Zeitung Heute : Der Großtyrann und das Gericht

Bauern, Präsidenten und Unterweltkönige sagten aus im Prozess gegen Slobodan Milosevic. Und Menschen, die serbische Massaker überlebten. Jetzt endet die Anhörung. Trotz der Fülle der Vorwürfe wird es nicht leicht sein, für die Morde eine direkte Befehlskette aus Belgrad nachzuweisen.

Caroline Fetscher[Den Haag]

Von Caroline Fetscher,

Den Haag

Alles an dieser Zeugin erscheint gefasst. Ihr dunkles Haar trägt Shyhrete Berisha kurz geschnitten, den Seitenscheitel hat sie gerade gezogen. Durch das Glas der randlosen Brille blickt sie fast milde, als wäre sie ganz und gar von einer Schutzhülle umgeben. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man: Was wie Gefasstheit wirkt, ist ständige seelische Betäubung.

Shyhrete Berisha, geboren 1961 im Kosovo, hatte dort einmal ein Haus, einen Ehemann, Nexhat, zwei Töchter im Teenageralter, Majlinda und Herolinda, und zwei kleine Söhne, Altin, den Elfjährigen, und Redon, 22 Monate alt. In der hügeligen, grünen Landschaft des südwestlichen Kosovo, in der Ortschaft Suhareke, ist Shyhrete Berisha groß geworden, da, wo Melonen, Paprika, Zwiebeln, Trauben und Tomaten wachsen und wo Josip Broz Tito einst ein paar Fabriken bauen ließ, für Fruchtsäfte, Mineralwasser, Kautschukprodukte.

Shyhrete Berisha hatte in diesem Suhareke ein Leben, das es seit dem 26. März 1999 nicht mehr gibt. Das war der Tag, an dem serbische Milizen an die Türen der Kosovo-Albaner schlugen, die Familien herauszerrten, sie im Café „Calabria“ zusammentrieben und mit Maschinenpistolen auf alle einschossen, bis sich niemand mehr regte. Schwer verwundet stellte Shyrhete Berisha sich tot. So entkam sie. Außer ihr überlebten nur zwei andere. 49 Angehörige der Familie Berisha, drei Generationen, waren am Abend des 26. März 1999 ausgelöscht. Auch Nexhat, Majlinda, Herolinda, Altin und Redon waren tot.

Zwei zähe Jahre

Die Frau im schwarzen Blazer und in schwarzer Bluse ist eine der 298 Zeuginnen und Zeugen der Anklage, die seit Februar 2002 im Prozess am Den Haager Jugoslawien-Tribunal gegen Slobodan Milosevic aussagten. In diesen Tagen sprechen die letzten Zeugen von Chefanklägerin Carla del Ponte. Danach hat der Angeklagte im Fall IT-02-54 drei Monate Zeit, seine Verteidigung vorzubereiten, die weitere zwei zähe Jahre dauern wird. Schon haben seine Unterstützer angekündigt, dass er serienweise westliche Staatschefs und Diplomaten laden lassen will, Leute wie Bill Clinton, Madeleine Albright, Richard Holbrooke, Jacques Chirac oder Kofi Annan. Bis Anfang April 2004 muss Milosevic seine Zeugenliste einreichen, Ende Mai geht das Verfahren weiter.

Zu den eindrucksvollsten Zeugen, denen sich die Richter kaum entziehen werden können, gehörten bisher gewiss Überlebende wie jene Shyhrete Berisha aus dem Kosovo, Zeugin 91 der Anklage. Leise erzählte sie wenige Monate nach Prozessbeginn von dem Lärm am Tag des Massakers, dem Krachen der Geschosse und den Schreien sterbender Kinder. Sie erinnert sich, wie ihre Tochter Majlinda, die 16-Jährige, rief: „Mama, Mama, sie haben Herolinda getötet.“ Tonlos berichtet sie: „Als ich mich umdrehte, sah ich Herolinda auf dem Boden liegen, mit fünf oder sechs Schusswunden.“ Herolinda, die 14-Jährige, „war so ein schönes Mädchen“, fügt die Mutter unwillkürlich hinzu. Ohne Gesten, ruhig, fast so, als wäre sie im Gebet, spricht sie weiter, bis die Anklagevertreterin Christina Romano eine neue Frage stellt. Was das für Männer waren, in den Panzern und mit den Gewehren? „Serbische Polizisten“, erklärt die Zeugin. Einige von ihnen kannte man im Ort, andere kamen von außerhalb.

Lässig stützt der Angeklagte Slobodan Milosevic, dessen Militärs und Polizeibataillone das Unglück über die Familie Berisha brachten, den Ellbogen auf die UN-blaue Lehne seines Sessels im Gerichtssaal. Seine Mimik zeigt Verachtung, beleidigte Selbstzufriedenheit – er versteht es, Signale zu senden. Vor allem weiß er, wo sein Publikum sitzt: vor dem Fernseher in Serbien, wo jede Gerichtssitzung live übertragen wird und Hunderttausende seiner Version der Geschehnisse noch immer glauben. Kriminelle, rivalisierende Albaner-Gangs, „darunter einige Geistesgestörte“, hätten das Massaker begangen, sagt er, und er richtet seinen Blick nicht auf die Zeugin, sondern auf die UN-Richter, den Briten Richard May, den Jamaikaner Patrick Lipton Robinson und den Südkoreaner O-Gon Kwon. Die drei gehören zu den inzwischen 1238 Mitarbeitern aus 84 Ländern am „International Criminal Tribunal for the Former Yugoslavia“, kurz ICTY genannt, das für 2004 und 2005 ein Budget von 272 Millionen Dollar erhält und damit einiges mehr an Anerkennung als früher, 1995 etwa betrug das Budget eben mal 25000 Dollar. 52 weitere mutmaßliche Kriegsverbrecher, Serben, Kroaten, Bosnier, Kosovo-Albaner sitzen neben Milosevic im Gefängnistrakt des Tribunals ein. 20 Verdächtige, darunter Ratko Mladic und Radovan Karadzic, sind noch auf freiem Fuß. 13 büßen derzeit ihre Strafe ab, acht sind nach ihrer Haft bereits wieder frei.

Slobodan Milosevic allerdings, so wünscht sich die Chefanklägerin des ICTY, soll die Freiheit nie mehr sehen. Mit Verve und ungeheurem Ehrgeiz betreibt Carla del Ponte „ihren“ Jahrhundertprozess. Zum ersten Mal erhob die Weltöffentlichkeit – durch die Uno – Anklage gegen ein ehemaliges Staatsoberhaupt. Der Prozess soll als Präzedenzfall in die Geschichte eingehen und wird deshalb von den Mitarbeitern des gerade neu etablierten Internationalen Strafgerichtshofes (ICC), ebenfalls mit Sitz in Den Haag, mit Interesse verfolgt. Doch dort sind manche durchaus kritisch: Zu lang, zu zäh, zu überladen sei das Milosevic-Verfahren. Zum Teil liegt das auch am Regelwerk des Gerichts. Obwohl sich Fälle inhaltlich überschneiden, muss die Anklage jedes Mal von neuem alle Zeugen und Beweise auffahren. Diese Prozedur könnte am ICC gestraffter gehandhabt werden.

Als ihr im Sommer 2001 der große Fisch Milosevic ins Netz ging, geizte del Ponte nicht mit Versprechungen: Man werde ihm 66 Klagepunkte nachweisen, darunter Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Vertreibung, Massenmord, Folter, Deportation und, im Fall Bosnien, Völkermord. Gegen den Rat der Richter ertrotzte sich del Ponte am Tribunal, dass alle drei Verfahren im Fall Milosevic – Kosovo, Kroatien und Bosnien – zu einem einzigen zusammengefasst wurden. Sie wollte eine große Oper, kein Kammerkonzert. Damit, das haben auch manche ihrer Mitarbeiter inzwischen eingesehen, tat sie sich keinen Gefallen. Wahrscheinlich könnte der Fall Kosovo längst abgeschlossen sein. Man musste etwa nur hören, wie der britische Diplomat Lord Ashdown den Ex-Diktator vor Gericht eindringlich an gemeinsame Treffen in Belgrad erinnerte. Als Mitglied einer westlichen Delegation hatte Paddy Ashdown, der heute als Hoher Repräsentant Bosnien und Herzegowina verwaltet, Ende 1998 Dörfer im Kosovo brennen sehen. Er roch den Rauch, sprach mit Flüchtenden, sah mit eigenen Augen, wie Milosevics Milizen mit Sattelschleppern geplünderte Beute aus dem Kosovo wegschafften, der ebenso „ethnisch gereinigt“ werden sollte wie zuvor Teile Kroatiens und Bosniens in den Kriegen von 1992 bis 1995, die über 200000 Menschen das Leben kosteten. „Ich habe Sie damals davor gewarnt, dass man Sie eines Tages zur Rechenschaft zieht und Sie vor diesem Gericht enden würden.“ Ashdown schöpft einen Augenblick Atem. Mit mehr Bitternis als Genugtuung stellt er dann lakonisch fest: „And here you are.“

„Ich wurde von Gott gerettet“

Weniger forsch tritt ein alter Bauer wie Mustafa Draga auf, der im Juli 2002 aussagte. Der Mann mit der weißen Filzkappe ist grauhaarig und mager, sein Sakko hängt formlos über die schmalen Schultern. Schwer nach Worten ringend berichtet der Überlebende vom Massaker im kosovarischen Izbica, das 139 Tote forderte. Der Ankläger legt ein Foto vom Tatort auf den Overhead-Projektor. Man sieht Dutzende von Toten auf einer Wiese. Sie tragen die lehmverschmierten Gummistiefel von Landwirten, blaue, braune Jacken und Hosen. Blut färbt einen Ärmel, eine Hemdbrust rot. Auf dem Gras, neben einem bärtigen Alten, der mit erstarrten Händen seine Filzkappe umklammert, ragt ein Paar hölzerner Krücken ins Bild. Zivilisten, alle. Mustafa Draga glaubt: „Ich wurde von Gott gerettet, um hierher zu kommen und die Wahrheit zu sagen.“ Zu Milosevic gewandt erklärt er: „Deine Polizei hat uns gesagt: Heute ist Bajram, ihr könnt heute eure Lämmer schlachten, und wir schlachten euch.“

Bei seinen Kreuzverhören schwillt der Angeklagte, der zum Prozessauftakt erklärt hatte, er halte dies alles für „ein falsches Tribunal, falsche Anklagen“, nahezu physisch an. Er verwandelt sich in einen eloquenten Gegenstaatsanwalt. Mitunter trommelt er im Takt seiner Worte auf das helle Holz des Tribunaltisches, als hielte er eine Rede vor dem Zentralkomitee seiner Sozialistischen Partei, die in Belgrad seit Monaten wieder floriert. Gern platzt er am Ende mit patzigen Sätze wie diesem heraus: „Kosovos Bevölkerung wurde von der UCK zur Flucht gezwungen und von der Nato, durch Luftangriffe. Das ist die ganze Wahrheit!“ Zwar hat das nicht ein einziger Zeuge bestätigt. Die Auftritte aber wirken.

Etwas weniger wirksam sind sie bei Aussagen wie der des mutigen serbischen Polizeibeamten Bosko Radojkovic, eines Kriminaltechnikers, der einen Kühllastwagen, beladen mit 80 Leichen von Muslimen aus dem Kosovo, beseitigen sollte. Der Wagen, in der Donau versenkt, tauchte – entgegen dem Plan – im April 1999 aus dem Fluss wieder auf. Der Zeuge erzählt, er greift sich an den Hals, als wollte er die Krawatte lockern. Er riskiert seinen Ruf in Serbien, indem er hier aussagt. Milosevic, angewidert, will von diesem „Phantomlastwagen“ nichts hören. Für ihn sind Muslime in Ex-Jugoslawien „islamistische Terroristen“, da kam ihm der 11. September 2001 gerade recht. Dass „Säuberungsaktionen“ serbischer Militärs und Paramilitärs allen Nichtserben galten, auch katholischen Kroaten, dass das Regime Milosevic serbischen Nationalismus erst aktiviert hat, um ihn dann zum Werkzeug von Machtpolitik umzuschmieden, diese Zusammenhänge will der Angeklagte so weit wie möglich im Dunkeln lassen. Doch sie treten hervor, im Fall Kosovo, dem fast die Hälfte der Zeugen gehörte, deutlicher als irgendwo anders.

Gespräch unter Mafiabossen

Doch droht die Dramaturgie der Del-Ponte-Oper bisweilen auszuufern. Die Zeugen – Soldaten und Fabrikarbeiter, Militärexperten und Tankstellenbesitzer, Generäle und Bauern, Hausfrauen und Mathematiklehrer, Casino-Inhaber und Staatspräsidenten – kamen und gingen. Wertvolle Erkenntnis wurde gewonnen und geht doch oft, zumal vor der Öffentlichkeit, in der schieren Menge des Gesagten unter. Gleichwohl halten permanente und unabhängige Prozessbeobachter wie die Juristin Judith Armatta von der Coalition for International Justice den Prozess für einen enormen Erfolg: „Man muss all die Mosaiksteine mit den Augen der Richter am ICTY sehen“, erklärt sie, „da ergeben sie ein schlüssiges Muster.“

Noch nicht entschieden hat die Kammer, ob eine Reihe von 245 digitalisierten Telefonat-Mitschnitten als Beweisstück zugelassen wird, wie das die Anklage wünscht. Wie gemütliche Konversationen unter Mafiabossen klingt es, etwa wenn Milosevic und Karadzic aus den frühen 90er Jahren plaudern. Einmal prahlt der Angeklagte damit, wie er den deutschen Botschafter abfertigte, was serbische Waffen in Kroatien betraf. „Ich hab’ ihm gesagt: ,Serben haben immer Waffen, so sind wir eben.’ Na ja, verdammt, was kann er schon dazu sagen? Also meint er: ,Aber sie haben auch Mörsergranaten’, und ich sage zu ihm: ,Na ja, das sind doch auch Waffen, oder?’“ Beide brechen in Gelächter aus. „Was hat er sich gedacht?“, fährt Milosevic fort, „dass ich ihm sage, ich habe das alles selbst dahin geschickt?“

Problematisch ist es, für Bosnien und Kroatien nachzuweisen, dass dort, wie im Kosovo, eine direkte Befehlskette aus Belgrad existierte. Unbestritten scheint, dass Waffen, Treibstoff und Sold für Einheiten bosnischer und kroatischer Serben aus Belgrad stammten. Dazu sagte auch Aleksandar Vasiljevic aus, Kopf des Geheimdienstes der Jugoslawischen Volksarmee während des Kroatien-Krieges. Zeugen schätzten, dass 13000 Belgrader Offiziere und Soldaten nach Kroatien abkommandiert wurden. Kroatiens Präsident Stjepan Mesic erklärte dem Tribunal, Milosevic habe nur eins gewollt: „Ein Großserbien, das auf den Ruinen Jugoslawiens gebaut werden sollte.“ Doch schriftliche Belgrader Befehle zur „ethnischen Säuberung“ wird man vielleicht nie finden. Von Milosevic, dem „Paten“, gibt es allenfalls kolportierte Aussagen, wie sie der Betreiber eines Unterwelt-Casinos wiedergab. Milosevic habe dort Wohlwollen für das Wüten serbischer Militärs in Kroatien geäußert: „Sehr gut. Eure Hauptaufgabe ist erledigt.“ Nur: Wie lange hatte er die direkte Kontrolle? Vergangene Woche etwa erklärte der ehemalige UN-General Philippe Morillon im Zeugenstand, ab 1993 habe sich General Mladic dem Belgrader Kommando entzogen. Dann hätte Milosevic mit Srebrenica, 1995, wenig zu tun.

Die „Slobo-Show“, wie der Prozess in Ex-Jugoslawien bisweilen genannt wird, geht nun in ihre Pause. Danach wird der Angeklagte Milosevic versuchen, das Gebirge an Beweisen, das die Anklage aufgetürmt hat, erodieren zu lassen, mit der Haltung eines Mannes, der sich unwirsch den Unfug dreister Halbstarker anhören muss. Doch vergessen wir nicht: Seitdem Milosevic vor Gericht steht, hat sich seine Welt dramatisch geändert. In Serbien genießt seine Partei zwar Zulauf, aber es gibt auch andere Strömungen. So laufen dort strafrechtliche Ermittlungen gegen Mira Markovic, Milosevics Ehefrau und politische Komplizin, die in Weißrussland untergetaucht sein soll. Besuche beim Ehemann im UN-Gefängnis sind vorerst unmöglich. Gerichte in Serbien untersuchen auch den Mord am einstigen Ziehvater des Angeklagten, Ivan Stambolic, der im Jahr 2000 entführt und ermordet wurde. Serbische Ermittler lesen in diesem Mord die Handschrift Milosevics.

Die Toten der Zerfallskriege, die Intrigen seines Regimes – als Slobodan Milosevic noch vor drei Jahren in seiner Villa in Belgrads Nobelvorort Dedinje residierte, konnte er hoffen, von alledem nie belästigt zu werden und seinen Lebensabend als Mörder in Rente zu genießen. Daraus, das ist der größte Trost für seine Opfer, trotz aller Mängel des Verfahrens, wird nun nichts werden.

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