Zeitung Heute : Der Graben zwischen dir und mir

Steffen Richter

Das sind Siege: Wenn Paolo die drei Stufen bis zum Hochparterre ohne fremde Hilfe erklimmt. Wenn er sich ohne einen Tropfen zu verschütten ein Glas Mineralwasser eingiesst oder am Telefon Konzert-Karten bestellt, ohne dass der Verkäufer entnervt die Verbindung unterbricht. Dann fragt Paolo seinen Vater: "Damit hast du nicht gerechnet?" Und der Vater antwortet, nein, hatte ich nicht. Erklärend fügt er hinzu, dass er zwar die Hoffnung hatte, sich und seinem Sohn aber eine Enttäuschung ersparen wollte. Das Kind weiß solche Gehirnakrobatik nicht zu schätzen und fragt fortan nie wieder.

Der nunmehr dreißigjährige Paolo leidet seit der Geburt an einer dystonischen spastischen Tetraparese, die ihn in seinem Sprechvermögen einschränkt, die Geschicklichkeit der Hände und Füße beeinträchtigt. Sein Vater, der Kunstgeschichtslehrer Signor Frigerio, erzählt Paolos Kindheit und Jugend samt all den familiären Schwierigkeiten, mit der Behinderung umzugehen.

Einmal neidet der ältere Bruder ihm die größere Aufmerksamkeit, ein andermal hebt ein Ehestreit über die richtigen Erziehungsmethoden an. Nach langjähriger Abstinenz kehrt Frigerio zum Gebet zurück. Seine Wahrnehmungsschwelle für bislang nie bemerkte Handicaps bei Personen in der Umgebung sinkt auf einmal gewaltig. Vor allem aber erzählt er von desaströsen Missverständnissen und einem eigenen Versagen, das irreparabel ist: etwas zu spät verstanden zu haben.

Das klingt recht herzergreifend und lehrreich. Für den guten Willen allein aber gibt es in der Literatur bekanntlich selten Preise. Wenn Giuseppe Pontiggia für seinen Roman dennoch den renommierten italienischen Premio Campiello erhalten hat, dann aus einem anderen Grund. Tatsächlich kommt seine autobiografisch fundierte Geschichte mit Ironie und Humor daher, ohne permanent auf die Tränendrüsen zu drücken.

Die italienische Presse hat sich fast unisono entzückt gezeigt über so viel Authentizität bei so viel Fähigkeit zur distanzierten Selbstbeobachtung. Was hier aber eigentlich verhandelt wird, ist eine Idee von Normalität, die sich zum totalitären Prinzip aufgeschwungen hat. In Zeiten, die ein perfektes Körper-Design und Funktionalität propagieren, setzt die Gesellschaft mit ihren Institutionen alles daran, den "armen Jungen" seine Andersartigkeit nicht spüren zu lassen. Es wird schon werden, heißt es gönnerhaft. Gemeint ist, was die anderen für eine "Normalisierung" halten.

Integration als Unterdrückung

Jeder Fortschritt, den Paolo in der Beherrschung seiner Stimme und der Gliedmaßen macht, wird ausgiebig beklatscht. Die postachtundsechziger Schule setzt auf Integration von Behinderten und rühmt sich der vermeintlich demokratischen Errungenschaft, Gleichheit für alle zu schaffen. Von der einen Dummheit, aus dem "Unterschied eine Diskriminierung" zu machen, verfällt sie in die andere, die "den Unterschied leugnet, um sich nicht der Diskriminierung schuldig zu machen." Paolo aber ist eben anders als die meisten seiner Altersgefährten. Er selbst weiß es nur zu genau.

Die Blicke der Passanten geben es ihm zu verstehen und die Mädchen, die sich einen bösen Scherz daraus machen, ihn zum Rendezvous zu laden. Dass der Andere als Anderer akzeptiert und behandelt werden will, ist die Lektion, die der Vater erst allmählich lernt. Schön wäre es, man könnte ihm lesend beim Lernen zuschauen und sich selbst seinen Teil denken. Dem schiebt sein Autor einen Riegel vor.

Pontiggia ist keiner, der vor lauter Feinfühligkeit den klaren Kopf verliert. Im Gegenteil. Abgesehen von wenigen Ausnahmen lässt er seinen Lehrer im Präsens erzählen. Die Zeitform korrespondiert der Unabgeschlossenheit der Geschichte, die kein versöhnliches Ende bereithält und sich nicht der raunenden Beschwörung des Imperfekts fügt. So weit, so löblich. Aber Pontiggia macht aus dem Tempus ein allgemeines Präsens, Zeitform der Merksätze. Eine zitierfähige Sentenz jagt die andere, vom Erzählen schlittert Pontiggia ins Konstatieren. Da heißt es: "Die Beweggründe der Schwachen beeindrucken uns nur, wenn sie auch unsere werden." Oder: "Nie kann man uns leichter eine Schuld zuweisen, als wenn wir uns selbst schuldig fühlen." - Dies fürs Poesiealbum.

Das einvernehmende Kollektivpronom "wir" lässt ein didaktisches Projekt hinter dem Erzählen aufscheinen: "Uns" alle will Pontiggia zu größerer Sensibilität für Alterität erziehen und zu besseren Menschen machen. In der Wahl seiner Mittel ist er dabei nicht eben wählerisch. Umgetrieben von der Furcht, ein Leser könnte ihm bei seinen Streifzügen in psychologische Verästelungen die Gefolgschaft aufkündigen, flüchtet er sich in erklärende Wiederholungen und schreckt vor unzähligen kommentierenden Klammern nicht zurück.

Jahrtausende männlicher Erziehung

Da pfuscht der Kritiker und Essayist, der Pontiggia auch ist, dem Erzähler ins Handwerk. Frigerio ist ein Mann, wie er gemäß einer althergebrachten Geschlechtermythologie zu sein hat: konfliktunfähig und zu Verdrängungen neigend. Viel zu intellektuell und pragmatisch, um so natürlich und flexibel reagieren zu können wie seine Frau Franca. Und das Schlimmste: Frigerio weiss, dass er "Jahrtausende männlicher Erziehung" auf dem Buckel hat. Also benennt er seine "festgefügten Vorurteile", stellt sich und seinen Egoismus gründlich an den Pranger und gönnt sich die moralische Genugtuung, von Beginn an als ein Geläuterter aufzutreten.

Wer sich beständig selbst kasteit, nimmt indes jeder Kritik den Wind aus den Segeln. Viel kann hier nur lernen, wer vorher wenig gewusst hat. Unter so viel Gutgemeintem droht eine Ambivalenz, welche die Geschichte eigentlich wertvoll und provokativ macht, fast zu ersticken. Ein früherer Kollege empfiehlt Frigerio gegen Ende des Buches, in die Haut seines Sohnes zu schlüpfen. Sonst würde er nie wissen, wer Paolo ist. Frigerio stellt sich quer, beharrt auf der Unmöglichkeit, in anderer Leute Häute zu gelangen, muss aber eingestehen: "Stimmt, das weiß ich nicht." Zur Einfühlung bräuchte es das Allgemeinmenschliche, einen universalen Horizont. Für Paolo und seinen Vater aber ist die Schnittmenge der gemeinsamen Erfahrungen, Erinnerungen und Visionen so drastisch reduziert, dass es nicht mehr darum geht zu verstehen, was man ohnehin kennt.

Strapazen für die Verwandtschaft

Die Nagelprobe dieser Hermeneutik vollzieht sich nicht an einem immer schon vertrauten, sondern am radikal verschiedenen, kontingenten Du. Entschieden zieht sich Frigerio darauf zurück, seinen Sohn in dessen Reaktionen begreifen zu wollen. Wenn auf diese Weise Gemeinschaft und Verständnis entstehen, dann aus der genauen Beobachtung. Pontiggia bietet ein alternatives Modell des Verstehens, indem er Frigerios Schwiegervater als einen zusehends Alternden vorstellt. Dieser Gesundheitsapostel, Sportbegeisterte und Reinlichkeitsfanatiker verliert das Gedächtnis und strapaziert die Verwandtschaft. Er fällt aus dem heraus, was er sein Leben lang umstandslos als Normalität angesehen hatte. Nach einem gemeinsamen Abendessen in Familie fragt Paolo seinen Vater: "Wirst du etwa auch so?" Das werde ihn, den Behinderten, vor einige Probleme stellen.

Damit ist die Perspektive umgekehrt: Spätestens das Alter könnte den universalen Horizont abgeben, an dem Beschädigungen lauern, gegen die niemand gefeit ist. Der Romantext hält die Entscheidung zwischen immer nur unzureichender Außenbeobachtung und nie gelingender Identifikation mit dem Anderen in der Schwebe. Manchmal sei es besser, hat Giuseppe Pontiggia in einem Interview zu seinem Buch gesagt, "Grenzen zu akzeptieren, als zu versuchen, sie zu überwinden." Dieses Plädoyer für die Anerkennung des Faktischen und gegen diktatorische Normierung weist weit über die erzählte Geschichte hinaus.

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