Zeitung Heute : Der große Unbekannte

Eine knappe Stunde war Zeit – und die Zeit war reif: Gerhard Schröder besucht in Rumänien das Grab seines Vaters, eines Wehrmachtssoldaten

Stephan Haselberger[Ceanu Mare]

Er fängt ein wenig seltsam an, dieser Staatsbesuch. Keine Viertelstunde dauert die Zusammenkunft des deutschen Bundeskanzlers mit dem rumänischen Außenminister am Flughafen von Bukarest, da eilt Gerhard Schröder schon wieder über das Rollfeld. Es ist Donnerstagmorgen gegen 11 Uhr Ortszeit, sein zweiter Arbeitstag nach den Sommerferien. Den ersten politischen Noteinsatz hat Schröder schon hinter sich. Im Kanzleramt hat er am Vorabend den Widerstand seines Wirtschaftsministers Wolfgang Clement gegen Korrekturen an den Arbeitsmarktreformen gebrochen, routiniert wie ein Klempner, der den Abfluss frei macht. Jetzt strebt der Kanzler auf eine rumänische Staatsmaschine zu. Er ist in einer Angelegenheit unterwegs, für die es keine handwerkliche Routine gibt.

Man könnte sie privat nennen, wäre Schröder nicht der Kanzler einer Generation, für die das Private stets auch politisch zu sein hatte. Im Alter von 60 Jahren besucht er zum ersten Mal das Grab seines Vaters. Im Begleitheft des Protokolls heißt das „separates Programm“.

Fritz Schröder hat seinen Sohn nie gesehen. Von der Geburt hatte er aus der Feldpost erfahren. An seine Frau Erika schrieb er zurück: „Ich freue mich für Dich, dass es diesmal ein Junge ist.“ Der Obergefreite der Wehrmacht, gerade 32 geworden, fiel ein halbes Jahr später, am 4. Oktober 1944 bei Klausenburg in Siebenbürgen. Er wurde im heutigen Ceanu Mare beerdigt, 5000 Einwohner, eine Kirche, ein Friedhof. Sein Grab, in dem er mit acht anderen deutschen Soldaten liegt, trug lange keinen Namen. Die Lage war dem Internationalen Roten Kreuz zwar seit 1978 bekannt. Doch Gerhard Schröder hat seinen Vater nie gesucht. Für ihn, so sagte er einmal der „International Herald Tribune“, „existierte der Vater eigentlich nicht“.

Es war Gerhard Schröders Schwester Gunhild, die über ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende Nachforschungen anstellte. Seither weiß der Kanzler, dass er zwei Cousinen im Osten hat. Und er weiß, wie sein junger Vater aussah. Die Ost-Verwandtschaft hatte ein Foto von Fritz Schröder aufbewahrt. Es steht heute auf dem Schreibtisch des Sohnes im Kanzleramt und zeigt einen jungen Mann mit Stahlhelm und energischem Kinn. Sie sehen sich ähnlich, der Kanzler und der unbekannte Soldat. Man ahnt: Sie haben miteinander zu tun, auch wenn sie sich nie begegnet sind.

Vielleicht ist der frühe Tod des Vaters ein Schlüssel zum Verständnis von Gerhard Schröders Kanzlerschaft. Vielleicht erklärt die Vaterlosigkeit seine Durchsetzungskraft und seinen Machtwillen, das Drängende und zugleich Unstete seiner Politik, wie der Journalist Wolfgang Büscher 2001 in einem fulminanten Text mutmaßte. „Da ist keine Macht der Prägung und keine Rebellion. Gegen wen soll denn ein Muttersohn rebellieren – gegen die arme, tapfere Frau, die ihn durchbringt, so gut sie kann?“ Schröders Aufbegehren in jungen Jahren sei in Wahrheit nur die „probierende Anarchie des Selbsterfinders“ gewesen, „der nicht die Welt verändern will, sondern nur die Stellung in ihr. Der heraus will aus der Enge seiner Verhältnisse.“

Es ist dies der Generalverdacht, unter dem die Kanzlerschaft Gerhard Schröders steht, gehegt von Freund und Feind. Die Anekdote vom jungen SPD-Politiker, der – „ich will hier rein“ – in Bonn am Zaun des Kanzleramts rüttelt, mag sich so nie zugetragen haben. Aber jeder glaubt sie. Und als Schröder dann durfte, zog eine Frage mit ein, ein Dauergast namens: Wozu? Wann immer er auftauchte, suchten Weggefährten und Freunde Zuflucht bei Schröders Herkunft aus den so genannten kleinen Verhältnissen. Aus ihr wuchs Schröder ein Gutteil seiner Legitimation als Sozialdemokrat zu, sie trennte den Machtpolitiker vom bloßen Karrieristen. Mochte er seine Positionen wechseln, so blieb seine persönliche Lebensgeschichte doch wahrhaftig. Sie handelt vom vaterlosen Sohn, der für die Mutter als Junge den Gerichtsvollzieher abwimmelt und sie später, nachdem er sich zum niedersächsischen Ministerpräsidenten hochgearbeitet hat, in ein Restaurant einlädt, wo sie zuvor als Putzfrau arbeiten musste.

Jetzt erhält diese Geschichte ein neues Kapitel, und wieder ist das Private politisch. Der Kanzler hat sich an diesem Donnerstag einen Augenblick der Privatheit am Grab seines Vaters gewünscht – Fotografen und Reporter dürfen nicht auf den Friedhof und auch nicht zum kurzen Totengedenkgottesdienst danach in die Kirche –, aber dennoch hat der Besuch beim Wehrmachtssoldaten Fritz Schröder etwas Symbolisches. Es geht um die späte Versöhnung der Söhne mit ihren Vätern und es geht um den verantwortungsvollen Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit. Fritz Schröders Sohn hat als erster Kanzler an den Feiern zum D-Day und an der Gedenkveranstaltung für den Warschauer Aufstand teilgenommen. Und er hat seinem Vater am Grab in Ceanu Mare die Ehre erwiesen. Das ist kein Widerspruch, sondern folgt einer Linie. Das Land soll zu sich selber finden.

Nur eine knappe Stunde hat Schröder, der Geschichtspolitiker, in Ceanu Mare Zeit für Fritz am Grab und ein paar Grüße für die Menschen auf den Dorfstraßen, dann muss er zurück zu den Gesprächen und Staatsgeschäften. Er hat Geschenke dagelassen für die Kinder, einen Sack voller Fußbälle und zwei Tischtennisplatten. Und Computer, von der Firma Siemens für die Schule gestiftet. Den Journalisten, die in Bukarest im Amtssitz des rumänischen Ministerpräsidenten auf ihn warten, will er nichts sagen zu der späten Begegnung. Nur dass sie ihn „sehr berührt“ habe.

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