das Schlimmste wäre, wenn es zu Ausschreitungen käme wie während der WM in Frankreich. Solche Fernsehbilder wären eine Katastrophe.

Welche Rolle spielt der Turnierverlauf für die Gästezahlen?

Unser Marketing-Ansatz ist: Berlin ist eine Reise wert – auch ohne Stadionkarte. Wir haben ein riesiges Programm rund um die WM. Angefangen von der Adidas-Arena vor dem Reichstag bis hin zu Ausstellungen, Konzerten und den Public Viewings. Wenn Deutschland erfolgreich ist, rechnen wir mit besonders vielen Tagesbesuchern aus dem ganzen Land. Schon zu normalen Zeiten haben wir 123 Millionen Tagesbesucher im Jahr.

Welches sind ihre Wunschmannschaften für das Finale?

Wenn ich das im Ausland gefragt werde, sage ich immer: „Ich bin so lange neutral, wie die Deutschen gewinnen“. Als Tourismusmanager sei jedoch auch die Frage erlaubt, ob wir nicht vielleicht weltweit langfristig mehr Sympathien gewinnen, wenn wir zwar im Endspiel stehen, aber letztlich nicht Weltmeister werden? Uns eilt nun einmal der Ruf voraus, stets über ausgeprägten Ehrgeiz die Besten sein zu wollen.

Und wer wird Weltmeister?

Der Gewinner heißt in jedem Fall Berlin.

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