Zeitung Heute : Der große Sprung

Rom schlägt Alarm: Zwei Millionen afrikanische Flüchtlinge warten angeblich in Libyen auf Überfahrt nach Italien

Paul Kreiner[Rom]

Wieder einmal haben die Bilder ein ganzes Land erschüttert, und die Erzählungen der Beteiligten tun es immer noch: 71 Afrikaner, ausgemergelt, mit leeren Augen, verlassen im sizilianischen Syrakus taumelnd den deutschen Frachter „Zuiderdiep“. Von Libyen aus haben sie versucht, auf einer altersschwachen Barke die italienische Insel Lampedusa zu erreichen; mehr als 4000 andere haben das in diesem Jahr bereits geschafft. „Kein Problem“, haben ihnen die Schleuser gesagt, „auch ihr seid in ein, zwei Tagen dort.“ So sind sie losgezogen, mit einer Flasche Wasser pro Kopf und ohne Lebensmittel.

Kurz nach der Abfahrt fiel der Motor aus, die Steuerleute verloren den Kurs, so trieben sie dahin, aus den zwei Tagen wurden zehn. Hunger und Durst, nachts Kälte und tagsüber Sonnenglut – mindestens 26 Flüchtlinge starben, darunter ein zehn Monate altes Kind. Um die Lebenden zu schützen, musste man die Toten ins Meer werfen. „Acht Schiffe sind uns unterwegs begegnet“, erzählt jetzt ein Geretteter. „Wir haben geschrien, Kleider geschwenkt. Aber sie haben getan, als würden sie uns gar nicht bemerken. Sie haben uns sterben lassen.“

Erst als zufällig die „Zuiderdiep“ vorbeikam, 132 Seemeilen östlich von Malta, wo das Mittelmeer am breitesten ist, da hatte die Tragödie ein Ende. Fast zur selben Stunde zogen libysche Schiffe nahe der afrikanischen Küste 18 Leichen aus dem Wasser. Sie mussten von einem anderen Schiff stammen, von dem keiner zuvor etwas gewusst hatte. Und Somalier in Italien meldeten, ebenfalls zur selben Zeit, einige Dutzend heimlich eingeschiffter Landsleute als vermisst. Sie sind es immer noch.

„Nicht so schlimm“, sagen Italiens Behörden. „In den letzten Jahren kamen pro Tag drei bis vier Boote in Lampedusa an, dieses Jahr ist es ein Boot alle drei bis vier Tage.“ Die Hoteliers auf Lampedusa versprechen den Gästen dieses Jahr, ihnen die Ferien „bis auf den letzten Cent“ zurückzuzahlen, sollten sie sich durch den Anblick Schiffbrüchiger belästigt fühlen.

Ist dem Frieden zu trauen? Italiens Innenminister Giuseppe Pisanu warnt, an Libyens 2000 Kilometer langer, schwer überwachbarer Wüstenküste hätten sich „zwei Millionen arme Teufel“ für die Überfahrt nach Italien gesammelt. Der libysche Botschafter in Rom will die Zahlen „weder bestätigen noch dementieren“, sein Außenminister aber sagt gegenüber der italienischen Zeitung „La Stampa“, die Zahl der Flüchtlinge, die aus den innerafrikanischen Krisengebieten nach Libyen strömten, habe sich „unglaublich“ erhöht: „Für euch mag die illegale Einwanderung ein Problem sein, für uns ist sie viel mehr: eine Invasion.“

Zeitungen spekulieren, die Bilder erschöpfter Flüchtlinge seien beiden Staaten, Italien und Libyen, gar nicht so unangenehm. Die Regierung in Rom nämlich fühlt sich bei der Überwachung der europäischen Südgrenze, 7200 Kilometer italienischer Küste, von der EU allein gelassen. Erfolgreich hat sie zwar einen Vertrag mit dem Adria-Anrainer Albanien geschlossen und durch verstärkte, gemeinsame Küstenüberwachung die Zahl der von dort illegal Einreisenden seit 1999 von 26000 auf ganze 123 im Jahr 2003 gesenkt. Der entsprechende Vertrag mit Libyen aber, vor einem Jahr geschlossen, ist nach Aussagen des italienischen Außenministeriums noch lange nicht so wirkungsvoll, weil ihm das EU-Embargo entgegensteht. Die vom libyschen Staatschef Gaddafi geforderten, von Italien versprochenen Patrouillenschiffe zur Küstenüberwachung in Libyen, die Hubschrauber, Nachtsichtgeräte und Detektoren sind nicht geliefert worden, weil sie auch für militärische Zwecke verwendet werden können. Damit fallen sie unter die EU-Sanktionen – und hier kommt Deutschland ins Spiel.

Deutschland nämlich, so klagte Italiens Außenminister Franco Frattini, sei in der EU der große Bremser. Deutschland bestehe auf den Sanktionen gegen Libyen, „solange nicht die Opfer des Attentats auf die Diskothek La Belle entschädigt sind“. Entsprechend hörbar atmet Rom jetzt auf: Am Dienstag haben sich Deutschland und Libyen in Berlin geeinigt; noch im Lauf der Woche fliegt Alessandro Pansa, der oberste italienische Immigrations- und Grenzschutzbeauftragte, zu Verhandlungen nach Tripolis, und schon heute, am Rande der Gedenkfeiern für die SS-Opfer von 1944 in der Toskana, wollen die Innenminister Giuseppe Pisanu und Otto Schily über ein Projekt reden, das beiden am Herzen liegt – ungeachtet ihrer gegensätzlichen parteipolitischen Herkunft: über Auffanglager für Flüchtlinge in Nordafrika. So berichten es die italienischen Zeitungen, und zumindest das Innenministerium in Rom dementiert es nicht.

Dabei spielt das Drama um die Flüchtlinge nur zum geringsten Teil auf dem Meer. Dort gibt es zwar die spektakulärsten Bilder – 90 Prozent der illegalen Einwanderer aber wählen den Landweg. Albaner oder Kurden reisen durch das frühere Jugoslawien ein; Menschen aus Fernost landen gerne in Moskau und fahren über die Ukraine in Richtung Westen.

Doch die allermeisten Einwanderer stammen aus Osteuropa selbst, aus Rumänien in erster Linie. Wie viele es sind, darauf hat die jüngste „Legalisierungskampagne“ der Regierung ein Schlaglicht geworfen. In den zwölf Monaten dieser Aktion hat sich die Zahl der Osteuropäer in Italien beinahe verdoppelt. Das heißt, es haben zuvor fast genauso viele illegal im Land gelebt, wie legal gemeldet waren.

Gegenüber den meist einzeln einreisenden und deshalb schwer fassbaren Illegalen aus Osteuropa haben die Bootsflüchtlinge einen Nachteil: Sie kommen gesammelt an, werden gesammelt in Auffanglager gebracht, gesammelt verwaltet – und der Statistik nach zu zwei Dritteln wieder abgeschoben. Die 37 Afrikaner, die im Juli von der deutschen „Cap Anamur“ nach Sizilien gebracht wurden, sind bis auf zwei längst wieder in ihren Heimatländern. Dass diese Abschiebung laut einem römischen Gericht in zumindest 14 Fällen illegal war, musste die Behörden nicht stören: Der Urteilsspruch kam zu spät.

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