Zeitung Heute : Der Gipfel der Reinheit

Zähne putzen, Fenster auch – und Ameisen auf den Rasen schütten: St. Petersburg vorm G- 8-Treffen

Elke Windisch[St. Petersburg]

Hat sich das Bermuda-Dreieck in die russische Ostsee verschoben? Auf dem Finnischen Meerbusen, wo die Frachter sonst so dicht aneinander vorbeifahren, dass die Kapitäne sich fast per Handschlag begrüßen können, ist weit und breit kein Schiff in Sicht. Auch der Hafen von St. Petersburg macht dicht, und auf der Newa liegen die weißen Barkassen, auf denen sonst täglich tausende Touristen durch die Kanäle schippern, fest vertäut an den Ufermauern. Ihre Besitzer starren in den wolkenlosen Himmel und addieren die Verluste. Pro Tag 500 bis 1000 Dollar. Ab und an spuckt einer ins Wasser.

Am Flughafen Pulkowo, an den Bahnhöfen, Postämtern, Brücken und am Fernsehzentrum – überall sind Soldaten in Stellung gegangen. Straßen sind gesperrt, auch die Bürgersteige. Fußgänger huschen ängstlich am Rand der Fahrbahn dahin, bemüht um sicheren Abstand zu Posten in Zivil, die barsch nach dem Ausweis fragen. Russland ist ab Freitag erstmalig Gastgeber des G-8-Gipfels, Treffpunkt der Mächtigen, „und unser Präsident ist nun mal finster entschlossen, seine Kollegen als Gastgeber in jeder Hinsicht um Längen zu übertrumpfen, koste es, was es wolle“, sagt einer derer, die sich den Wahnsinn in ihrer Stadt ratlos anschauen. Dimitri, ein feiner alter Herr mit schlohweißem Haar und graugrünen Augen, ist Historiker und hat, wie inzwischen viele Kritiker Putins, gegenüber der Westpresse keinen Nachnamen mehr.

Die Steuerzahler zahlen für diesen Gipfel rund sieben Milliarden Rubel, etwa 203 Millionen Euro – was dreimal mehr ist als für die 300-Jahrfeier der Stadt, die im Sommer 2003 in olympischer Dimension zelebriert wurde. Mit Abstand größter Posten: die Sicherheit. Hubschrauberstaffeln fliegen Patrouille, Kampfpiloten der Luftwaffe harren der Dinge, die vermutlich nicht kommen, angeschnallt in den Cockpits ihrer Maschinen. Im Ernstfall steigen zur Verstärkung unbemannte Drohnen auf. Der alte Herr sieht hinter derartigem Größenwahn auch verdrängte Minderwertigkeitskomplexe: „Wir haben noch nicht vergessen, wie der Westen durch seinen Boykott die Olympiade vermasselt hat.“ Das war im Sommer 1980, nach Moskaus Einmarsch in Afghanistan.

Statt Kleckern ist daher Klotzen Staatsräson. Marode Mietskasernen werden farbenfroh aufgehübscht, Straßen asphaltiert. Über die neue 13 Kilometer lange Protokollstrecke können die Panzerlimousinen der Staatsgäste dann mit 120 Stundenkilometern in sechseinhalb Minuten vom Flughafen bis zum Tagungsort, dem Konstantin-Palais, durchfahren. Gewöhnlichen Sterblichen dagegen wurde „vorgeschlagen“, sich während der drei Gipfeltage gar nicht ans Steuer zu setzen, um den Gästen ein „hohes Niveau von Gastfreundschaft und Verkehrskultur“ vorzuführen. Außerdem wurden die Anwohner der Rennstrecke dazu vergattert, alle Fenster zu putzen. Samt Rahmen.

Tausende Polizisten und Geheimdienstler waren schon im Juni zur Verstärkung der Petersburger Kollegen aus anderen Regionen angerückt und schieben seither täglich zwölf Stunden Dienst am Stück. Unter ihrem wachsamen Blick wurden allerorten „vandalensichere“ Blumenrabatten aufgestellt, weil die Zeit drängt, gleich mit Inhalt. Aus dem gleichem Grund wird auch der Rasen nicht ausgesät, sondern ausgerollt. Und damit die Europäer, vor allem die Gegendemonstranten vom „Sozialforum“, nicht etwa auf die Idee kommen, sich auf selbigen zu setzen, kippten die Stadtbegrüner auf ihr Werk anschließend körbeweise Ameisen.

Michail Druschinninski, der Chef der lokalen Antiglobalisten, rechnet damit, dass insgesamt 3000 Gleichgesinnte anreisen. Die meisten werden in Zelten neben dem Kirow-Stadion kampieren. Während des Anti-Gipfels ist dann ein Protestmarsch am Zaun entlang um den Tagungsort im Vorort Strelnja geplant; schon im Juni hatten die Petersburger Antiglobalisten deshalb den Nahkampf mit Ordnungskräften geübt. Neben dem eigentlichen Palais, vor drei Jahren aufwendig restauriert, stehen im Park 20 Gästehäuser für die Delegationsleiter, jedes mit einer Wohnfläche von 1200 Quadratmetern samt Fitnessraum, Sauna, Swimmingpool, Speisezimmer und Küche mit elektrischem Mehlsieber.

Die St. Petersburger Obdachlosen haben es weniger komfortabel. Lange vor dem Showdown wurden sie eingesammelt und in Barackenlager gebracht, wo sie auf Reisig schlafen, das sie im Wald selbst zusammensuchen. Gewöhnlich trifft es bei derartigen Maßnahmen vor allem Kaukasier. Doch diese fanden unverhofft Gnade vor den Augen von Oberbürgermeisterin Valentina Matwijenko, nachdem Journalisten gefragt hatten, warum ausgerechnet in St. Petersburg so viele rassistisch motivierte Überfälle passieren. Im Internet tauchte dieser Tage ein Auszug aus dem Maßnahmenplan der Stadtregierung auf. „Es ist sicherzustellen, dass bei der Auswahl von Bedienungspersonal Personen mit deutlich ausgeprägtem nichtslawischen Aussehen überdurchschnittlich vertreten sind, um die multinationale Zusammensetzung der Stadtbevölkerung zu unterstreichen.“ Es folgt eine Aufzählung der erwählten Völker: neben Nenzen, die in der Arktis siedeln, auch Afrikaner. Aber bitte mit „blank gewichsten Schuhen, geputzten Zähnen, offenem Blick und optimistischem Lächeln“.

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