Zeitung Heute : Der große Ausfall

Manschettenknöpfe, Einstecktuch, Segelclub. Wohnhaft in Hamburg-Blankenese, wo man noch hanseatischer ist als im Rest der Stadt. Und doch wählte Peter von Bockel wie viele Gutsituierte einst den lauten Richter Ronald Schill. Heute fragt er sich, wie das passieren konnte.

Tanja Stelzer[Hamburg]

Am Ende hat der Innensenator noch eine Idee. Warum nicht einfach Poller installieren, „die man versenken kann und die wieder rausfahren, wenn eine andere Regierung kommt“?

Dazu muss man wissen, dass ein Verkehrsberuhigungs-Poller für die Partei des Innensenators einmal auf ähnliche Weise das Böse zu verkörpern schien wie, sagen wir, ein Drogendealer. Insofern könnte Dirk Nockemanns resignierter Vorschlag etwas verwundern. Andererseits sitzt der Senator nun schon seit eineinhalb Stunden in der Aula der Blankeneser Gesamtschule und sieht aus, als würde er am liebsten selber auf der Stelle in der Versenkung verschwinden. Von den 22 Zuhörern werden ihm am Ende die meisten mit erstaunlicher Routine beim Aufräumen helfen, und einer, der nicht mithilft, piesackt ihn mit unangenehmen Fragen.

Warum man denn von seinem Wahlkampf gar nichts bemerke? Da gebe es ein Problem, antwortet Nockemann, dessen Partei nach der Trennung von ihrem Gründer Ronald Schill nun unter dem Namen „Offensive“ firmiert: „Die ersten Plakate sind abgeregnet, und niemand gibt uns Kredit, die Druckereien wollen Vorkasse.“

Der forsche Frager ist noch nicht fertig. Dreimal habe er versucht, in die „Offensive“ einzutreten, nie habe ihn jemand zurückgerufen. Und dann sind da noch die Umfragen, die für die „Offensive“ gerade mal ein Prozent der Stimmen vorhersagen. Die „Bild“-Zeitung schrieb kürzlich, Nockemann sehe sich schon nach einem neuen Job um. „Können Sie mir sagen, warum ich Sie wählen soll, wenn meine Stimme nicht verloren sein soll?“

Der Mann, der den Senator malträtiert, heißt Peter von Bockel. Vor zwei Jahren war seine politische Welt noch deutlich klarer sortiert: Es gab diejenigen, die seine Stadt seit 44 Jahren regierten und die abgelöst werden mussten. Es gab eine Partei, der sein Herz gehörte, die den Wechsel aber in all den vergangenen Jahren nicht geschafft hatte. Und es gab eine letzte Hoffnung, das war Ronald Schill.

Peter von Bockel gehört zu den 14,3 Prozent der Wähler, die im vornehmen Blankenese für den Richter Gnadenlos stimmten. Das waren zwar nicht ganz so viele wie die durchschnittlichen 19,4 Prozent und lange nicht so viele wie in der Hochburg Wilhelmsburg mit 34,9 Prozent, doch im Lichte des Wahlergebnisses schien die viel gepriesene Liberalität der wohlhabenden Hamburger auf einmal ein großes Missverständnis zu sein. Wie konnten selbst die Gebildeten, die Gutsituierten einem Rechtspopulisten, dem Helden der Benachteiligten von der anderen Elbseite, ihre Stimme geben? Die Frage scheinen sie sich heute selbst zu stellen. Jedenfalls wollen die meisten von ihnen heute ungern daran erinnert werden, wem sie damals ihre Stimme gegeben haben.

Indianer und Plakate

Peter von Bockel hat für ein Treffen das Elysée-Hotel im Stadtteil Rotherbaum vorgeschlagen. Sein Büro liegt in der Nähe. Peter von Bockel, 58 Jahre, verheiratet, drei erwachsene Kinder, ist von Beruf Lobbyist für einen Finanzkonzern. Er führt ein Leben in einer schönen Kulisse: das Einfamilienhaus in Blankenese, das Büro in Rotherbaum, Dienstreisen quer durch die Republik. Hier im Elysée hatte Ronald Schill vor dreieinhalb Jahren seine neue Partei vorgestellt, hier hat sich Mario Mettbach, der Bundesvorsitzende der Schill-Partei, ein paar Stunden nach dem Rauswurf Schills als Innensenator für das Benehmen seines Parteigründers entschuldigt.

Peter von Bockel trägt zum Anzug Button-down-Hemd, goldene Manschettenknöpfe und weißes Einstecktuch. Er ist Schatzmeister im Lions Club „MS Deutschland“ und Gründungsmitglied des ortsansässigen „Mühlenberger Segelclubs“. Ein Mann, der Traditionen pflegt. 30 Jahre lang war er in der CDU, in verschiedenen, auch hauptamtlichen Funktionen. Noch immer schwingt ein wenig Stolz in seiner Stimme mit, wenn er sagt: „Fast alles, was es an Titeln in der Hamburger Union gibt, hab’ ich gemacht.“ Aber vor zweieinhalb Jahren war die Stimmung in der Partei so schlecht, „dass sie die Indianer kaum noch dazu bewegen konnten, morgens früher aufzustehen, um irgendwo Wahlplakate aufzustellen“. Nicht für Ole von Beust, der als blasser Notkandidat galt.

Von heute aus betrachtet – überlegt Peter von Bockel – ist das Erstaunlichste wohl, wie seriös Ronald Schill wirken konnte, auch auf ihn selbst. „Seriös“, die Vokabel passt zu Ronald Schill wie Ketchup zum Marmeladenbrötchen. Aber Peter von Bockel weiß noch gut, wie er Schill auf dem Blankeneser Marktplatz reden hörte: „Der wirkte so kompetent, so dynamisch.“ Den Effekt kann sich von Bockel nur so erklären: Es muss das Richteramt gewesen sein, das Ronald Schill diesen Deckmantel umgehängt hat, „es hat was mit dem Titel zu tun, dass er hier punkten konnte“.

„Hier“, das ist von Bockels Heimat, das sind die Hamburger Elbvororte, die feinen Viertel im Westen der Stadt, das ist Blankenese, wo in manchem Vorgarten eine Hamburg-Flagge flattert und an vielen Einfahrten Schilder einer Security-Firma angebracht sind – „Geschütztes Objekt“, wo die Straßen nach Kapitänen und Reedern benannt sind, wo man vielleicht noch ein wenig hanseatischer ist als im Rest der Stadt. Ein Stadtteil, in dem man wenig unter dem zu leiden hat, was Schill zum Wahlkampf-Thema machte: Die Junkies vom Hauptbahnhof waren weit weg. Aber irgendwie störten sie trotzdem. Die Einbrecher auch. Und die Graffiti. Und der rot-grüne Senat, der vor all den Problemen lange kapituliert und verkündet hatte, das mit der Kriminalität sei nun mal so in einer Großstadt, wer das nicht wolle, müsse halt nach Lüneburg ziehen.

In einem Leserbrief an die „Hamburger Morgenpost“ schrieb Peter von Bockel damals, man müsse auch mal den Bürgern zuhören, und wenn es so weitergehe, werde er überlegen, Schill zu wählen. Dafür gab es eine Rüge vom Landesvorstand, ein halbes Jahr später ist von Bockel aus der CDU ausgetreten. Er sei nicht rechts, sondern ein Protestwähler, sagt von Bockel, und „zum Wahltermin konnte niemand wissen, was daraus wird“. Der Mann, dem er seine Stimme gab, sei heute nicht mehr derselbe, „der ist von der Rolle“. Das klingt ein bisschen so, als habe man Schill damals quasi für einen Liberalen gehalten.

Herr von Bockel, wann haben Sie zum ersten Mal Unbehagen verspürt in Bezug auf die Person Ronald Schill? Nach den ersten Berichten über den Partysenator, über angeblichen Kokainkonsum und Freunde aus der Unterwelt, über das Pistolenhalfter, das sich der Innensenator umschnallte, weil ihm die Bewachung durch die Security-Leute nicht ausreichte?

Von Bockel winkt ab, seine Gestik sagt: Ich bin ein alter Hase, von solchen Aufgeregtheiten lasse ich mich nicht beeindrucken. Ein Angriff der Presse, halbseidene Geschichten gibt es doch über so viele Politiker, nur schreibt sie keiner. Nein, es war die Rede im Bundestag, die er „entgleisend“ fand. Es ging um die Opfer der Flutkatastrophe, und Schill sprach darüber, dass Geld für Hilfe fehle, das der Staat für ausländische Sozialhilfeempfänger und Entwicklungshilfe ausgegeben hatte. „Da hat er sich von allen Regeln des politischen Anstands entfernt.“ Das sei der Moment des Bruchs bei vielen Wählern gewesen, auch bei ihm. Von diesem Tag an habe er aufgehört, Schill gegenüber seinen Freunden zu verteidigen, die ihn schon immer einen „Scharlatan“ nannten, einen „Chaoten“. Wie Recht sie hatten.

Und dann dieser Versuch, Ole von Beust als Homosexuellen zu attackieren. „Das ist kein politisches Thema, das ist Privatsache“, sagt von Bockel. Schills Ausfall habe ihn an „schlimme Zeiten“ erinnert. Ronald Schill hat die gut situierten Hamburger politisch und kulturell verschreckt. In den Elbvororten habe er diesmal ein Wählerpotenzial von höchstens vier Prozent, schätzt Bockel.

Die Hauptstadt des grünen Pfeils

In den Elbvororten absolviert Ronald Schill, der zur Pro-DM-Partei des Düsseldorfer Millionärs Bolko Hoffmann übergetreten ist, diesmal keine Wahlkampfauftritte. Wer ihn erleben will, muss an den Stadtrand fahren, zum Beispiel nach Farmsen-Berne im Norden, in die Gaststätte Luisenhof Dubrovnik.

Der Saal ist voll, die Zuhörer lehnen auf Fensterbänken, zwischen Yuccapalmen und Ficus benjamini, stehen hinter der letzten Stuhlreihe, drängeln sich am Eingang, wo sich vier Ordner aufgebaut haben und niemanden mehr reinlassen: „Wir haben nicht geahnt, dass es so voll wird.“

Schill steht am Mikrofon. Er trägt einen grauen Dreiteiler und muss sich zum Pult mit der weißen Damastdecke herunterbeugen. Die zugezogenen Rollläden hinter ihm vermitteln den Eindruck, man sei bei einer geheimen, vielleicht gar gefährlichen Sache dabei. Jemand könnte ein Attentat geplant haben.

Schill lobt „unseren völlig kompromisslosen Einsatz von Brechmitteln“ bei der Festnahme von Drogendealern, den man trotz eines „tragischen Todesfalls weiter durchgezogen“ habe. Schill bilanziert: „Wir haben Hamburg zur Hauptstadt des Grünen Pfeils gemacht.“ „Wir haben dafür gesorgt, dass man die Taxiprüfung nicht mehr besteht ohne Deutschkenntnisse.“ Als sich eine Zuhörerin beklagt, beim internationalen Flohmarkt stünden „die, die wir nicht wollen, die handeln mit Drogen, alles“, da muss Schill sie leider vertrösten: „Seitdem Ole von Beust mich handstreichartig meines Amtes beraubt hat, ist mein Einfluss auf die Politik etwas begrenzt.“ Eben noch Senator, ist Ronald Schill jetzt wieder ganz Volk: „Wir werden von einer Politikerclique bevormundet!“

Schill spricht im Ist-doch-sonnenklar-Tonfall, der seine politischen Gegner zu Analphabeten macht, und seine einstigen Weggefährten auch. Zu den Umständen, die zum Platzen der Koalition führten, sagt er kein Wort, augenzwinkernd erzählt er, wie er sich beim Ersten Bürgermeister über die Sozialsenatorin beschwert hat: „Da habe ich mich an meinen Duzfreund Ole gewandt…“ Weiter kommt er gar nicht, das Publikum johlt, die Hände recken sich in der Richtung der solariumsgebräunten, heftig blondierten Bedienung mit weißer Kreppbluse. Noch ein Bier, Fräulein, und Schill ist schon bei Ladendieben und Schwarzfahrern, die er in einer Genkartei erfassen will, „jeder Mörder, jeder Vergewaltiger hat mal klein angefangen“.

Es sind die Sätze aus seinen alten Reden. Hätte man nicht ahnen können, wie einer wie Schill Politik machen würde?

„Da erwarten Sie etwas viel vom kleinen Wähler“, antwortet Peter von Bockel und plustert seinen breiten Brustkorb auf, als bräuchte er für das, was jetzt kommt, eine Extraportion Selbstbewusstsein.

Er ist kein kleiner Wähler. Er saß als Abgeordneter in der Bezirksversammlung Altona, war 15 Jahre lang Ortsvorsitzender, war 1982 Wahlkampfleiter von Walther Leisler Kiep, der als Hamburger Spitzenkandidat der CDU antrat; damals war Thomas Mirow von Bockels Gegenspieler. Und bis vor ein paar Tagen hatte Peter von Bockel keine Ahnung, wen er diesmal wählen soll. Er hat sich am Ende für Ole von Beust entschieden, mit leichtem Bauchgrimmen, denn „den Ole“ kennt er seit 1972, „und ich traue ihm vieles nicht zu, aber er verkauft sich gut“.

Bereuen Sie Ihre Stimme für Schill? Immerhin wurde durch die Schill-Episode die alte Garde abgelöst, das war ja Ihr Ziel.

Von Bockel lehnt sich zurück, fragt verschmitzt: „Das ist jetzt eine Gewissensfrage, stimmt’s?“ Er überlegt. „Hätte ich es gewusst, hätte ich es nicht gemacht.“ Dann fügt er hinzu: „Ich hätte es besser wissen müssen als andere.“ Er kennt ja das Geschäft.

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