Zeitung Heute : Der große Zuschauer

Aufgeklärter Kleinbürger, Priester unter der Narrenkappe – Hanns Dieter Hüsch, Altmeister des literarischen Kabaretts, ist tot

Mirko Weber

Einmal hat er etwas für ihn Lebenswichtiges auf ein Papier hingemalt, es gibt das Blättchen noch als Lesezeichen in einem Brecht-Band, was nicht zufällig ist. Das war nach einer Vorstellung im alten Stuttgarter Renitenz-Theater auf der Königsstraße. Die Nacht hielt sich noch jung beim „Jan“ im Kunstverein, die Gläser waren gerade wieder voll – und Hüsch zeichnete einen Volksempfänger. Vor dem Krieg hatte der bei seinen Eltern in Moers auf dem Küchenschrank gestanden. Man musste zuerst auf einen Stuhl klettern und dann auf die Anrichte, um das Ohr davor zu bekommen, und das tat der Junge Hanns Dieter, Jahrgang 1925, und hörte. Hörte Goebbels brüllen, hörte den Reporter berichten, wie die Rennfahrergrößen der 30er Jahre, Rudolf Caracciola und Tazio Nuvolari, sich gegenseitig ausbremsten, auf der Avus und in Tripolis. Und hörte Musik: Scheherazade, Italienisches Capriccio, den Freischütz oder Aida; später Jazz auf Hilversum II.

So kam die große, bewegte, bewegende Welt in eine kleine niederrheinische Küche, blieb verstanden oder unverstanden, wurde jedenfalls in ihrer Phänomenalität erörtert und beredet, mit Tante, Onkel, Vater oder im Selbstgespräch, ohne Punkt und Komma, höchstens, dass ab und an einer einen Gedankenstrich gelten ließ.

Diese Methode ist, wenn man so will, später zum obersten Kunstgriff des großen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch geworden: Man holt sich die Dinge des Lebens auf vertrautes Terrain, dreht und wendet sie und versucht, sie zu verstehen. „Ich erzähle von mir, meiner Frau, von meinem Gegenüber, von der Welt und meinem Hund, von uns allen, von Euch, von den Alten, den Jungen, den Verlierern und Gewinnern, von den Vorurteilen und den Nachreden...“, so hat Hüsch seine Kunst einmal beschrieben. Und wenn man die Dinge nach eingehender Erörterung immer noch nicht verstanden hat, machte das eigentlich nichts. Dann war das Verfahren wenigstens zum Lachen.

Weit über 50 Bühnenjahre lang hat sich Hüschs Vorgehen bestens bewährt, mit der Heimat im Herzen die Welt zu befragen. Obwohl das alles so nicht vorgesehen war, denn aus Hanns Dieter Hüsch hatte eigentlich etwas „Ordentliches“ werden sollen, wie daheim nicht nur der preußische Vater erwartete: Mediziner etwa – er versuchte es sogar, in Gießen, ein kärgliches Jahr lang. Stattdessen fing Hüsch an, in Mainz Philosophie zu studieren, hat dann aber wohl eher das Fach „Leben“ belegt, wie man unschwer einem frühem Text entnehmen kann: „Mein Vater denkt/Ich werde Studienrat/Deutsch Englisch Französisch/In Wahrheit/Schlendere ich nur/Durch die langen Flügel der Universität/Immer im Kreise/ Vorbei an vielen Räumen/ Manchmal bleibe ich stehen und horche…“

Zum Schauen geboren, zum Hören bestellt, das war Hüsch in Wirklichkeit. Er wusste nur noch nicht genau, was daraus machen. Aber er fand es bald heraus, zuerst alleine auf der Bühne als „B(r)ettelstudent“, schließlich im Mainzer Ensemble der „Tol(l)eranten“, die sich ehrfurchtsvoll am Düsseldorfer Kom(m)ödchen orientierten, schließlich als Gründungsmitglied des Kabarettensembles „arche nova“, das er bis 1962 leitete. Das waren, hört man sie heute noch einmal, sehr hintersinnige Programme damals, schwer literarisch und enorm politisch, was sich in diesen Zeiten, den 50er Jahren, allerdings von selbst verstand. Wer Kabarettist war, war auch Utopist.

Später, als Hüsch sich schon lange selbstständig gemacht hatte und als One-Man-Show hinter seinem E-Örgelchen tingelte, mit dem er seine Texte und Lieder begleitete, hat er zu spüren bekommen, was ihn trotz vielerlei Freundschaften von den meisten anderen seiner Generation trennte. Dass ihm der Humorist Wolfgang Neuss einmal riet, er solle sich doch lieber „Plüsch“ nennen, konnte Hüsch hinnehmen. Dass man ihn jedoch auf dem Höhepunkt der Borniertheit, 1968, unter lauter Kollegen öffentlich als „Kitschier“ brandmarkte, kränkte sein Selbstwertgefühl.

Was stimmt: Hüsch war nie ein Revolutionär, er lieh sich nur mitunter ein rotes Mäntelchen. Hüsch blieb ein aufgeklärter Kleinbürger, Priester unter der Narrenkappe. Seine Stärke war das Lokale (und auch die Lokale), nicht die Internationale. Die Helden in seinen Geschichten hießen nicht Che Guevara, sondern Johannes Kleinheisterkamp und Ditz Atrops. Mit diesen Figuren, die stets in einer niederrheinischen Gastwirtschaft beim Hein Lindemann an der Theke stehen und reden, erklärte Hanns Dieter Hüsch sich und anderen die Welt. Und die Welt wurde übersichtlicher, wenn man sie auf die Anschauungsweisen von Ditz Atrops herunterrechnete, der zwar einerseits als Historiker erschien (mit abgebrochenem Studium), andererseits schon lange in der Botenmeisterei der Sparkasse arbeitete: Da war es dann egal, ob es gerade von den Chinesen oder den Mongolen handelte – letzten Endes war „sowieso alles et selbe“, zum Beispiel: „Quatsch“.

Schon vor 25 Jahren, als Hüsch dazu überging, immer häufiger Unsinn zu machen, während er sich auf der Suche nach dem Sinn befand, konnte man vor allen Dingen in großen Städten feststellen, dass es Hüschs Publikum mit offensichtlicher Behaglichkeit erfüllte, mehr und mehr von diesen verschrobenen Gestalten zu erfahren. Ihre Standfestigkeit ließ man sich als Ausgleich zur eigenen Entwurzeltheit und Haltlosigkeit gerne gefallen. Besonders in seinen Soloprogrammen – bis 1998 absolvierte er 200 Shows pro Jahr – profitierte Hüsch davon, dass er sich beim ZDF jahrelang als Stimmenimitator für „Dick und Doof“ oder „Väter der Klamotte“ bewährt hatte. Auch seine Radioerfahrung kam ihm wieder zugute, wenn er seine irrsinnig verschachtelten Dia- und Trialoge vortrug. Mit der rechten Hand hütete er dabei den ordentlich gestapelten Papierberg, den er abzutragen hatte, mit der Linken trommelte er auf dem Deckel der kleinen Tischorgel herum. So wurde er ein hoch dekorierter Reisender in Sachen Menschlichkeit, eine Art Wanderprediger mit allerlei Weis- und Leisheiten im Gepäck (genau der Ton, der einige Leute ganz gewaltig störte an Hüsch, das muss man schon auch dazu sagen). Aber trotz seiner großen Fangemeinde fühlte sich Hüsch nie als Star und blieb dem Tingeln durch die Provinz immer treu. Und wenn er dann in ein Intercity-Abteil geriet, wo die ganzen „sortierten Brüder“ mit ihren „Köfferkes“ herumsaßen, wie Hüsch sie nannte, Kerle, denen die Kohle über alles ging, dann traute er sich noch nicht einmal, ein Stück Schokolade auszuwickeln. Dann wartete er lieber, dass der Speisewagen ein wenig leerer wurde, um dann beim Bier zu sich selbst zu sprechen, was er von Brecht wusste: „Wollt nicht in Zorn verfallen, denn alle Kreatur braucht Hilf von allen.“

Zwei Mal war Hanns Dieter Hüsch verheiratet, erst in Mainz, zuletzt in Köln, eine Tochter hatte er aus erster Ehe, sein Freundeskreis war nahezu unüberschaubar, nur er behielt die Übersicht. Nun ist Hüsch gestern im Alter von 80 Jahren in seinem Haus bei Köln gestorben – seit 1998 quälte ihn der Krebs, 2000 erlitt er dann einen Schlaganfall –, und man wird langsam und zunehmend traurig bemerken, wo er vorher immer überall gesessen, gegessen, getrunken und gesprochen hat. Beim „Gesellschaftsabend“ in Saarbrücken, weil er einer war, der den Nachwuchs förderte, oder in der „Lach- und Schieß“ in München, treu, pünktlich, freundlich und zuverlässig dazu, ein langes Bühnenleben lang. Einen „großen Humanisten“ nannte ihn der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rüttgers gestern, „einen Moralisten reinster Prägung“ der Kabarettist Dieter Hildebrandt.

Als er noch nicht da auftrat, in der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“, hat sich im Übrigen einmal eine Geschichte zugetragen, die viel über Hanns Dieter Hüsch erzählt und sehr viel über den Respekt, den er in der Szene genoss. Da steht der Hüsch nämlich vor dem „Laden“, wie er in München heißt, und traut sich nicht recht hinein. Dann erscheint auf einmal der Sammy Drechsel neben ihm, Mitbegründer der Gesellschaft, und sagt: „Kommst du jetzt rein, du wirst doch wohl nicht da stehen bleiben wollen?“ Er setzt den ehrfurchtsvollen Hüsch also an die Theke. Dieter Hildebrandt, der Hüsch oft in seine Sendungen eingeladen hat, kann zur Geschichte die Pointe liefern. Er war dabei. Als der Sammy nach hinten kam, haben sich die anderen Kabarettisten aus dem Ensemble nämlich hinter dem Vorhang gedrängelt und gesagt: „Mensch, der Hüsch sitzt an der Bar. Was wird der wohl zu unserem Programm sagen?“

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