Zeitung Heute : Der Grandseigneur

Wiglaf Droste

Von Wiglaf Droste



Ein Klassiker des Komischen ist F. W. Bernstein längst. 1994 erschien „Reimweh“, eine Auswahl seiner Gedichte und Prosastücke, als gelbes Reclam-Heft. Da hatte Bernstein schon gut 30 Jahre als Dichter und Zeichner hinter sich. Mit seinen Freunden und Kollegen Robert Gernhardt und Friedrich Karl Waechter erfand er in den 1960er Jahren im Satiremagazin „Pardon“ die legendäre Beilage Welt im Spiegel, kurz WimS; es waren die zuverlässig lustigsten Seiten, die das Blatt je hatte. Die drei Dichterzeichner Bernstein, Gernhardt und Waechter protokollierten auch „Die Wahrheit über Arnold Hau“, mit einem „Gesetz für die Menschheit“, das nur scheinbar absurde Maßgaben wie diese enthielt: „Wer seine Notdurft nicht verscharrt, der soll verstoßen sein tausendfach.“ Möchte angesichts (und angeruchs) unserer in die Rabatten pillernden Biker-Bockwürste jemand dieser humanistischen Maxime widersprechen?

Nachdem „Pardon“ an esoterischen Tendenzen seines Verlegers zugrunde ging, war F. W. Bernstein Ende 1979 einer der Mitbegründer von „Titanic“, zu deren Gunsten er zeichnet, dichtet und klassische Satiren schreibt. Bernstein erweist sich auch auf diesem Feld als heucheleifreie Zone, in die gratismoralische Urteile des Kultur- und Medienbetriebs keinen Eingang fanden. In „Trauerarbeit“, einem Nachruf auf die „Super!“- Zeitung, würdigte Bernstein den unsterblichen Aufmacher der zweiten Ausgabe: „Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen. Er protzte mit seinem BMW herum, beschimpfte seine Mitarbeiter als doofe Ossis, ganz Bernau ist glücklich, dass er tot ist.“ Während alle Welt die Hände rang über das Revolvererzeugnis des so feinsinnigen Petrarca-Preis-Spenders Dr. Hubert Burda und seines Verlegerkollegen Rupert Murdoch, sah Bernstein dem Vorgang ohne Schmus und Schnulz auf den Grund und schrieb: „Hubert und Rupert – was hätte daraus noch werden können, aus diesem Duo infernal.“

Dass F. W. Bernstein Hochschullehrer wurde und bis zu seiner Emeritierung Deutschlands erster und einziger Professor für Karikatur war, ist ein mittleres Wunder, vor allem aber ein großer Segen. Denn in seiner Person vereinen sich auf das harmonischste die Hohe Schule der Zeichenkunst, die Alte Schule der höflichen Umgangsformen, der gleichermaßen gebildete wie nonsensgesteuerte Humor der Neuen Frankfurter Schule – und eine ganz eigene Bernsteinschule der deutschen Sprache, die voller Überraschungen ist und das verblüffte, Erkenntnis eröffnende Staunen lehrt.

Bernstein, der große Förderer, Lober und Heger der Talente, hat ein feines Gespür für alle Töne. Er spürt, goethisch, jeden Hauch – auch jeden falschen, und wo er den konstatiert, ist er glashart, ohne dabei ein Fitzelchen an Humor und Leichtigkeit einzubüßen. Zur Alten Schule gehört es schließlich auch, der Konsensmeute entgegenzutreten, wenn sie ihre Proporzdummheiten allzu aufdringlich ausstellt.

Kunstaufbläherei und Weltuntergangskitsch finden vor Bernsteins Augen und Ohren ebenso wenig Gnade wie wohlfeiles Katastrophengeschrei oder nationales Selbstmitleid. Als das Restland den Eigenmief kultivierte und über „Identität“ herumwalserte, konstatierte Bernstein spielerisch eine „Idintititskrise“ und fragte, ganz zart: „Bin ich ein Fürst? Ein Bettelmann? / Bin Heil’ge ich oder Hur? / Bin ich ein Gi – Ga – Gantenbein / oder ein Wuschel nur?“ Wer danach noch ernsthaft national herumlärmen will, stellt nur unter Beweis, dass die Unempfindlichkeit gegenüber Güte und Geist zu jenen Romika-Fähigkeiten zählt, die hierzulande „deutsche Tugenden“ heißen: reintreten und sich wohlfühlen.

Den Bernstein-Vers „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“ kennt jeder, der in nennenswert alphabetisiertem Zustand durchs Land strummselt. Allein Marcel Reich-Ranicki, der von Berufs wegen von Literatur nichts verstehen darf, behauptet hartnäckig: „Das ist von Gernhardt! Bernstein ist ein Dirigent!“ Beides ist vollendet kenntnisfrei, aber immerhin doch unfreiwillig komisch. Der unerschütterliche Grandseigneur Fritz Weigle Bernstein jedenfalls hat sich über den Schmarren ungeteilt gefreut.

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