Zeitung Heute : Der große Käse-Tüv

Rund 1000 verschiedene Öko-Siegel gibt es mittlerweile – ein Dschungel für jeden Verbraucher

Anne Wüstemann

Das saftige Rumpsteak, hundertprozentig antibiotikafrei. Dazu knackiger Brokkoli, garantiert ohne Pestizid-Rückstände und die Kartoffeln, natürlich nicht genmanipuliert – was Biohändler versprechen, wollen immer mehr Verbraucher haben: Knapp 60 Prozent aller bundesdeutschen Haushalte entscheiden sich zumindest gelegentlich für Produkte aus biologischem Anbau, berichtet das Bundesministerium für Verbraucherschutz (BMVEL). Skandale wie um BSE tragen ihren Teil dazu bei.

Doch auf der Suche nach dem ökologisch wertvollen Produkt, hat es der Verbraucher nicht leicht. Auf Kartoffeln und Käse empfängt ihn ein wahrer Dschungel an Öko-Siegeln. Um einheitliche Mindeststandards für die ökologische Produktion von Lebensmitteln zu schaffen, führte das Verbraucherschutzministerium deshalb vor zweieinhalb Jahren das staatliche Bio-Siegel ein: Das sechseckige Zeichen mit dem Schriftzug „Bio“ kennzeichnet Öko-Produkte, die nach den Bestimmungen der EG-Öko-Verordnung produziert und verarbeitet wurden.

Im bunten Supermarktregal schafft das zunächst Klarheit. Zum Beispiel bei den Zutaten: Bei den staatlich signierten Produkten müssen mindestens 95 Prozent der Rohstoffe aus ökologischem Landbau stammen. Die streng kontrollierten Richtlinien legen außerdem fest, dass die Erzeuger keine chemisch-synthetischen Mittel beim Pflanzenschutz verwenden dürfen. Gentechnisch veränderte Organismen sind verboten. Tabu ist auch die Bestrahlung der Lebensmittel. Der europaweit geltende Standard verpflichtet die Bauern zu einer artgerechten Tierhaltung, zur Verwendung von hauptsächlich ökologisch produziertem Futtermittel, immer ohne Zusatz von Antibiotika und Leistungsförderern sowie zu abwechslungsreichen Fruchtfolgen.

Rund 20 000 Öko-Lebensmittel sind mittlerweile mit dem staatlichen Siegel ausgestattet. Der Zuwachs liegt laut Ministerium monatlich bei drei Prozent. Mitmachen dürfen auch solche Höfe, die ihren Betrieb nur teils auf Öko umgestellt haben.

Für Ralf Halsfeld, den Pressesprecher von Bioland, liegen darin jedoch die Schwachpunkte des staatlichen Siegels. Wer unter dem Label „Bioland“ oder einem der anderen Bio-Anbauverbände produziert, muss seinen Betrieb voll auf Öko umstellen. „Je eindeutiger das Produktionsverfahren ist, umso glaubwürdiger ist es auch“, meint Ralf Halsfeld. Glaubwürdigkeit sei das höchste Gut der Branche. Die Teilumstellung dagegen eine Unklarheit, die die Verbraucher verunsichere. „Das fällt schließlich auf alle Bio-Anbieter zurück“, befürchtet der Bioland-Sprecher. Hinzu komme ein Wettbewerbsvorteil für die Unternehmen, die nach der EG-Öko-Verordnung arbeiten: Für den begrenzten Zukauf sind auch konventionelle Futtermittel zugelassen – wer allerdings für Bioland produziert, muss 100 Prozent Bio füttern. „Das ist teurer“, sagt Halsfeld.

Dennoch ist man beim größten Bio-Anbauverband froh, dass es das staatliche Siegel gibt: Mittlerweile schwirren um die 1000 Label auf dem Markt herum, wie die Verbraucher-Initiative schätzt. Auf ihren Internet-Seiten (www.label-online.de) bietet sie zu 300 Labeln Kurzbeschreibungen an. „Das Bio-Siegel ist wie ein Tüv-Stempel, der die gesetzlichen Mindeststandards garantiert“, meint Ralf Halsfeld: „Aber wir wollen dann noch den Mercedes-Stern draufsetzen.“ Das gilt für Getreide, Brot, Teigwaren, Nudeln, Gemüse, Obst, Honig, Molkereiprodukte, Fleischwaren, Wein, Bier und Fruchtsäfte.

„Demeter“, „Biokreis“, „Biopark“, „Gäa“, „Naturland“, „Ecovin“, „Anog“ und „Ökosiegel“: Das sind die Marken der anderen acht deutschen Verbände, in denen sich Biobauern zusammengeschlossen haben. Auch sie fordern in ihren Standards mehr als die staatliche Minimalöko-Garantie. „Demeter“ rangiert beim Bekanntheitsgrad nach „Bioland“ an zweiter Stelle. Außer Lebensmitteln hat das Label auch Kosmetika und Mode im Angebot. Die Demeter-Bauern betrachten ihren Hof nach der Philosophie des Anthroposophen Rudolf Steiner als lebenden Organismus. Die Bodenqualität ihrer Felder verbessern sie mit pflanzlichen und mineralischen Präparaten und beim Anbau achten sie auf die Planetenkonstellationen.

Was die Vielfalt des Angebots angeht, steht „Demeter“ nicht alleine da. Für viele andere Produkte gibt es mittlerweile Gütesiegel für den Öko-Standard. So gibt es neben Textilien auch Baumaterialien oder Farben mit einer Bio-Garantie. Das Angebot reicht von der Vorstreichfarbe für Türen bis zu Dämmstoffen ohne „bedenkliche Fasern“.

Über die Lebensmittel wacht weltweit der Dachverband, die International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM). Ökologisch anbauende Betriebe aus 120 Ländern produzieren nach seinen Richtlinien.

Supermarktketten haben den Bio-Markt längst für sich entdeckt. Sie setzen im Label-Dschungel noch eins drauf und bieten eigene Marken an: Füllhorn ist beispielsweise die Bio-Handelsmarke der Rewe-Gruppe. Naturkind gibt es in Geschäften wie Kaiser’s, Magnet, Tengelmann oder Grosso.

Aber nicht jedes Siegel hält, was es verspricht. Vorsicht ist, laut den Verbraucherschützern, vor allem bei Bezeichnungen wie „aus kontrolliertem Anbau“ oder „ungespritzt“ geboten. Auch Beschriftungen wie „von staatlich anerkannten Bauernhöfen“ oder „unter unabhängiger Kontrolle“ sollen oft hinters Licht führen. Manche Aufkleber erzählen auch, die Produkte seien „aus integrierter Landwirtschaft“ oder aus „Vertragsanbau“. Einige Eier kommen „aus alternativer Haltung“ – im Wettbewerb um den Kunden sind der Fantasie der Hersteller keine Grenzen gesetzt. Es sei denn, der Verbraucher weiß, was er will.

Weiteres im Internet:

www.bio-siegel.de, www.label-online.de und www.oekolandbau.de.

Damit auch Bio drin ist, wo Bio drauf steht, führte das Verbraucherministerium von Renate Künast vor zweieinhalb Jahren das staatliche Bio-Siegel ein. Mittlerweile tragen es rund 20 000 Öko-Lebensmittel. Kritiker monieren zwar, dass die Anforderungen an die Vergabe des Siegels nur einen Mindestanspruch darstellten. Aber das sechseckige Siegel sei für den Verbraucher immerhin eine hilfreiche Orientierung im Dschungel der vielen Kennzeichnungen, die es mittlerweile gibt.

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