Zeitung Heute : Der große Unterschied

Trotz zahlreicher Vorgaben innerhalb der EU zur Gleichstellung, verdienen Frauen immer noch rund 15 Prozent weniger als Männer. Warum ist diese Ungleichheit nicht zu beheben?

Thomas Gack[Brüssel]

Schon im Gründungsdokument der EU, dem Römischen Vertrag von 1957, ist das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ verankert. Doch im Jahr 2007 ist es immer noch so, dass in den EU-Staaten Frauen im Durchschnitt 15 Prozent weniger Geld für ihre Arbeit erhalten als Männer. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie die im Auftrag der EU erstellt worden ist. In diesem Punkt hat sich also in den vergangenen 50 Jahren nicht viel geändert – trotz gesetzlicher Vorgaben, trotz Tarifvereinbarungen und trotz bester beruflicher Qualifikationen von Frauen. So sind zum Beispiel innerhalb der Europäischen Union 60 Prozent der Hochschulabgänger weiblich.

In Deutschland ist der Stundenlohn von Frauen im Schnitt sogar 22 Prozent geringer als der von Männern. Damit werden innerhalb der EU Frauen im Vergleich zu Männern nur noch in Estland, der Slowakei und Zypern schlechter bezahlt. Außerdem ist in Deutschland die Lohnschere in den vergangenen zehn Jahren noch weiter auseinandergegangen, während in Frankreich und Großbritannien die Unterschiede in der Bezahlung geringer geworden sind.

Warum Frauen nicht nur weniger verdienen, sondern auch seltener in Führungspositionen vertreten sind, dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen liegt es an der Berufswahl. So sind bei akademischen Berufen Frauen weit weniger als ihre männlichen Kollegen in den Bereichen Wirtschaft, Justiz und Ingenieurwesen vertreten. Die weibliche Mehrheit entscheidet sich für die Geisteswissenschaften, die schlechter bezahlt werden. Und 40 Prozent der Frauen in den EU-Staaten arbeiten im Dienstleistungssektor, zum Beispiel als Krankenschwestern, Altenpflegerinnen, Sekretärinnen und Verkäuferinnen.

Ins Gewicht fallen für Frauen auch die Auszeiten – Schwangerschaften, Erziehungszeiten, Ortswechsel im Gefolge ihrer Männer. Frauen machen deshalb oft langsamer Karriere und werden bei der Besetzung von Führungspositionen übergangen. Auch die Teilzeitarbeit als Folge familiärer Verpflichtungen wirkt sich auf die Karriere aus. Ungeachtet aller Emanzipationsbewegungen sind Frauen in Europa nach wie vor weit mehr in die Hausarbeit eingespannt und leisten weit mehr unbezahlte Arbeit als ihre Männer – in Deutschland oder Frankreich sind es in der Woche fast 14 Stunden. Die Männer dagegen verbringen gerade mal zwei Stunden in der Woche mit häuslicher Arbeit.

Mehr als einen guten Ratschlag hatte da aber auch Vladimir Spidla, EU-Kommissar für Sozialpolitik und Beschäftigung, nicht zu bieten: „Wir Männer müssen mehr zur Arbeit im Haushalt beitragen“, sagte er am Mittwoch in Brüssel. Gesetzlich festlegen lässt sich das aber nicht.

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