Zeitung Heute : Der große Traum der kleinen Fächer

In Berlin entsteht ein weltweit einzigartiges Zentrum für Altertumswissenschaften - durch vernetzte Forschung arbeiten hoch spezialisierte Experten gemeinsam an großen Fragen.

Nina Diezemann
Warum bauen Menschen monumental? Die Pfeiler aus den Steinkreisen auf dem Göbekli Tepe in der Südost-Türkei, errichtet vor 12 000 Jahren, sollen darüber Aufschluss geben. Foto: DAI, Nico Becker
Warum bauen Menschen monumental? Die Pfeiler aus den Steinkreisen auf dem Göbekli Tepe in der Südost-Türkei, errichtet vor 12 000...

Was haben eine Spezialistin für die sumerische Sprache, ein Experte für Steinzeit-Werkzeuge und ein Fachmann für nacheiszeitliche Veränderungen der Landschaft gemeinsam? Sie alle sind Altertumswissenschaftler. Aber ihre jeweiligen Fachgebiete setzen sehr unterschiedliche und spezielle Kenntnisse voraus: Während die Philologin Keilschrift lesen kann, kennt ihr Kollege die Praxis prähistorischer Herstellungsverfahren für Beile. Und der Landschaftsexperte wendet allerneueste naturwissenschaftliche Methoden an, um Veränderungen der Erdoberfläche zu dokumentieren. Da es von solchen spezialisierten Professuren deutschlandweit nur sehr wenige in jeder Forschungsrichtung gibt, spricht man auch von den sogenannten kleinen Fächern.

Und dennoch sind die Altertumswissenschaften mit ihren vielen Spezialdisziplinen in der Lage, gemeinsam fachübergreifende Fragen zu stellen – etwa danach, welche gesellschaftlichen Innovationsmotoren es damals gab, warum Menschen immer wieder viel Geld in überdimensionale Bauwerke steckten – und oftmals scheiterten –, oder wie Wassertransport organisiert wurde, wer ökonomisch davon profitierte, und wie er rechtlich geregelt war. Ermöglicht wird diese große wissenschaftliche Gemeinschaftsleistung der vielen kleinen Fächer unter dem Dach des Exzellenzclusters Topoi, der die Berliner Stärken in der Erforschung der Antike bündelt. „Das objektbezogene Fachwissen der Disziplinen bleibt bestehen“, erklärt Michael Meyer, Professor für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin, und gemeinsam mit dem Wissenschaftshistoriker Professor Gerd Graßhoff von der Humboldt-Universität zu Berlin Sprecher des Clusters. Hinzu komme das „vernetzte Forschen, der gemeinsame, weite Blick“.

Der Cluster Topoi, dessen Name sich von der griechischen Bezeichnung für Ort – topos – ableitet, wurde 2007 aus Mitteln der Exzellenzinitiative ins Leben gerufen und ist einer der größten geisteswissenschaftlichen Forschungsverbünde in Deutschland. In dem Zusammenschluss erforschen Experten die räumliche Welt der Zivilisationen im Vorderen Orient sowie im Mittelmeer- und im Schwarzmeerraum vom 6. Jahrtausend v. Chr. bis etwa 500 Jahre n. Chr. Der Cluster wird gemeinsam von Freier Universität und Humboldt-Universität getragen, Kooperationspartner sind die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Deutsche Archäologische Institut und das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

Auch Eva Cancik-Kirschbaum, Professorin für Altorientalistik an der Freien Universität Berlin, sieht die interdisziplinäre und institutionenübergreifende Arbeit im Cluster als Chance für eine neue intellektuelle Tiefe, wie sie in Einzelprojekten oder kleineren Gruppen nicht möglich wäre. Als Sprecherin einer Forschergruppe zu Großbauprojekten in der Antike, an der Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Einrichtungen beteiligt sind, kennt sie aber auch die Bedingungen dafür, dass der Austausch zwischen so vielen Spezialisten funktioniert: „Die Zusammenarbeit wird nur produktiv, wenn es ein gemeinsames Interesse an einer Frage gibt, die über das Einzelprojekt hinausgeht.“ Beispielsweise, wie viel sich eine Gesellschaft ein solches Großbauprojekt kosten ließ. „Das erfordert aber auch die Bereitschaft, über das eigene Projekt hinauszudenken und es so zu gestalten, dass es zur übergeordneten Fragestellung passt.“

Die einzelnen Topoi-Projekte untersuchen zwar sehr speziell eine Epoche oder einen bestimmten Ort, aber sie sind alle wie Puzzleteile in größere Fragestellungen und Zusammenhänge eingepasst. Mehrere Projekte gehören zu einer Forschergruppe, Forschergruppen sind wiederum Teil größerer Forschungsgebiete, sogenannter Areas; die Schlüsselthemen Ökonomie, Innovation, Kartierung, Identität und Transformation werden in allen Bereichen diskutiert. Der „Topoi-Ansatz“ halte die Begriffe Raum und Wissen zusammen, sagt Michael Meyer: „Wie stark ist die Entstehung von Wissen durch Räume geprägt, wie wird Wissen generiert und verwendet, um Räume zu verändern oder neue Räume entstehen zu lassen?“

Wie eng die beiden Kategorien zusammenhängen, zeige sich auch in seinem eigenen Forschungsgebiet, etwa der Eisenverhüttung in der Vorrömischen Eisenzeit. Hier spiele der Naturraum eine Rolle: Wo gab es Erz oder geeigneten Lehm für die Öfen? Von Bedeutung seien aber auch Kenntnisse der damaligen politischen und ökonomischen Räume, in denen dann das produzierte Eisen gehandelt wurde und zum Einsatz kam. Um diese Zusammenhänge zu verstehen, arbeiten Philologen, Archäologen und Geografen eng zusammen.

Langfristig – da sind sich Eva Cancik-Kirschbaum und Michael Meyer einig – wird diese Art des gemeinsamen Forschens die Altertumswissenschaften verändern. Mit dem Berliner Antike-Kolleg, das 2011 eröffnet wurde, soll die neue Form der Zusammenarbeit in dauerhafte Bahnen gelenkt werden. Dazu gehört die Berlin Graduate School of Ancient Studies, an der Doktoranden der Altertumswissenschaften das fächerübergreifende Forschen an gemeinsamen Fragestellungen von Anfang an erlernen. Es gebe weltweit einige Standorte mit einer großen Dichte an Altertumswissenschaften, sagt Meyer. „Aber durch die intensive Vernetzung, die der Exzellenzcluster Topoi ermöglicht, ist in Berlin etwas Einzigartiges entstanden.“Nina Diezemann

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