Zeitung Heute : Der Groove der Wildnis

HAU Sex, Kunst und Diskurs: Angela Richter entführt in „Berghain Boogie Woogie“ in eine Parallelwelt zwischen Entgrenzung und Überforderung

PATRICK WILDERMANN

Berghain Boogie Woogie“ – der Titel ist ja schon mal vielversprechend. Wie viel Vorortrecherche war denn da vonnöten? Wie viele durchtanzte Nächte im vormals besten Club der Welt? Angela Richter lacht. Nicht, dass es ihr an Feier-Erfahrung mangele, und selbstredend kennt sie das Party-Mekka von innen, aber mittlerweile, sagt sie, zähle sie doch eher zur Fraktion der abends Rotwein trinkenden Menschen. Und klar ist sowieso: „Es geht nicht darum, dass wir jedes Wochenende dahin rennen und versuchen, irgendeinen Exzess nachzustellen.“ Das Berghain, sagt die Regisseurin, sei für das Stück, das sie gerade am HAU erarbeitet, eher so etwas wie ein Hallraum.

Und um auch das gleich zu zerstreuen: Die Idee zu diesem Projekt ist nicht erst aufgekommen, als der Sturm um „Axolotl Roadkill“ und Helene Hegemanns geliehene Ausschweifungen losbrach. Richter ist keine Regisseurin, die verspätet auf einen Hype aufsattelt. Höchstens reflektiert sie die Hype-Mechanismen und Skandal-Reflexe des Kulturbetriebs, wie im Falle ihrer hochsmarten Inszenierung „Der Fall Esra“ 2009 auf Kampnagel. Der Abend spielte am Beispiel von Maxim Billers verbotenem Roman „Esra“ Fragen nach der Ausbeutung des eigenen Lebens für die Kunst durch, was im kollektiven Bekenntnis-Reigen der Schauspieler mit intimen Details aus ihren Privatbeziehungen gipfelte, dem Thema also genau jene Mehrbödigkeit verlieh, „die man sich nicht sowieso herbeigoogeln kann“, wie Richter sagt.

Rausch und Rave

„Berghain Boogie Woogie“ hätte ursprünglich ein neues Stück von Rainald Goetz werden sollen, dessen Kunst- und Kitsch-Konvolut „Jeff Koons“ Angela Richter vor zwei Jahren im HAU inszenierte, unter Beteiligung des Malers Jonathan Meese, eines Künstlerfreundes aus frühen Tagen. Richter verehrt Goetz, sie greift für ihre Inszenierungen oft auf dessen Texte zurück, aber der Mann schreibt leider nicht auf Bestellung fürs Theater. Also wird sie für ihre Stückentwicklung auf ältere und neuere Goetz- Werke zurückgreifen und über Rausch und Rave philosophieren, über das Nachtleben und die dazugehörigen Stimulanzien. Sie nennt es ironisch eine „randomisierte Doppelblindstudie mit Drogen“, zwangsläufig durchpulst von einem gewissen Berliner Lebensgefühl, womit wir dann wieder beim Hallraum Berghain wären.

Angela Richter und ihr Mann, der Maler Daniel Richter, sind im vergangenen Jahr nach Berlin gezogen, fort aus Hamburg, wo die Regisseurin nicht nur Kampnagel verbunden ist, sondern selbst die Fleetstreet betrieb, einen Raum an der Schnittstelle von Theater, bildender Kunst, Performance und Literatur. Das Paar gab seinen Abschied mit einem Paukenschlag-Interview im Abendblatt bekannt, in dem sie der desaströsen Hamburger Kulturpolitik die Leviten lasen, mit verteilten Rollen, zuvor durchaus abgesprochen, er der Wüterich, sie die Moderate. Eine Inszenierung mit klarem Ziel: „Wir dachten, tun wir der Stadt noch einen Gefallen und stoßen eine Debatte an“, so Richter. Breiten Widerhall fand der Weckruf tatsächlich, die Verhältnisse allerdings wendeten sich sogar noch zum Schlechteren, siehe die Spardebatte ums Hamburger Schauspielhaus, weswegen Richter das Interview in der Rückschau zu Recht „geradezu prophetisch“ nennt.

Berlin ist nun für beide kein Neuland, mal abgesehen davon, dass sie jetzt im Westteil der Stadt leben, Angela Richter hatte bereits eine Wohnung in der Sophienstraße und Arbeitsbeziehungen zum HAU, ihr Mann ein Berliner Atelier. Es ging vor allem darum, ein Zeichen zu setzen.

Schwarze Löcher

Fragt man Angela Richter, was für ein Umfeld sie benötigt, um gut arbeiten zu können, antwortet sie mit dem, was sie nicht verträgt: „Autoritäre Strukturen, in denen man sich bestimmten Zwängen gegenübersieht – bei mir der totale Killer.“ Was anspielt auf ihre Arbeit „Tod in Theben“ bei den zurückliegenden Salzburger Festspielen, die in jeder Hinsicht zur unerfreulichen Erfahrung wurde und von der Regisseurin noch in der Nacht nach der Premiere uminszeniert wurde. In der Folge löste sie die Stammgruppe von Schauspielern auf, mit denen sie teilweise seit 1997 gearbeitet hatte, und stand – nicht wegen der Verrisse, sondern aufgrund der Entfremdung vom eigenen Anspruch – vor der Frage: „Was will ich noch am Theater?“

Angela Richter erwartet viel von sich und ihren Mitstreitern. Die Regisseurin, die wie andere Anti-Realisten bei Jürgen Flimm studiert hat, reagiert allergisch auf das selbstgewisse Vorführen von Handwerk und schätzt dagegen ein hohes Maß an Fragilität und Risiko – wobei ihr klar ist, dass „Schauspieler natürlich alles andere wollen als Unsicherheit auf der Bühne“. Also unterwandert und sabotiert sie die Absicherungsversuche, sorgt dafür, dass „schwarze Löcher“ bleiben, Restunwägbarkeiten – „sonst langweile ich mich schon in den Proben, von den Aufführungen ganz zu schweigen“. Und das darf – was sie auch mit Beispielen seligen Parkettschlafes illustriert, der sie bei Arbeiten an großen Häusern überkam – nicht sein. „Ich glaube“, sagt Richter, und man möchte sie hochleben lassen für diesen Satz, „dass Langeweile ein ernst zu nehmendes Problem am Theater ist.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 10.3., 20 Uhr

auch 11. bis 13.3., 20 Uhr

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben