Zeitung Heute : Der große Auftritt für eine Nacht

Die alte Kolonialstadt Oaxaca feiert am Tag vor Weihnachten ein populäres Fest der Radieschen

Ortrun Egelkraut
Charme der Vergangenheit. Koloniale Städte wie Oaxaca, hier mit der Kirche Santo Domingo, gehören zu touristischen Attraktionen Mexikos neben den bekannten Stränden und Pyramidenstädten. Foto: laif
Charme der Vergangenheit. Koloniale Städte wie Oaxaca, hier mit der Kirche Santo Domingo, gehören zu touristischen Attraktionen...Foto: /laif

Die Sonne strahlt verheißungsvoll vom stahlblauen Himmel, doch früh am Morgen im Dezember ist es noch eisig kalt. Auf einem großen Feld am Rande des Flughafens von Oaxaca sind zwei Dutzend Familien an der Arbeit, jede auf ihrer Parzelle. Sie stechen übergroße Radieschen und verwachsene Rettiche mit roter Haut aus der Erde. Zum Anbeißen verlocken sie nicht, doch zum Essen sind die roten Riesen auch nicht gedacht. Sie werden eigens gezüchtet für die „Noche de Rábanos“. Als hinreißend geschnitzte Kunstwerke haben sie in der „Nacht der Radieschen“ auf dem Hauptplatz von Oaxaca ihren großen, vergänglichen Auftritt.

Oaxaca, Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, 500 Kilometer südlich von Mexiko-Stadt gelegen, ist ein koloniales Juwel, das sich gerne im Festtagsschmuck zeigt. Auf zwei Feste, die es nur in Oaxaca gibt, sind die Oaxaqueÿos besonders stolz. Das eine, „Guelaguetza“, geht zurück auf vorspanische Wurzeln, als die Zapoteken ihre Götter mit Musik, Tanz und Opfergaben um eine reiche Ernte baten, vermischte sich in der Kolonialzeit mit katholischen Riten und ist heute ein opulentes Volks- und Kulturfest, das den ganzen Juli über gefeiert wird. Höhepunkt sind die traditionellen Tanzdarbietungen an den letzten beiden Juli-Montagen in einer großen Open-Air-Arena. Den ganzen Tag über entfalten dort Tanzgruppen in farbenprächtigen Kostümen ein fantastisches Panorama der folkloristischen Vielfalt des Bundesstaates Oaxaca, in dem 16 Ethnien ihre Traditionen bewahren. An den aufwendig bestickten oder gewebten Trachten kann man ihre Herkunft unterscheiden. Musikalisch begleitet werden sie von „Bandas“, den populären Blaskapellen, die in Oaxaca zu jeder Gelegenheit schmetternd den Ton angeben.

Das andere, intimere Fest ist die „Noche de Rábanos“ am 23. Dezember. Ende des 19. Jahrhunderts pflegten die Händler in Oaxaca ihre Marktstände am Tag vor Weihnachten besonders attraktiv zu dekorieren – mit frischen Blumen und Blüten, die sie aus Radieschen und Zwiebeln schnitzten. 1897 wurde zum ersten Mal ein Wettbewerb um die schönste Dekoration ausgerufen. Seither wird diese Tradition bewahrt – mit Unterstützung der Stadt. So ist das Feld, auf dem die Rettiche ab September wuchern, Gemeindeland, wird die Ernte auf stadteigenen Kleinlastwagen an die Teilnehmer geliefert, werden eigene Workshops für Kinder veranstaltet und die Ausstellung auf dem Hauptplatz organisiert. Die Teilnahme wird mit einem kleinen Geldbetrag honoriert, den Siegern winken attraktive Prämien. Neben den Radieschen werden zwei weitere Kategorien ausgezeichnet: Auch aus Strohblumen und getrockneten Maisblättern lassen sich hübsche Kunstwerke herstellen, die zudem etwas haltbarer sind.

Die Rettichschnitzer dagegen beginnen erst in der Nacht vor dem Fest. Mit Begeisterung und Können hauchen sie den rot-weißen Knollen Leben ein. Um das Gemüse frisch und in Form zu halten, wird in der Kühle der Nacht gearbeitet, je nach Größe und Aufwand der Figuren drei bis zwölf Stunden lang. Beim Aufbau am nächsten Morgen herrscht Gelassenheit. Die letzten Feinheiten werden geschnitzt und die Skulpturen ständig mit Wasser besprüht. Am Nachmittag schreiten die Juroren mit strengem Blick die Reihe ab, die sich im Viereck um den Platz zieht. Erst danach darf das Publikum die Radieschenparade umrunden. Zu bewundern sind Bauwerke der Stadt, Fest- und Kneipenszenen, Heiligenfiguren, lustige Tiere und Fantasiegestalten oder Tänzerinnen mit bis in die Rüschen und Bänder getreu nachgeahmten Festtagskleidern. Stolz sitzen die Künstler daneben und freuen sich über jedes anerkennende Wort.

Die einzigartige Schau endet nach der Siegerehrung mit einem spektakulären Feuerwerk. Am nächsten Tag landen die Kurzzeit-Kunstwerke auf dem Kompost. Der Zócalo, wie der Hauptplatz jeder mexikanischen Stadt heißt, gehört wieder allen. Er ist Treffpunkt für tobende Kinder, verliebte Paare, flanierende Familien, eifrige Verkäufer, virtuose Schuhputzer. Auch Demonstranten, die auf Spruchbändern ihren Unmut kundtun und Forderungen an Politiker stellen, gehören zum alltäglichen Bild. In Oaxaca, einem der ärmsten Bundesstaaten Mexikos, hat sich eine starke Volksopposition gebildet.

Häufig finden auf dem Zócalo Konzerte statt, wobei sich Marimbaspieler und Blaskapellen abwechseln. Immer mittwochs spielt eine Banda zum Danzón auf. Dann treffen sich auffallend viele ältere Damen und Herren, um diesen gefühlvoll langsamen Tanz mit aller Leidenschaft zu zelebrieren. Zuschauer finden den besten Logenplatz in den Straßencafés unter den umlaufenden Arkaden. Man kann hier Stunden verbringen.

Aber Oaxaca, seit 1987 UNESCO-Welterbe, bietet noch viel mehr. Die historische Altstadt lädt zum Flanieren ein. Reizvolle Geschäfte, Galerien und Märkte mit buntem Kunsthandwerk verführen zum Kauf, Cafés, Bars und exzellente Restaurants in lauschigen Patios zur nächsten Pause. Museen entführen in alle Epochen der 3000-jährigen Geschichte und Kulturen der Region. Ein Museum ist den Malern gewidmet, die Oaxacas Farben auf der Leinwand zum Leuchten bringen.

Barocke Kirchen wie die Kathedrale und die Kirche Santo Domingo stellen Pracht und Reichtum der Kolonialzeit zur Schau. 1812 hatten sich die Aufständischen der Unabhängigkeitsbewegung für 16 Monate in der Klosteranlage Santo Domingo einquartiert. Bis in die 1990er Jahre diente sie dem Militär als Kaserne. Heute beherbergt das Kloster ein Museum mit archäologischen Schätzen, die auf dem Monte Albán gefunden wurden. Das Zeremonialzentrum der Zapoteken (300 v. Chr. – 800 n. Chr.) fasziniert durch die kunstvolle Anlage der Pyramiden, Paläste, Tempel und Plattformen sowie durch seine Lage über dem Valle de Oaxaca. In diesem Tal finden sich weitere archäologische Stätten wie Yagul und Mitla sowie Malereien in Höhlen, die schon vor 10 000 Jahren bewohnt waren. 2010 wurden sie zum UNESCO-Welterbe erklärt.

Bleiben noch die charmanten Dörfer in der Umgebung, die sich jeweils einem Kunsthandwerk verschrieben haben. Teppiche, Töpferwaren, „Alebrijes“ – holzgeschnitzte und bunt bemalte Fabelwesen – und vieles mehr werden auf den Märkten von Tlacolula oder Ocotlán und natürlich in Oaxaca-Stadt angeboten – ein Fest für die Augen. Auf den Lebensmittelmärkten kommen betörende Düfte hinzu, wie der von frisch gemahlener Schokolade, unverzichtbare Zutat für die „Mole negro“. Diese gehaltvolle schwarze Soße zu Hühnerfleisch gehört zu den kulinarischen Genüssen Oaxacas. Probieren sollte man auch „Chapulines“, geröstete Heuschrecken, mit Salz und Limone verfeinert ein knackiger Snack, der nur vor dem ersten Biss etwas Mut erfordert. Dazu trinkt man ein Glas Mezcal. Der Agavenschnaps aus Oaxaca hat längst das Potenzial, dem berühmten Tequila Konkurrenz zu machen. Ein eigenes Fest in Oaxaca, die „Feria del Mezcal“, hat er schon.

Informationen gibt es beim Mexikanischen Fremdenverkehrsbüro, Taunusanlage 21, 60325 Frankfurt/Main. Tel. 069-253509, oder unter www.visitmexico.com und www.oaxaca.travel

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar