Zeitung Heute : Der große Nick

„Er macht, was funktioniert“, sagt ein Berater von Minister Nicolas Sarkozy. Besichtigung eines Phänomens, das Frankreich spaltet

Flora Wisdorff

Sie verehren ihn wie einen Popstar: 2000 neue Parteimitglieder, viele sind seinetwegen eingetreten, wegen Nicolas Sarkozy, dem französischen Innenminister und Vorsitzenden der gaullistisch-liberalen Regierungspartei UMP. Dicht gedrängt warten sie auf ihn im Saal eines Pariser Hotels. Er will sie heute in der Partei willkommen heißen, aus allen Ecken Frankreichs sind sie deshalb hergekommen, die meisten um die 40 und weiß, sie tragen Freizeitkleidung, die Stimmung ist ausgelassen. Neben der Bühne zeigen zwei Leinwände Sarkozy auf einem Parteitag, zwischendurch sagen junge, gut aussehende Menschen, warum sie in die Partei eingetreten sind. Immer wieder wird dramatische Musik eingespielt. Kommt er jetzt? Aber Sarkozy lässt auf sich warten.

Als er endlich auf der Bühne steht, bringt er das Willkommen rasch hinter sich. Er will sich jetzt lieber selbst feiern. Nach den Unruhen in den Vorstädten Frankreichs ist wieder Ruhe eingekehrt. Jetzt kann er, der jugendliche Randalierer im Sommer als „Gesindel“ bezeichnet hatte, von dem man die Banlieues mit dem Hochdruckreiniger befreien müsse, sich auf seine Kritiker stürzen. Denn die Mehrheit der Franzosen fand sein Krisenmanagement gut. „Was reden die eigentlich für einen Unsinn?“, sagt er. „,Racaille’ ist noch ein schwaches Wort. Mörder, Barbaren sind das!“ Die Menge jubelt.

Um Sarkozy herum steht sein Team. Die meisten überragen den 1,65 Zentimeter großen Mann. Doch nach ein paar Minuten nimmt man nur noch ihn wahr. Schnell hat er sich warm geredet, im Rhythmus seiner Handbewegungen trägt er seine Rede vor. Sarkozy schafft es, Nähe herzustellen. Einmal wird er ganz leise und ernst, sagt, dass er sich manchmal einsam gefühlt habe während der letzten Wochen. Langweilig wird es nie, jeder Satz ist eine klare Aussage.

Sarkozy nutzt die Gelegenheit, um sich als Retter der Republik zu inszenieren. Nichts weniger als der Bruch mit dem ganzen System sei nötig. „Ein System, das seit 30 Jahren vor allem Schulden, Arbeitslosigkeit und Stillstand produziert.“ So sicher fühlt sich der 50-Jährige nach den Unruhen, dass er Parallelen zieht zu der Situation des Landes in den 50er Jahren, als Präsident Charles de Gaulle die 5. Republik gründete und Frankreich aus einer tiefen Identitä tskrise befreite. Seit Jahren verheimlicht Sarkozy nicht, dass er 2007 der neue Präsident Frankreichs werden will. Schon morgens beim Rasieren denke er daran, hat er einmal gesagt.

Schweiß rinnt Sarkozy die Stirn herunter, er ist jetzt heiser. „Nicolas pour président“, rufen seine Fans, als er sich nach einer Stunde verabschiedet, sich den Weg durch die Menge bahnt, erschöpft schüttelt er die vielen Hände. „Merci, merci.“

Seit einem Jahr, seit Sarkozy UMP-Vorsitzender der Partei ist, stieg die Mitgliederzahl um 80 Prozent. Henri Lancelin, 40, Forschungsvorstand bei einer mittelgroßen Firma, rote Gore-Tex-Jacke und graue Haare, ebenfalls neu eingetreten, ist ziemlich aufgedreht im Hotel Méridien, spricht viel und schnell. Er findet, dass Sarkozy „die Dinge bewegt und Wahrheiten ausspricht. Er ist das wahre Frankreich.“ Seine Frau Patricia, auch 40, Grundschullehrerin, nickt. Sarkozys Politik gefä llt ihr. Bloß nicht die Art, wie er sie verkauft. Über die Jugendlichen in den Vorstädten sollte er nicht so sprechen. So denkt auch Houria Lyoubi, 23 Jahre alt, Studentin. Sie ist extra aus der Provinz nach Paris gereist. Ihre Eltern kommen aus Marokko, sie ist in Frankreich geboren. Auch sie ist wegen Sarkozy in die Partei eingetreten. „Sein hartes Durchgreifen und seine Aufrichtigkeit haben mich dazu gebracht“, sagt Frau Lyoubi. Aber auch ihr gefällt seine Wortwahl nicht. „Mit dem Hochdruckreiniger entfernt man Sachen, aber doch keine Menschen.“

In Sarkozys Umfeld nimmt man diese Kritik gerne in Kauf. Yves Jégo ist Nationalsekretär der UMP und kennt Sarkozy seit seiner Jugend. Er sagt: „Auch wenn sie schockiert sind, sie sind trotzdem zu seinem Auftritt gekommen und in die Partei eingetreten.“ Das zählt. Jégo, 44 Jahre alt, groß, schlank, elegant, freundlich, sitzt in der Parteizentrale der UMP mitten in Paris. Sarkozy sage Dinge, die die Franzosen nicht gleichgültig lassen. Das sei auch oft ein Wagnis, eine politische Wette, mit dem Risiko, kritisiert zu werden. Die Provokation sei Teil des Systems Sarkozy. Vor allem sei es seine Strategie, anders zu sein als die anderen Politiker. „Sarkozy repräsentiert einen Bruch in Stil, Ton und Sprache“, sagt Jégo.

In Frankreich wird die Sprache der Politiker oft „langue de bois“, hölzern, genannt. Chirac beherrscht sie perfekt. Er kann sehr lange reden, ohne etwas zu sagen. Fast alle französischen Politiker kommen aus der Oberklasse, der Besuch der Elite-Universität Ecole Nationale d’Administration (ENA) ist der sicherste Weg zur Macht. Dort gewöhnt sich die Regierungsklasse ihren Einheitsstil an. Auch Premier Dominique de Villepin gehört dazu, der mit Sarkozy wohl um das Präsidentenamt konkurrieren wird. Der Adelige war auf der ENA, hat eine Diplomatenlaufbahn hinter sich. Henri Lancelin und Houria Lyoubi beschweren sich, dass man Villepin gar nicht richtig kenne. Sarkozy sei bodenständiger.

So wirkt er auf viele, obwohl Sarkozy in einem der reichsten Pariser Viertel, in Neuilly, aufgewachsen ist, als Sohn ungarischer Aristokraten. Seine Eltern haben sich getrennt, seine Mutter war berufstätig. Sarkozy war auch nicht auf der ENA, er hat Jura studiert. Gerne erzählt er, dass er sich in der Partei hochgearbeitet, zuerst Plakate geklebt hat. In Neuilly war er 19 Jahre lang Bürgermeister, freundete sich mit Fernsehstars und Spitzensportlern an. Er weiß, wie wichtig die Verwurzelung in der lokalen Politik für seinen Erfolg ist.

Sarkozy ist ständig in Bewegung, er hat eine scheinbar unerschöpfliche Energie, äußert er sich zu allen Themen. Als Wirtschaftsminister sprach er sich gegen den Beitritt der Türkei zur EU aus. Zudem hat er jahrelang sein Privatleben der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Mehrmals war er mit Exfrau Cecilia Titel von Paris Match. Seit sie sich im Sommer von ihm getrennt hat, geht er zurückhaltender mit der Boulevardpresse um. Seine neue Freundin hat man noch nicht gesehen.

Dennoch, in Paris ist Sarkozy auch dieser Tage omnipräsent, überall hängen Plakate von ihm. „Sarko schlägt zurück“ heißt die Schlagzeile, mit der das Magazin „L’express“ Werbung für ein Exklusivinterview macht. Seine Kritiker schimpfen ihn Populist, bei vielen Franzosen ist er populär: Sarkozy ist aus den Unruhen nicht nur bei den Parteianhängern als Sieger hervorgegangen. Um elf Prozent sind seine Sympathiewerte bei den Franzosen gestiegen. Einer Umfrage zufolge spricht sich die Mehrheit der Franzosen für seine Rezepte aus: die Verlängerung des Ausnahmezustands um drei Monate, die Verschärfung der Regeln für die Familienzusammenführung von Zuwanderern und die Ausweisung von Ausländern, die für die Unruhen verurteilt werden. Letzteres gehört auch zum Repertoire der rechtsextremen Front National. Jean-Marie Le Pen hat Sarkozy dafür gelobt – „exzellente Maß nahmen“. Auch 48 Prozent der sozialistischen Wähler stimmen zu. Gerne erwähnt Sarkozy auch, dass die Polygamie afrikanischer Einwanderer mit zu den Unruhen geführt habe, weil die Größe der Familien zu untragbaren Wohnverhältnissen führe. „Frankreich dreht nach rechts“ titelte die Boulevardzeitung „Le Parisien“.

Sarkozys Politik schert sich wenig um französische Traditionen oder Ideologien. Als Wirtschafts- und Finanzminister hatte er einerseits die Supermärkte verpflichtet, den Preisanstieg zu bremsen, damit der Konsum in Gang kommt. Andererseits sprach er sich für die Privatisierung des Stromkonzerns EDF aus. Er ist liberal und interventionistisch zugleich. Sein liberaler Kurs ist auch innerhalb einer konservativen Partei in Frankreich ungewöhnlich. Die starke Rolle des Staates ist zentrales Element für alle politischen Parteien, angelsächsische Rezepte sieht auch Chirac mit Skepsis. Der Präsident lädt auch schon mal Attac in den Elysée-Palast ein, um sich beraten zu lassen. Sarkozy dagegen lobt gerne Tony Blair.

Als Innenminister sorgt er jetzt für Aufregung mit dem Vorschlag, in Frankreich die „positive Diskriminierung“ einzuführen, um die Eingliederung von Zuwanderern zu fördern. In den USA und Großbritannien sorgt das Konzept zum Beispiel dafür, dass Firmen Quoten für Mitarbeiter bestimmter ethnischer Herkunft haben. In Frankreich, einem Land, das den Mythos der Gleichheit pflegt, in dem Integration durch Angleichung Tradition ist, ist das ein Tabu.

Weggefährte Jégo nennt die Politik seines Chefs „Sarkozisme“ . „Das ist pragmatische Situationspolitik“, sagt er. Ideologie sei Sarkozy fremd. „Er macht das, was funktioniert. Zur Marke Sarkozy gehören erstens seine starke Sprache, die Wahrheiten ausspricht, und zweitens seine Energie und sein Mut“, sagt Jégo.

Wahrheiten, die nicht jeder teilt. In Stains, einer Banlieue im Norden von Paris, haben auch Autos gebrannt, in der Hochhaussiedlung Clos Saint Lazard. Julien Leglou, 27 Jahre alt, wohnt seit seiner Kindheit hier. Jetzt arbeitet er in der Verwaltung, ist zuständig für die Verbesserung des Zustands der Sozialwohnungen der Stadt. Außerdem gibt er Kindern freiwillig Nachhilfeunterricht.

An der Wurzel des Übels änderten der Ausnahmezustand oder das harte Vorgehen gegen die Drogenbanden nichts, sagt er. „Die zweite und die dritte Generation der Einwanderer sind nicht nur auf dem Papier Franzosen, sie fühlen sich auch so und wollen sich integrieren. Aber wenn sie wegen ihrer Herkunft keine Arbeit bekommen, ist das ein Problem.“ Julien denkt, dass Sarkozy die Unruhen vorsätzlich provoziert hat, weil er so den starken Mann spielen kann, der die Krise in den Griff bekommt. „Die Bemerkungen von Sarko waren der Funke, der das Feuer entfacht hat.“

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