Zeitung Heute : Der große Wahlkampf-Klönschnack

Ihr Image ist so gut, dass es ihr eine Last ist, seines wiegt aus anderen Gründen schwer – die Kandidaten für Schleswig-Holstein

Stephan Haselberger[Kiel]

Er hat einen grünen Daumen. Sie verkaufte als junge Frau Büstenhalter in Japan. Er serviert Gästen selbst gemachte Butter. Sie näht mit Vorliebe bunte Steppdecken, auch Quilts genannt. Er klettert zur Entspannung gerne mit Enkel Linus auf den Hochsitz hinter seinem Bauernhof. Sie beginnt an Wahltagen vor lauter Nervosität mit dem Hausputz.

Willkommen im Landtagswahlkampf von Schleswig-Holstein, wo es am 20. Februar um das große Ganze geht: um die Ausgangsposition für die Wahlen in Nordrhein-Westfalen. Um Angela Merkels Kanzlerkandidatur und Gerhard Schröders Kanzlerschaft. Um die Macht im Bund.

Man muss sich das erst wieder in Gedächtnis rufen, wenn man ein paar Abende mit Heide Simonis und Peter Harry Carstensen und ihren Das-ist-meine-private-Seite-Geschichten verbracht hat. Die Ministerpräsidentin und ihr Herausforderer liefern sich seit Wochen einen ebenso kuriosen wie ungleichen Beliebtheitswettbewerb der anekdotischen Art.

Abend für Abend buhlen die schnoddrige SPD-Frau und der joviale CDU-Mann in „Talk-Shows“ ihrer jeweiligen Parteien um Sympathie, stellen sich bereitwillig den mehr oder weniger gleichen Fragen mehr oder weniger professioneller Moderatoren, um schließlich scheinbar Persönliches preis zu geben. In der Stadt Heide zum Beispiel erfährt das Publikum bei der SPD-Show „Heide direkt“ im Veranstaltungszentrum „Tivoli“, dass die amtierende Ministerpräsidentin in ihre Jugend Beatles-Fan war. Simonis ist inzwischen 61 Jahre alt. In Westerland auf Sylt verrät ihr 57-jähriger Gegenspieler beim „Wahlkampf-Klönschnack“ im Alten Kursaal, dass er mit Leidenschaft Gemälde im Internet ersteigert. Es ist, als säße man vor einer endlosen Johannes B. Kerner Show. Und man fragt sich: Was soll das alles?

Vielleicht ist die Seichtigkeit des ersten Wahlkampfs 2005 Ausdruck der allgemeinen Machtlosigkeit von Politik. Vielleicht ist es so, dass das große Ganze mit den Mitteln des Privaten entschieden werden muss, wenn der politische Handlungsspielraum gering wird und die Unterschiede zwischen den Parteien verschwimmen. In Schleswig-Holstein, so viel steht fest, ist der Handlungsspielraum gering geworden, verschwindend gering. Das Land leidet unter Rekordverschuldung und Massenarbeitslosigkeit, in diesem Winter gehen jeden Tag 60 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren. Das Wirtschaftswachstum ist in den letzten zehn Jahren hinter dem Bundesdurchschnitt zurückgeblieben, im Gegensatz zur Zahl der Unternehmenspleiten. Wer auch immer in Zukunft regiert – er wird außer Zumutungen wenig zu verteilen haben.

Heide Simonis hat in den vergangenen zwölf Jahren regiert, aber es sieht nicht danach aus, als würde sie für die Negativ-Bilanz verantwortlich gemacht – im Gegenteil. „Heide" ist der große Trumpf der SPD. Ihr Vorname wird von Norderstedt bis Flensburg großflächig plakatiert, ihre Beliebtheitswerte übertreffen die des Herausforderers bei weitem. „Sie ist die Marke, die sich am besten verkauft", schwärmen die SPD-Wahlkampfmanager.

Tatsächlich verfügt das politische Produkt Simonis über einen unschätzbaren Wettbewerbsvorteil: es wirkt authentisch. Wie wenige Politiker steht Deutschlands erste und bislang einzige Ministerpräsidentin im Ruf, ein unverfälschtes Original zu sein. Über die Jahre hat sie sich den Wählern als forsch-fidele Regierungschefin präsentiert, die sich im Zweifelsfall wenig um Konventionen und Hierarchien schert. Simonis, das ist die unerschrockene Power-Frau mit Hut und kesser Lippe, die selbst dem Kanzler lautstark Paroli bietet und die den Besuchern der Kieler Woche zuruft: „Baut keinen Scheiß!“ Inzwischen gehört Simonis irgendwie zum Inventar der Republik. Daheim in Schleswig-Holstein stellt sie für viele sogar eine Art Landes-Maskottchen dar, obwohl sie nicht aus Norddeutschland, sondern aus dem Rheinland stammt. Das meinen die Herren in der SPD, wenn sie „Marke“ sagen.

Das Simonis-Image hat sich mittlerweile derart verselbstständigt, dass die Trägerin ihm zuweilen nicht mehr gerecht werden kann. Wer sie nur als Medienfigur kennt, ist fast schon enttäuscht, wenn sie beim umjubelten Auftritt mit dem Kanzler in der Husumer Messehalle vor 3000 Gästen ihre Rede von Blatt liest - ein wenig fahrig, manchmal ausschweifend, selten witzig. Auch bei ihren Wahlkampftouren durchs Land wirkt sie oft alles andere als fidel. Sie sieht müde aus in diesen Tagen. Manchmal geht der Blick in die Ferne und ein harter Zug schleicht sich ins Gesicht, als koste es sie große Anstrengung, Heide Simonis zu sein, die Erfolgsmarke. Eingeweihte führen die augenfällige Erschöpfung auch auf ihren Regierungsstil während der vergangenen fünf Jahre zurück. Die Landesmutter kümmere sich „um alles, aber um nichts richtig“, heißt es in Kiel: „Sie verzettelt sich.“

Das Image von Peter Harry Carstensen hat sich ebenfalls verselbstständigt in diesem Wahlkampf der Abziehbilder, und auch der Herausforderer wird ihm nicht vollständig gerecht. Wie im Fall der Amtsinhaberin dürfte das keine Rolle mehr spielen, dafür sind die Bilder längst zu mächtig. Im Unterschied zu Simonis und der SPD können Carstensen und die CDU darüber aber nicht froh sein. Denn mit dem Namen Peter Harry Carstensen (Slogan: „Einer von uns. Einer für uns") verbinden sich Pannen, Missgeschicke, Peinlichkeiten. Der Ruf des tollpatschigen Unglücksraben klebt an Carstensen.

Wo immer der Kandidat im Wahlkampf Station macht – in den Hinterköpfen seiner Zuhörer ist sie stets präsent, diese dumme Geschichte vom Witwer Carstensen, der lange vor der Wahl via Bild-Zeitung nach einer „First Lady“ für das Land und nach einer Gattin für sich und sein großes Bauernhaus auf der Insel Nordstrand nahe Husum sucht („Bild leitet alle Zuschriften an Peter Harry Carstensen weiter“).

Zusätzliche Zweifel an ihrer Regierungsfähigkeit weckten die Nord-CDU und ihr Kandidat wenig später mit der überhasteten Präsentation eines Schattenkabinetts. Frauen waren in Carstensens Truppe kaum vertreten, Wunschkandidaten sprangen ab. Inzwischen ist aus der CDU, die im Frühjahr noch wie die sichere Siegerin dastand, eine leise hadernde Partei geworden. Auch Carstensen sei zwischenzeitlich „ziemlich verunsichert“ gewesen, sagt einer aus seinem „Kompetenzteam“.

Und doch ist in der Endphase dieses Wahlkampfs ein verblüffend gut gelaunter CDU-Spitzenkandidat zu besichtigen. „Moin“, brüllt er auf dem Weg zur abendlichen Talk-Show in sein Handy, „mir geht es spitzenmäßig!“ Vor dem Auftritt in Westerland auf Sylt schleppt er seine Personenschützer lärmend in den örtlichen Wienerwald, wo er erst die Bedienung in die Arme schließt und dann ein Grillhendl vertilgt. Dazu trinkt er zwei Glas Glühwein mit viel Zucker. Man kann sich Peter Harry Carstensen in solchen Momenten gut als Ortsbürgermeister vorstellen. Aber Ministerpräsident? „Ich bin derjenige, der die Heide wackeln lässt“, verkündet er den Touristen aus Aschaffenburg am Nebentisch.

Autosuggestion, Realitätsverweigerung, Wirklichkeitsverlust? Es ist wohl eher so, dass Carstensen keine Angst mehr hat vor der Niederlage. Natürlich hat ihn die Brautschau-Geschichte „mitgenommen“, natürlich merkt er, dass es „mühselig“ ist, Heide Simonis für die wirtschaftliche Misere Schleswig-Holsteins verantwortlich zu machen. Aber was kann er tun, außer die Fahne hochzuhalten bis zum Wahltag?

Die chronisch zerstrittene Landes-CDU hat Carstensen auch deshalb auf den Schild gehoben, weil er als fröhlicher Landwirt vom Nordstrand ein für alle erträglicher Kompromiss war. Er ist kein Beißer, er brennt nicht vor Ehrgeiz wie zum Beispiel sein Weggefährte Dietrich Austermann, Sprecher der schleswig-holsteinischen CDU-Bundestagsabgeordneten. Carstensen ist das, was man einen lebensfrohen Menschen nennt, vielleicht ein wenig naiv, vielleicht ein wenig zu gutgläubig und manchmal auch ein wenig zu derb. Aber er ruht in sich, und das kommt ihm jetzt zugute. Wenn es schief geht am 20. Februar, hat er sein Bestes getan. Dann geht er eben wieder jagen oder angeln, kein Drama. „Ich habe“, sagt Carstensen, „in meinem Leben mehr erreicht, als ich mir je vorgenommen hatte.“

Für Heide Simonis, die Favoritin, trifft das wahrscheinlich nicht zu. Immer wieder sind der SPD-Politikerin in der Vergangenheit Ambitionen auf hohe und höchste Ämter nachgesagt worden. Bundesfinanzministerin, EU-Kommissarin, Bundespräsidentin – Simonis war für vieles im Gespräch und „hat lange von mehr geträumt“, wie ein Mitglied ihres Kabinetts zu wissen glaubt. Sie selbst sagt, es gebe nicht viele Ämter, die höher seien, als das ihre. „Ich habe die Chance, nochmal zu gewinnen und eine Straße nach mir benannt zu bekommen“, witzelt sie. „Das ist doch was – solange es keine Sackgasse ist.“

Und wenn sie nicht gewinnt? Wer mit Heide Simonis über ihren planmäßigen Ausstieg aus der Politik am Ende der kommenden Legislaturperiode spricht, ahnt, was eine Niederlage für sie bedeuten würde. Ein Leben ohne Termine, den ganzen Tag zuhause – das wäre „ein Trauma“, das würde sie „krank machen“. „Als Politiker wird man gehört, man hat Publikum. Man kann was ändern. Das gibt Bedeutung. Und auf einmal fällt man ins tausendfache Leere“, sagt Simonis. Sie will deshalb nach ihrer Politikerkarriere in der Entwicklungshilfe arbeiten.

Es träfe Deutschlands einzige Ministerpräsidentin hart und wohl unvorbereitet, käme diese Karriere schon am Sonntag in zwei Wochen an ihr Ende. „Für Heide“, sagen Vertraute, „wäre das furchtbar.“

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