Zeitung Heute : Der Gott der kleinen Stimmen

Darf man so schreiben? A-, un-, antimoralisch? Edgar Hilsenrath – Leipziger, Jude, New Yorker und Berliner – kann nicht anders

Kerstin Decker

Alles Tarnung. Häuser aus in sich ruhender, schicksalsloser Bürgerlichkeit eines anderen Jahrhunderts. Hier wohnt er? In Friedenau? Edgar Hilsenrath, der Unbürger. Der Unbehauste. Der Mann, der seit den 50er Jahren die kälteste deutsche Prosa schreibt. Seine Bücher waren schon Welterfolge, als man in Deutschland immer noch Angst vor ihm hatte. Vor seiner A-, seiner Un-, seiner Anti-Moralität. Morgen bekommt er in der Akademie der Künste den Lion-Feuchtwanger-Preis.

Darf man schreiben wie Hilsenrath?

Zwei Laternen am Hauseingang mit Teppich dahinter. Der Name Hilsenrath fehlt am Klingelschild. Seitenflügel also. Das passt schon besser. Hilsenrath, der Seitenflügel-Mensch. Einer, der schräg von der Seite schaut, während andere geradeaus nach vorn blicken und ihn nicht bemerken. Er hat diesen Beobachterblick wie alle, die mehr sehen, als sie sagen.

Wir gehen vom Winzigst-Flur in ein Winzigst-Wohnzimmer. Auf einem Schreibtisch steht eine Winzigst-Schreibmaschine. So klein, dass sie nicht mal einen Namen hat. Die Schreibmaschine könnte aus den 30ern, 40ern oder 50ern sein. Die meisten der Hilsenrath-Geschichten sind auch aus den 30ern, 40ern oder 50ern. Aber seine Sprache war schon immer von heute, nicht nur wegen der Kurzsätze. Nicht nur wegen seiner Neigung zum Ordinären. Manche halten den Gebrauch von Worten aus dem Universum der menschlichen Verdauung schon für Expressionismus. Hilsenrath benutzt sie auch. Er ist einer der ganz wenigen, denen man das verzeiht. Denn bei ihm behaupten diese Worte das Humanum im Äußersten. Wer das verstanden hat, hat Hilsenrath verstanden.

Es gibt zwei Sorten von Schriftstellern. Die, die viel reden, und die, die nicht viel reden. Hilsenrath gehört zur zweiten Gruppe. Was er zu sagen hat, steht in seinen Romanen. In „Nacht“, in „Der Nazi und der Friseur“, in „Jossel Wassermanns Rückkehr“, in „Die Abenteuer des Ruben Jablonski“, im „Märchen vom letzten Gedanken“ oder in „Fuck America!“. Wenn er alles, was er sah, auch anders mitteilen könnte, hätte er es nicht aufzuschreiben brauchen. Aber er wäre nie so unfreundlich, das auszusprechen.

Wie viele Wörter braucht man, um die Jahre in Mogilev-Podolski zu erzählen, als Hilsenrath gerade 17 war? Er wusste es lange nicht. Bis zu einem Tag Ende der 40er Jahre, da saß er, der Jude, der Überlebende, in Frankreich in einer Kneipe und ließ sich Wein, Bleistift, Papier bringen. Er ahnte: Es ist so weit! Nach zwei Stunden hatte er 30 Seiten „Nacht“ geschrieben, 30 Seiten seines ersten Romans.

Schauplatz von „Nacht“ ist Mogilev-Podolski. Mogilev-Podolski gehörte zur Ukraine, und als die Deutschen die Ukraine besetzten, überließen sie es den Rumänen. Rumänien deportierte alle seine Juden in die zerschossene Stadt und machte ein riesiges Lager aus ihr. Man brauchte hier keine Gaskammern, Seuchen und Hunger übernahmen das Töten. Auch Edgar Hilsenrath gehörte zu den deportierten rumänischen Juden. Hilsenrath, der Pelzhändlersohn aus Leipzig, aufgewachsen in Halle, wo sein Vater ein Möbelhaus übernahm. Leipzig hatte eine große jüdische Gemeinde, Halle nicht. Hilsenrath war der einzige jüdische Junge in der Klasse. Das fiel nicht weiter auf. Er sah deutscher aus als die meisten. Blonde Haare und blaue Augen. Bis jemand bemerkte, dass er an den jüdischen Feiertagen fehlte. Da verprügelten sie ihn. Und der Lehrer erklärte ihm, warum die Juden kein Schweinefleisch essen: Weil sie nicht ihresgleichen auffressen, sagte er und lachte das schreckliche zynische Lachen der kleinen, viel zu kleinen Leute. Hilsenrath weiß es noch wie gestern. Er trägt einen schwarzen Pullover, Jeans und einen Bart wie Nietzsche, Walrossbart. Nietzsche hatte einen weichen Mund, den wollte er verbergen. Kann sein, Hilsenrath geht das genauso. Kann aber auch sein, er findet den Bart einfach schön. Wenn sich die Jahrzehnte in sein Gesicht gegraben hätten – man hätte es verstanden. Andere, die erlebt haben, was er erlebt hat in Mogilev-Podolski, sahen mit Mitte 20 schon aus wie Greise. Er hat sie alle beschrieben. Nun ist Hilsenrath bald 80. Aber sein Gesicht ist fast glatt. In seinem Fall hatte das Leben Sinn für die Pointe. Es verachtet das Nächstliegende, das Erwartbare, genau wie Hilsenrath.

Alles in seinen Büchern ist autobiografisch. Nichts ist autobiografisch. „Fuck America“ beginnt mit einem Brief an den amerikanischen Generalkonsul im November 1938. Es ist die Bitte um ein Einreisevisum. So einen Brief hatte Hilsenraths Vater an den amerikanischen Konsul geschrieben. Denn eigentlich wollte die Familie nach Amerika gehen und nicht nach Rumänien. Der Antrag wurde abgelehnt. Was?, ruft Hilsenrath, dieser Brief ist doch frei erfunden. Zwar hat sein Vater wirklich einen geschrieben, nur anders. Die Ablehnung stimmt auch, vor allem die Mitteilung, dass die USA sich in der Lage sähen, der Familie in frühestens 13 Jahren ein Visum erteilen.

Genau 13 Jahre später fuhren die Hilsenraths tatsächlich los. Nur dass sie inzwischen das Nichtüberlebbare überlebt hatten in Mogilev-Podolski. Jeder getrennt vom anderen. Als „displaced persons“ bekamen sie die Visen ganz leicht. Dann stand Nathan Bronsky, Hilsenraths literarisches Alter Ego vor der Freiheitsstatue, glaubte, es sei der Generalkonsul, und sagte genau die zwei Worte Englisch, die er konnte: Fuck America!

Er ist lange in Amerika geblieben. Er war das, womit man in Amerika anfangen soll: Tellerwäscher, Aushilfskellner. Nur wollte er nicht Millionär werden, sondern Schriftsteller. Er schrieb nachts, manchmal holte er sich morgens um drei noch Kaffee und Zigaretten. Er schrieb noch immer an „Nacht“, dieser große Totenklage für sein Volk. Es erschien im Verlag „Doubleday&Company“ in New York. Der Cheflektor fragte, ob Hilsenrath nicht gleich ein zweites Buch schreiben könne. Er konnte. Er schrieb „Der Nazi & der Friseur“. Es wurde ein Welterfolg, nur in Deutschland lehnte ein Verlag nach dem anderen ab, das Buch zu drucken. Bertelsmann, Rowohlt, Fischer, Hanser, alle. So geht das nicht, fanden sie. Hilsenrath lächelt. Er weiß selbst nicht mehr, wie er auf die Idee gekommen ist, die Geschichte von Max Schulz zu erzählen. Max Schulz, der beste Freund des Itzig Finkelstein, gelernter Friseur (bei Finkelstein senior, Itzigs Vater), später SS-Oberscharführer und Massenmörder, nimmt nach dem Krieg die Identität seines (durch ihn umgekommenen) Jugendfreundes Itzig an, verkauft auf dem Berliner Schwarzmarkt einen Sack voll Goldzähne und wandert nach Israel aus. Nein, so geht das nicht, so kann man den Holocaust nicht behandeln, fanden die deutschen Verlage. Er konnte es nur so. In größtmöglicher Entfernung zu allem, worüber Menschen wie sein Hallenser Lehrer lachen konnten, zu allem, worüber sie weinen konnten.

Edgar Hilsenrath sitzt an seinem Schreibtisch, vor sich die kleine Schreibmaschine. Der Tisch ist bedeckt mit Papieren. Hilsenraths New Yorker Verlag war leicht brüskiert, als das Nazi-&-Friseur-Manuskript auf seinem Tisch lag. Das war ja auf deutsch! – War es, sagt Hilsenrath, ich habe nie in einer anderen Sprache geschrieben. Schließlich kehrte er in seine Sprache zurück. Ein BBC-Journalist in London empfahl ihm Berlin. Also ging er nach Berlin. Hilsenrath hat es nie bereut. Hier traf er den Verleger Helmut Braun, der endlich, sieben Jahre nach seinem Welterfolg „Der Nazi & der Friseur“ auch in der Sprache herausbrachte, in der es geschrieben war. Hilsenrath wurde erfolgreich. Er veröffentlichte bei Piper, als es den Braun-Verlag nicht mehr gab. Irgendwann in den 90ern gab Piper Edgar Hilsenrath die Rechte an seinen Büchern zurück. Es gibt keine größere Kränkung für einen Autor. Hilsenrath verkaufte nicht mehr so viel wie früher. Die verstehen nichts von Büchern, nur von Zahlen, bemerkt Hilsenrath trocken, aber eine Kopfbewegung verrät ihn. Wer ist schon Piper? Seine Bücher erscheinen weiter, und zwar als Gesamtausgabe bei Dittrich in Köln, wunderbar gemacht, betreut wieder von Helmut Braun, dem Mann, der Hilsenrath für Deutschland entdeckt hat.

Jetzt ist das vielleicht schönste Hilsenrath-Buch wieder da, „Jossel Wassermanns Heimkehr“. Als Hilsenrath 1938 Deutschland verließ, fuhr er in die Heimat seiner Mutter, nach Sereth in der Bukowina. Dort, im Schtetl, war er zu Hause, drei Jahre lang vor der Deportation. In „Jossel Wassermanns Heimkehr“ fahren die Schtetl-Juden in einem Zug, dessen Wagen sich nur von außen öffnen lassen, und der Rebbe streitet mit dem Wind: „,Dabei wissen sie nicht, dass wir das Beste mitgenommen haben.’ ,Was ist das Beste?’, fragte der Wind. Und der Rebbe sagte: ,Unsere Geschichte. Die haben wir mitgenommen.’ Und der Wind sagte: ,Aber Rebbe. Das kann doch nicht sein. Die Geschichte der Schtetljuden ist zurückgeblieben.’“ Der Rebbe behält recht. Denn die Geschichte der Schtetljuden hockte längst auf dem Dach des Zuges, und da die Geschichte der Schtetljuden viele Stimmen hat, hockten auch die Stimmen dort, die kleinen Stimmen und die großen, deren Erzählungen für die Geschichtsbücher bestimmt waren. Die großen schliefen meist, die kleinen nie. Hilsenrath schrieb auf, was sie sagten.

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