Zeitung Heute : Der Götterfunke

Er war der „Jahrhundert-Maestro“, der nicht mehr dirigieren wollte. Eine Reise nach Slowenien, ans Grab von Carlos Kleiber

Christine Lemke-Matwey

Das wäre doch gelacht. Karl-Heinz Rumpf guckt entschlossen drein, sein Mecki glänzt wie eine Haubitze in der Sonne. Drückt mir die Daumen, Mädels. Frau Rumpf und ich nicken brav und sinken unmerklich noch ein bisschen tiefer in die klimatisierten Heckpolster unserer 12-Zylinder-Langversion. Ina Rumpf, die ihren Ausweis im Hotel in Salzburg hat liegen lassen, und jetzt stehen wir an der österreichisch-slowenischen Grenze, und Slowenien ist zwar seit dem 1. Mai in der EU, nicht aber im Schengen-Abkommen. Liebe Güte, wer ahnt denn so etwas. Dabei habe ich dich noch gefragt, soll ich mein Portemonnaie mitnehmen?, sagt sie. Dein Portemonnaie, sagt er und dreht die Musik lauter, wie nur Männer (auch nette) die Musik lauter drehen können. Die Luft erzittert.

Wenig später steigt Karl-Heinz Rumpf aus, macht sich am Kofferraum zu schaffen und stapft in Richtung Grenzposten: unterm rechten Arm das Grabgebinde der Salzburger Festspiele, weiße Lilien am grünen Band, unterm linken einen Stapel Carlos-Kleiber-CDs. Und ganz zuoberst seine Visitenkarte als Chef des Audi-Kultursponsorings.

Eine Reise nach Slowenien. Eine Reise ans Grab von Carlos Kleiber, dem „Jahrhundert-Maestro“ und „genialen Nicht- Funktionierer“, wie die Nachrufe Mitte Juli titelten. Was wir dort suchen? Ganz einfach: den Ort, das Grab selbst. Kleibers Mutter war Slowenin, und er selbst war mit einer Slowenin verheiratet. Wie also bettet sich einer zur Ruh, der sein Künstlerleben lang nichts anderes im Sinn hatte als das Abhandenkommen, Entrinnen und Verschwinden? Kleiber, der Verweigerungsvirtuose. Erst Zürich, Stuttgart, München, Bayreuth, Salzburg, Wien, London, New York, Tokio und der riesige gleißende Rest der Welt – und dann irgendwann gar nichts mehr. Der Dirigent, der nicht mehr dirigierte. Er spinnt, sagen bis heute die einen. Er hat Recht, sagen die anderen. Warum sich mit nichts zufrieden geben, wenn man alles haben kann. Und so blieb er – wie das von ihm eigenhändig beschriftete Schildchen an seinem Garderobenschrank in der Bayerischen Staatsoper halb ironisch, halb triumphierend verheißt – zeitlebens himmelsstürmerisch „the best!!“.

Was hinterlässt so jemand? Keine Wallfahrtsstätte, das ist gewiss. Deshalb ja auch Konjsica/Slowenien, der hinterste Winkel des neuen alten Europas. Was aber dann? Blumen, Kerzen, ein windschiefes Holzkreuz? Ein blankes Fleckchen Rasen nur? Gar keine Spur? In jedem Fall würden wir, einmal dort angekommen, wissen, dass er uns tatsächlich und wirklich gestorben ist. Und nie wiederkommt. Von Lady Di oder Oskar Werner oder Ingeborg Bachmann können das viele bis heute nicht glauben. Carlos Kleiber, der Mensch, der Musiker, hatte diesen Götterfunken. Und wir haben Angst.

Wie spricht man das überhaupt aus: Konjsica? Wie wenig die Europäer doch von Europa wissen. Wie ahnungslos wir sind. Umgerechnet sechs Euro fünfzig für die Pizza Margherita auf der nächtlichen Rückfahrt im nahe gelegenen Litija. Teuer, aber groß. Es regnet in Strömen. Die Alternative wäre der örtliche Chinese gewesen.

Das Daumendrücken indes hat geholfen. Oder die CDs, der Dresdner „Tristan“, die „Traviata“ aus München, die „Unvollendete“ mit den Wienern. Ob der slowenische Grenzer mit Kleibers männlich-herrlichem Konterfei allerdings wirklich etwas anfangen konnte, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlich war er ganz einfach der (irrigen) Meinung, dass drei Menschen, aus deren Luxuslimousine klassische Musik dröhnt, außer Grabschmuck nicht auch noch Waffen, Nutten, Rauschgift oder Terroristen in sein Land schmuggeln.

306,18 Kilometer und dreieinhalb Stunden verheißt der Routenplaner von Salzburg bis Litija. Von dort soll es dann nur noch eine Viertelstunde sein. Wohlgemut folgen wir bei Anif den Autobahnschildern. Liegt in Anif nicht Herbert von Karajan begraben, den die Welt nach seinem Tod 1989 bemerkenswert rasch vergessen zu haben scheint? Carlos Kleiber hat diesen Karajan bewundert: für seine Professionalität, seine Chuzpe, seine Vielseitigkeit, seine vitale Selbstdarstellungslust, sein Handwerk. Als junger Stuttgarter Kapellmeister, so erzählte er gern, sei er einmal mit der („mannshohen!“) Partitur von Strauss’ „Elektra“ im Gepäck zu Karajan nach Salzburg gefahren – bitte, Maestro, Sie müssen helfen, ich kann das nicht. Woraufhin Karajan Seite für Seite akribisch mit ihm durchging, hier auf einen Übergang aufmerksam machte, da die Dynamik sortierte. Und das ist alles?, soll Kleiber am Schluss kleinlaut gefragt haben. Das sei nicht alles, so der Meister, aber doch viel. Ob dieser Ratschlag nun geholfen hat oder nicht: Carlos Kleiber hat kurz darauf, spricht man mit Zeitzeugen, eine urgewaltige, entfesselte „Elektra“ dirigiert. Allerdings nur drei oder vier Vorstellungen, dann war Schluss. Diese Musik, so teilte er dem damaligen Stuttgarter Intendanten Walter Erich „Papa“ Schäfer mit, erschöpfe ihn zu sehr. Was blieb, war die Gewissheit, selbst „kein Profi“ zu sein und sich mit dem Vielen niemals begnügen oder arrangieren zu können. Eine tiefe Verstörung. Lebenslang.

Stunden später. Wir robben uns von Mautstation zu Mautstation, schleichen von Tunnel zu Tunnel. Blockabfertigung, ein ganz normales Wochenende auf der Tauernautobahn gen Süden. Man wird beäugt in dem silbergrauen A8- 12-Zylinder aus dem Fuhrpark der Salzburger Festspiele, von holländischen und deutschen Wohnmobilfahrern, von Müttern und Kindern, die sich am Straßenrand ein Eis holen oder eine Limonade, ja selbst von den mürrischen wohnmobileigenen Vierbeinern. Als gehörte man zur Mafia, als würde man bei etwas Asozialem, Unbotmäßigem, Schweinischem ertappt. Man wird beäugt – und genießt es, erst ungeübt-verstohlen, dann ganz locker und offen. Das Wichtigste im Leben seien Privilegien, hat Carlos Kleiber einmal gesagt – „glauben Sie mir“. Hat er sich deshalb sein legendäres Ingolstädter Konzert mit dem Bayerischen Staatsorchester München 1997 mit einem A8 vergüten lassen – zum heiligen Entsetzen, igittigitt, der gesamten Klassik-Branche? Karl-Heinz Rumpf nickt, der Service, vor allem das kostenlose Wechseln der Sommer- und Winterreifen, das seien für den Maestro in der Tat „letzte Privilegien“ gewesen. Kleiber, der ehedem nur first class oder im Privatjet zu seinen rarer werdenden Auftritten flog und der schließlich so skrupulös war, dass ihm buchstäblich nicht mehr einfiel, was er, um den Betrieb aus den Angeln zu heben, noch alles feixend fordern könnte, müsste, sollte ...

1991, erzählt Rumpf, habe Kleiber angefragt, ob er den damals brandneuen V8 ferienhalber einmal ausprobieren dürfe. Nun, er durfte – und verdankte dem Auto prompt sein Leben. Nach einem „emotionalen Erlebnis“ nämlich sei er die Küstenstraße zwischen Amalfi und Positano wie in Trance entlanggerast und war fortan von dem Glauben nicht mehr abzubringen, dass er diese Tour in keinem anderen Auto je unversehrt überstanden hätte. Audi forever. Und Kleiber kannte sich aus, liebte es, mit den Mechanikern in Ingolstadt zu fachsimpeln oder durch die Rotation zu flanieren. „Wie, dank Ihrer, AUDI mit meinem über alles geliebten alten wunderbaren A8 umgeht, dafür bin ich unendlich froh und dankbar!“, schreibt er an Karl-Heinz Rumpf: „Bless you all!“ Das Fax trägt das Datum vom 11. Juli 2004, 11 Uhr 50. Letzte Sätze, zwei Tage vor seinem Tod. Wenn das kein Abschied ist.

Slowenien kündigt sich als weißer Fleck auf der elektronischen Landkarte an. Unsere Kleiber-Geschichten gehen zur Neige. Schade, einen DVD-Player hat die Limousine nicht. Was man alles gucken könnte. Seit einem guten Jahr etwa sind Kleibers Proben mit dem damaligen Südfunk-Sinfonieorchester von 1970 auf dem Markt, die „Freischütz“- und die „Fledermaus“-Ouvertüre. Die schwäbischen Musiker, hat ein Kritiker sehr treffend bemerkt, säßen da wie eine Schar von „Leichenbeschauern“. Kleiber aber lässt sich nicht beirren, tanzt und turnt vorne am Pult herum, schmeichelt und schnurrt, befeuert und befehdet. Und sagt Dinge, die mindestens so schön sind und so ergreifend wie die Musik selbst.

„Ich will eigentlich gar nichts, ich will, dass Sie etwas wollen“, gibt er zu bedenken und bittet, den Strauß-Walzer doch weniger „elefantisch“ zu spielen. Und bei Carl Maria von Weber droht er: „Auch wenn ich sonst nichts kann, ich kann hören, ob ein Mensch auf einen anderen hört.“ Ganz besonders freilich hat es ihm der Solo-Klarinettist angetan, ein gestrenger älterer Herr mit Hornbrille, den er hingebungsvoll und mit emphatischen Gesten von seinem „Notenfleisch“ zu erlösen sucht: „Singen Sie! Singen Sie und vergessen Sie die Welt. Die Welt ist nix wert.“

Auf der Rückfahrt darf ich chauffieren und entdecke im Display ein Symbol, das aussieht wie das verbeulte Steuerrad eines Schiffes. Oh, sagt Karl-Heinz Rumpf und springt hinaus in die Nacht, der linke Vorderreifen. Ein Loch offenbar. Zweimal füllen wir Luft nach, dann hält es, irgendwie. Das Ehepaar ist erschöpft und schlummert vertrauensselig. Um halb eins in der Nacht halten wir in Salzburg vor dem Hotel. Ich erspähe eine Parklücke, lege den Rückwärtsgang ein, pieps, pieps, macht das Frühwarnsystem. Was diese Sensoren immer ha… rumms! A8 rammt A8. Peinlich. Lackschaden. Das regeln wir intern, sagt Karl-Heinz und winkt ab. Sonst sagt er nicht mehr viel.

Kurz hinter Lubljana hatte es angefangen zu regnen. Fast sieben Stunden sind wir jetzt unterwegs. Wasserfälle schieben sich uns in den Weg, wie erblindet rollen wir weiter. Dann reißt es wieder auf. Dampfendes Chlorophyll, eine Märchenlandschaft, Hügel, Wälder, Matten, gurgelnde Flussläufe. Und wir plötzlich ganz allein auf buckeligem Asphalt. Konjsica hat zwölf Häuser und ein Kirchlein und liegt still-vergnügt in einem kleinen Hochtal. Kein Laden, keine Gaststätte, nichts. Die Luft riecht reich und frisch. Üppige Bauerngärten. In dieser Idylle, an solchem Locus amoenus kann einem die Welt getrost gestohlen bleiben. Kleibers Familie hat oben am Hang seit vielen Jahren ein Haus. „Vielleicht macht mich Konjsica froh“, kritzelt er mir im November 1999 auf eine Postkarte, „so unkompliziert ist’s dort. Wie die Stelle mit dem Englischhorn in den letzten Minuten ,Heldenleben’.“ Wir parken an der Kirche, dem Ziffernblatt der Uhr fehlen in alle vier Himmelsrichtungen die Zeiger. Im CD-Player läuft Brahms, die Vierte mit den Wiener Philharmonikern. Wir hören zu, als hörten wir die Symphonie zum allerersten Mal, und schweigen. Lange. Irgendwann steigt jemand aus. Es tröpfelt. Wie ein Hufeisen schmiegt sich der Friedhof um das Kirchlein. Zwölf Häuser, zwölf Gräber. Karl-Heinz Rumpf geht voraus, biegt kaum um die Ecke, da entfährt es ihm: „Mensch, Carlos, da biste ja.“ Spätestens jetzt ist es um meine Fassung geschehen.

Das perfekte Grab. Unglaublich, aber wahr. Ein schmaler Stein, weißer Marmor mit goldenen Lettern, oben der Name der Frau, die ein halbes Jahr zuvor gestorben war, darunter sein Name. Besiegelte Tatsachen. Einzig die Kränze und der knirschende Kies und die Blumen und die vielen Windlichter sagen, wie neu der Schmerz noch ist und wie weh er tut. Carlos Kleiber war 74 Jahre alt, als er starb – wahrlich kein Alter für einen Dirigenten. Er sei schwer krank gewesen, hieß es, und dass er nur zwei Tage nach jenem „Bless you all!“ und ausgerechnet in Konjsica, wo auch seine Frau, nun ja. So recht glauben wollte die Nachricht von seinem Tod anfangs niemand. Weil er schon so lange als vermisst galt. Und weil es ihn eben doch noch gab. Als Karfunkel. Als heimliches Herzgewächs. Als Versprechen. Einmal, ein letztes pulsierend-panisches Mal würde, könnte, müsste er doch noch, so dachte man und hoffte immerzu. Als dürfe ein Mensch, ein Künstler, ein Genie, nicht einfach so verlöschen. Als hätte das Feuer keinen Preis.

Karl-Heinz drapiert die Festspiel-Lilien („In liebem Gedenken“), Ina einen kunstvoll mit Moos umwickelten Notenschlüssel, ich drücke einen Rosenquarz in die Erde. Dann falle ich aus der Zeit. Was haben wir zwei Stunden lang gemacht, im Wind, im Regen, in der einsetzenden Dämmerung? Geatmet. Geschwiegen. Fest ballte die Trauer ihre Faust. Und das alte Verliebtsein regte sich. Gute, widerspenstige Gefühle.

Später kommt eine Frau und schließt uns ungefragt die Kirche auf, in der es sehr bunt und sehr heiter zugeht. Ich muss an den Kleiber’schen Personalbogen für seine Einreise nach Dresden/DDR denken, zwölf handgeschriebene Zeilen. „Vorname: Karl Ludwig“ steht da – Carlos ist der Künstlername und der Emigration seines von den Nazis vertriebenen Dirigenten-Vaters Erich Kleiber nach Argentinien geschuldet –, „Beruf: Dirigent“, „Groesse: 183cm“, „Augen: Blau“, „bes. Merkmale: keine“. So einfach kann das Leben manchmal sein, so klar. Schaut mal, ein Regenbogen drüben auf der anderen Talseite. Kein Kitsch, nein. Nur schön. Und richtig. Und friedlich.

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