Zeitung Heute : Der Golf kostet vier Millionen

Was geworden wäre, wenn Deutschland die Römischen Verträge nicht unterschrieben hätte

Bernd Matthies

Juni 2007: Dem deutschen Zoll gelingt einer der spekatakulärsten Schläge gegen den Delikatessenschmuggel. Johann Lafer, einer der bekanntesten deutschen TV-Köche, wird in der Nähe des Grenzübergangs Kehl am Rhein von einem schwer bewaffneten Sondereinsatzkommando überwältigt; die Beamten finden im Kofferraum Bresse-Hühner, frische Austern und Langustinen, spanischen Pata-Negra-Schinken, Gänseleber und andere Delikatessen, dazu eine Kiste 2000er Mouton-Rothschild. Lebensmittelschmuggel – eine Straftat, die sich im wirtschaftlich isolierten Deutschland des 21.Jahrhunderts immer mehr ausbreitet.

Lafer, der nicht zum ersten Mal erwischt wurde, muss mit einer Haftstrafe rechnen. „Ich will doch weiter nichts als meinen Gästen gute Lebensmittel servieren!“, sagt er zu seiner Rechtfertigung, doch das hilft ihm nicht. Landwirtschaftsminister Seehofer lässt erklären, Deutschland müsse als Agrarland seine Interessen ebenso wie seine Grenzen vor Schwarzimporten schützen. Und der deutsche Trollinger sei zwar deutlich teurer als Bordeaux-Wein, könne sich aber dem qualitativen Vergleich durchaus stellen.

Trotz dieses harten offiziellen Standpunktes wird in Deutschland immer deutlicher, dass es ein historischer Fehler Frankreichs und Deutschlands war, die unterschriftsreifen Römischen Verträge 1957 aus prinzipiellen Gründen platzen zu lassen und damit die Bildung eines wirtschaftlich vereinigten Europa zu verhindern. Während die Globalisierung großen Teilen der Welt einen Wirtschaftsboom unerwarteter Dimension beschert, während die ehemaligen Ostblockländer wie Bulgarien oder Ungarn einen immer größeren Teil ihres Volkseinkommens in der EFTA einfahren, die sie wirtschaftlich und politisch mit Norwegen, Island, der Schweiz und Liechtenstein verbindet, dümpeln die Kernstaaten Europas in der selbstgewählten Isolation.

Es ist im Jahr 2007 deshalb, wie es immer war. Nicht nur, dass exorbitante Luxussteuern die Deutschen vom Genuss französischer Delikatessen abhalten; umgekehrt ist der Absatz der deutschen Industrie in die Nachbarländer in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends weiter gesunken. „Das Golf-Grundmodell kostet wegen der Zölle in Frankreich vier Millionen Francs und in Italien drei Milliarden Lire“, erläutert VW-Chef Martin Winterkorn, „dafür kriegen Sie dort eine ganze Halle voller Renaults und Fiats.“ Umgekehrt ist es nicht anders: Pop-Titan Dieter Bohlen fährt bei der Bambi-Verleihung mit einem fabrikneuen Renault Twingo vor und muss sich daraufhin von der Bild-Zeitung „Verschwendungswahnsinn“ vorwerfen lassen: „Dieter jetzt total stulle!“

Kein Wunder, dass Arbeitslosigkeit und Rezession auch den Kernbereich des einstigen deutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit erfasst haben. Wo einst beispielsweise die Maschinenbauer von Erfolg zu Erfolg eilten, stehen jetzt nur noch verlängerte Werkbänke. Polnische Großunternehmen nutzen eines der raren bilateralen Abkommen mit Deutschland, um hier zu Billiglöhnen Textilien und einfache Kunststoffteile zu fertigen. Zehntausende von Deutschen können ihren Lebensunterhalt nur dadurch bestreiten, dass sie illegal in Polen oder Tschechien putzen gehen oder sich als Bauarbeiter verdingen. Vor allem in Tschechien werden die Rufe nach sofortiger Abschiebung deutscher Billig-Prostituierter immer lauter.

Trotz dieser blühenden Schattenwirtschaft wird das Leben in Deutschland immer schwerer, denn die Inflation hat praktisch jeden Winkel des Alltags erreicht. Die Deutsche Telekom, deren 1,2 Millionen beamtete Mitarbeiter zu den Gewinnern der Situation gehören, kann als Monopolist ihre Preise prinzipiell nach eigenem Gutdünken gestalten; dennoch schafft die Behörde es nicht, den Grundpreis für die ersten zehn Sekunden eines Telefongesprächs im Ortsnetz von vier auf acht Mark zu verdoppeln. Denn überall im Land brechen zum Teil blutige Massenproteste aus, es brennen Hunderte von Telefonzellen. Die Post rudert zurück, teilt aber mit, man könne ohne die geplante Erhöhung die Pläne für ein Mobilfunknetz, wie es in vielen Teilen der Welt längst üblich und selbstverständlich ist, nicht weiter vorantreiben. Bundespostminister Gabriel hat noch mit anderen großen Problemen zu kämpfen: Er droht der Bundespost mit Konsequenzen, falls sie ihre Absicht verwirklicht, die Briefkästen künftig nur noch ein Mal in der Woche zu leeren. Auch die tägliche Postzustellung, wie sie in den Kerngebieten der Großstädte noch üblich ist, soll ganz auf Wochenrhythmus umgestellt werden.

Ebenso heftig wird der Plan der Lufthansa kritisiert, Economy-Flüge nur noch zum Business-Tarif anzubieten: Die Strecke Berlin-Paris kostet dann hin und zurück 4575 Mark, und Fernziele wie die USA sind praktisch nur noch für Superreiche erreichbar. Da sehe man, schimpft FDP-Chef Westerwelle, wie dringend überfällig die Zerschlagung des Lufthansa-Monopols sei, „gegen die die Bundesregierung sich mit Klauen und Zähnen wehrt“. Bundeskanzlerin und DGB-Chefin Angela Merkel wirft Westerwelle im Gegenzug vor, er spiele leichtfertig mit Zehntausenden von Arbeitsplätzen und ignoriere die drohende Klimakatastrophe, die durch den weltweit immer zügelloseren Flugverkehr gefördert werde.

Easyjet, in Deutschland nicht zugelassen, bietet daraufhin Flüge von Zürich nach Amerika schon für 179 Franken an. Der Grenzübergang Kreuzlingen, über den allein Bundesbürger noch in die Schweiz einreisen dürfen, wird daraufhin nur noch am Wochenende und nur von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Erstes Resultat dieser Maßnahme: Ein katastrophaler, ständiger Autostau von Kreuzlingen bis Ulm.

Die großen Gewinner der wirtschaftlichen Isolation Deutschlands sind die Landwirte. Immer mehr Waldgebiete werden legal zu Agrarflächen umgewidmet, um den Hunger der Deutschen nach Mohrrüben, Getreide, Kartoffeln und Zwiebeln zu decken. Auch der heimische Obstbau boomt, denn Orangen, Ananas oder Zitronen aus fernen Ländern sind wegen der Zollschranken kaum noch bezahlbar. Immerhin, so gibt ein Greenpeace-Sprecher zu bedenken, schütze dies die Bundesrepublik Deutschland auch vor den katastrophalen Folgen des US-Genmais und anderer Ausgeburten der Globalisierung.

Kein Wunder, dass es den Bauern glänzend geht. „Der Cayenne wäre ohne die reichen deutschen Landwirte praktisch tot“, sagt Porsche-Chef Wiedeking, „und über die S-Klasse höre ich aus Stuttgart das Gleiche“. Vor allem in den Ländern der ehemaligen DDR begründen milliardenschwere Agrarsubventionen einen gewaltigen Wohlstandsschub: Aus ehemaligen LPG-Anlagen werden unter den Händen spezialisierter Architekten Design-Gutshöfe mit Einrichtungen für Pferde-Wellness und Kuh-Kosmetik, die in internationalen Hochglanzmagazinen gewürdigt werden. An den Nicht-Bauern geht dieser Boom aber weitgehend vorüber.

Auch die Energie wird immer teurer. Seit die bundeseigene RWE 2002 die Stromversorgung als Monopolist übernommen hat, sind die Strompreise um mehr als 70 Prozent gestiegen. Das sei der Preis für zukunftssichere und moderne Energie, sagt ein Sprecher, der auch zu bedenken gibt, es sei immer schwerer, Standorte für neue Windkraftanlagen zu finden: „Schwatzen Sie mal einem Bauern einen Acker für ein Windrad ab, wenn er mit Zwiebelanbau immer das Dreifache verdient!“

Ländlich, aber reinlich – das ist das Image, das Deutschland in den Augen der Welt im neuen Jahrtausend zunehmend gewinnt. „Der kranke Mann Europas“ titelt „Newsweek“ über Deutschland, richtet aber den Blick auch auf die Vorteile dieser Entwicklung: „Dieses Land wird der Welt jedenfalls nie wieder unangenehm auffallen.“

Johann Lafer gibt nach der spektakulkären Aktion von Kehl sein Restaurant auf und arbeitet nur noch im Fernsehen. Seine neue Sendung heißt: Rein in die Kartoffeln!

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