Zeitung Heute : Der grüne Diktator

Fünf Jahre lang hegte unser Autor seinen Kleingarten. Er kämpfte gegen Verbuschung, Schnecken und seine Ungeduld. Er lernte, dass Quittenpflücken den Geist befreit. Ein Essay über Stadtmenschen und das Zähmen der Natur.

Harald Martenstein

Für Gartenmenschen ist 2007 das Jahr der Schnecke. Es hängt bestimmt mit dem milden Winter zusammen. Zu viele Schneckeneier haben überlebt. Jetzt kriechen also die Schnecken in Massen herum und fressen alles auf, die verdammten Schleimer und Klimawandelprofiteure. Ja, sicher, man kann sie aufsammeln. Sie rennen nicht weg.

Ich frage mich, wie man eine Schnecke waidgerecht tötet. In heißes Wasser werfen? Zertreten? Ins All schießen? Man möchte nicht grausam sein. Aber sie sollen verschwinden. Die Evolution soll bitte schnell ein schneckenfressendes Raubtier hervorbringen. Auch Gärtner können böse werden.

In Deutschland gibt es eine Million Kleingärten. Ein Kleingarten steht für sich alleine, er ist kein Hausgarten. Die Leute, die sich um ihn kümmern, sind meistens Städter, denen in ihrer Stadtwohnung etwas fehlt. Der Schrebergarten, benannt nach dem Leipziger Arzt Gottlob Moritz Schreber, ist eine Sonderform des organisierten Gärtnerns. Vor Schrebers Zeit, er lebte von 1808 bis 1861, gab es für solche Kleingartenkolonien das Wort „Armengärten“. Klar, „Schrebergarten“ klang besser.

Inzwischen gibt es wieder ein neues Wort, es kommt aus New York, gehört den Globalisierungsgegnern und heißt „Guerilla Gardening“. Die Gartenguerilla sät Disteln auf Golfplätzen und Brennnesseln in den Parks von Vorstandsvorsitzenden, vor allem aber legt sie in den Städten wilde Gärten an, überall, wo es geht. Die Hippies flohen einst aus der Stadt in Landkommunen, die Attac-Leute dagegen wollen die Stadt für das Grün zurückerobern. Gärtnern ist rebellisch.

Dieser Text handelt davon, wie ein Garten die Menschen aus der Stadt verändert, und davon, was ein Garten gibt. Es ist so, dass man, um einen Garten lieben zu können, in den meisten Fällen ein gewisses Lebensalter erreicht haben muss. Garten und Jugendliche, das passt nicht. Wie alt muss man sein? Alt genug, um einen Begriff von der Zeit zu haben, von den Gesetzen des Aufstiegs und Niedergangs. Dreißig? Gärtnern ist für Erwachsene.

Mit zwanzig hält man Rasenmähen für den Inbegriff des Spießigen.

Fünf Jahre lang haben wir einen Garten gehabt, zusätzlich zur Stadtwohnung. Aber der Besitzer braucht Bares, er verkauft jetzt das Land, der Pachtvertrag wurde gekündigt. Wir haben die mit viel Mühe und auch viel Geld hergerichtete Laube blutenden Herzens sowie knirschender Zähne leergeräumt, wir haben die für 400 Euro erworbenen Pflastersteine der lauschigen Sitzecke unter dem Quittenbaum auf Ebay versteigert und dafür 80 Euro gekriegt, wir haben die Gartenmöbel in den Keller der Stadtwohnung geschleppt und versuchen, ein paar Pflanzen, ein Prozent der Bevölkerung sozusagen, an ein zweites Leben im Balkonkasten zu gewöhnen, als lebende Erinnerungsstücke.

Der Garten war kein Schrebergarten. Er ist Teil eines Parks gewesen, der eine Kaiserzeitvilla umgab. Unternehmer. Reich. Wasserblick. Der Sohn der Villenerbauers soll geschäftlich weniger tüchtig gewesen sein als der Vater, angeblich hat er die Firma ruiniert. In den frühen 50ern wurde der Park in Pachtgärten von 400 bis 600 Quadratmetern aufgeteilt. Der weniger tüchtige Sohn lebte von den Pächtern. Der Enkel, ein noch schlimmerer Hallodri, verkauft jetzt das Ganze.

Wir hatten den Garten, zum Teil wenigstens, wegen des Kindes gepachtet. Aber das war ein Irrtum. Das Kind ist damals bereits zehn Jahre alt gewesen, zu groß für die Freuden des Gartenlebens. Von Anfang an musste es mühsam dazu überredet werden, in den Garten mitzufahren. Das Gartenleben mit dem Kind funktionierte überhaupt nur mit Hilfe endloser Federballturniere und wurde immer schwieriger. Uns dagegen gefiel der Garten immer besser.

Alle Gärtner kennen dieses Problem. Die Kinder werden größer, finden den Garten langweilig, wollen nicht mehr. Ein Gartenbesitzer hat mir erklärt, dass es in der Abfolge der Generationen eine Gesetzmäßigkeit gibt. Wer als Kind ohne Garten in der Stadt aufgewachsen ist, der wird als Erwachsener Gärten lieben. Wer aber als Kind von den Erwachsenen gegen seinen Widerstand in den Garten geschleppt oder sogar zur Gartenarbeit gezwungen wurde, der ist mit dem Gärtnern fertig bis ans Ende seiner Tage. Die Liebe zum Garten überspringt immer genau eine Generation, wie bestimmte Obstbäume, die immer nur jedes zweite Jahr Früchte tragen.

Zu den ersten Dingen, die man im Garten lernt, gehört das Wegschneiden, das In-die-Form-bringen. Nicht nur das Gras, fast alle Pflanzen wachsen besser, wenn man sie zurückschneidet. Wenn man der Natur ihren Lauf lässt, erschöpft sie sich schnell, wie ein untrainierter Läufer, der ein Rennen zu ehrgeizig angeht. Der ungeschnittene Rasen zeigt sich nicht dankbar, sondern er zeigt Löcher und gelbe Stellen. Nach zwei oder drei Jahren ohne Mähen hat er sich entweder in eine staubige Steppe oder eine für Menschen unbegehbare, halbhoch bewachsene Buschfläche verwandelt, der Fachbegriff heißt „Verbuschung“.

Der Garten ist „Natur“, denkt man zu Beginn. In Wirklichkeit ist der Garten das Gegenteil von Natur, er ist Zivilisation. Jeder Gärtner wiederholt im Kleinen die Menschheitsgeschichte. Der Mensch macht die Natur zu seinem Diener, indem er Felder anlegt, er radiert sie aus, indem er Städte baut, er zähmt sogar seine eigene Natur, zum Beispiel indem er „Guten Appetit“ wünscht und wartet, bis alle am Tisch zu essen beginnen, obwohl er hungrig ist und das Raubtier in ihm sofort anfangen möchte. Geht hin und macht euch die Erde untertan.

Die Natur will nämlich gar keinen Rasen. Auch Rosenstöcke will sie nicht. Die ungeschnittene Rose verkümmert, wird von anderen, weniger edlen, aber stärkeren Gewächsen überwuchert, stirbt. Wachsen und Schneiden: Diese beiden Prinzipien müssen sich in einer Balance befinden, keines von beiden darf als absolut gesetzt werden, sonst funktioniert es nicht. Beides ist notwendig, die Freiheit, die man einer Pflanze gewährt, und die Grenzen, die man ihr setzt. Gärtnern macht weise.

Als wir anfingen, hatten wir natürlich, wie so viele Anfänger, diese romantische Vorstellung vom verwilderten, sich selbst tragenden Naturgarten. Wir glaubten an die Natur, die es schon irgendwie regelt. Das ist die ironische Pointe eines jeden Gartens: Man verliert den naiven Natur-Glauben. Tatsache ist, dass jeder Garten mindestens ein bisschen Arbeit erfordert, jeder, auch vermeintlich sich selbst überlassene, anarchisch wuchernde, wilde Naturgarten. Die Natur hat einfach einen anderen Geschmack als unsereins, sie stellt, sich selbst überlassen, einen langweiligen, fetten grünen Teppich her, einen Einheitsbrei ohne blühende Höhepunkte. Rohkost sozusagen. Gärtnern ist wie Kochen. Um gut zu essen, muss man mit den Zutaten etwas tun. Um die Natur zu genießen, muss man mit der Natur etwas tun.

Wer einen Garten anlegt oder mit einem Garten lebt, bekommt ein neues Gespür für Jahre und Jahreszeiten. Es ist ein Lebensgefühl, das an die Kindheit erinnert, als man noch nicht cool sein musste. Über einen Garten kann man nicht ironisch reden. Dieses Wunder, wenn die seit dem vergangenen Jahr längst vergessenen Schneeglöckchen und Krokusse wieder kommen, dann die Tulpen, die Maiglöckchen, die Pfingstrosen, der Flieder, die Rosen. Im Februar sah der Garten irreparabel hässlich aus, aber im Juni steht er wieder fast genauso da wie im Juni zuvor. Die neu gesetzten Pflanzen wirken im ersten Jahr mickrig und moribund, im zweiten Jahr haben sie sich halbwegs eingewöhnt, erst im dritten Jahr entfalten sie sich. Gärtnern heißt, Geduld zu lernen.

Während für die meisten von uns das Leben sich pausenlos zu beschleunigen scheint, vom Brief zur Email, vom Spazierengehen zum Joggen, bleibt das Tempo des Gartens unverändert. Er belohnt nicht sofort für das Gute, das man ihm tut. Er hat nicht diesen leicht durchschaubaren Reiz-Reflex-Mechanismus wie das Geschäftsleben.

Der Garten verzeiht manchen Fehler, aber man versteht ihn und seine Geheimnisse nie ganz. Warum gedeiht diese Pflanze neben jener, aber in Nachbarschaft von Pflanze Nummer drei verkümmert sie und geht ein? Warum wachsen die Himbeersträucher an dieser Stelle gut und an jener überhaupt nicht? Je länger man sich mit dem Garten befasst, desto größer erscheint einem das Meer des Unwissens, in dessen Mitte man sich befindet, und bei jedem neuen Detail, das man lernt, erfährt man von drei offenen Fragen, die man bisher nicht einmal stellen konnte. Der Garten ist ein so unendliches Wissensgebiet wie das Schachspiel, jeder Zug, den man tut – hier pflanzen wir jetzt Lilien! Da kommen Clematis hin! – öffnet den Weg zu Dutzenden möglichen Folgezügen, richtigen oder falschen. Gärtnern ist auch ein Spiel, ein sehr langsames.

Sonderbar klingt die Aussage: Gartenarbeit entspannt. Sie stimmt wahrscheinlich auch nur für diejenigen, die im Beruf hauptsächlich mit dem Kopf arbeiten, für die Mehrheit der angestellten Büromenschen. Im Garten tut der Körper etwas, der Geist aber bleibt frei und darf während der Arbeit herumfliegen.

Beim Ausrupfen des Unkrauts und Pflücken der Quitten ist so wenig Konzentration erforderlich, dass sich währenddessen sehr gut nachdenken lässt, besser als im Café, wo einen immer irgend etwas ablenkt. Voltaire verwendete den Begriff „Philosophischer Garten“ für Gärten, die vor allem dazu da sind, dass ihre Besitzer in ihnen denken. Platon kaufte im Jahr 388 vor Christus einen Garten, den Hain des Akademos, um dort zu denken und unter den Olivenbäumen mit seinen Schülern zu diskutieren. Das Wort „Akademie“ kommt von daher.

Im Büro gibt es gnadenlose Termine, im Garten kann fast alles sowohl heute als auch morgen oder übermorgen erledigt werden, wenn auch nicht in 14 Tagen, dann ist die Natur schon einen Schritt weiter. Gärtnern ist ein entspannter Sport.

Mir fällt auf, dass ich das Wort „Unkraut“ verwende. Ein Wort, das politisch nicht mehr korrekt ist, korrekt heißt es „Wildkräuter“. Jedes Pflänzlein hat sein Lebensrecht, soll damit wohl ausgedrückt werden, keines ist schlechter als das andere. Ja, sicher. Trotzdem beharre ich darauf, dass im Garten keine Demokratie herrscht, sondern die Diktatur des Gärtners. Gärtner und Gärtnerin dürfen nicht einfach alles wachsen lassen, weil sonst kein Garten zustande käme, sondern ein Urwald. Es muss ausgerupft werden und gestutzt, das einzige Kriterium kann dabei nur der persönliche Geschmack sein. Gärtnern ist Machtausübung.

Ich behaupte, dass ein Garten einen die schlechten Tage leichter ertragen lässt und den Genuss der guten Tage vergrößert. Der Garten wirkt belebend oder beruhigend, je nach Bedürfnis. Diese Eigenschaft besitzt außer dem Garten nur noch der Tee.

Zum Garten gehören die warmen Abende, in denen man draußen sitzt und in den Nachthimmel schaut, zum Beispiel mit einem Glas Wein in der Hand. Zum Garten gehören die Freunde, die zu Besuch kommen und kurze Hosen tragen. Zum Garten gehören auch Leute, die über den Zaun schauen und mit denen man eines dieser typischen Zehn-Minuten-Zaun-Gespräche führt, in denen es um nichts Besonderes geht. Zum Garten gehören die Nüsse, die man sammelt, und das Obst, das man erntet. Zum Garten gehört, dass man wochenlang anderen Menschen bis hart an den Rand der Peinlichkeit Marmelade aufdrängt, denn man hat davon immer zu viel.

Zum Garten gehört, dass man Nahrung, zum Beispiel Marmelade, oder Getränke, zum Beispiel Saft oder Likör, zum ersten Mal im Leben von allem Anfang an selber herstellt, aus einem Stück Obst, das man schon gekannt hat, als es noch eine Blüte war. Zum Garten gehören Eichhörnchen, also die Affen Deutschlands, Vögel und Maulwürfe und Mückenstiche, überhaupt: das wilde Tier. Nicht das Haustier, nicht das Zootier, nicht das Reh fern im Wald, sondern das Tier als freier, unabhängiger Nachbar, als Konkurrent im Kampf um die Nüsse oder als Blutsauger. Garten ist Zivilisation, und trotzdem ahnt man noch etwas von den brutalen Gesetzen der Natur.

Verteidige dein Obst. Kämpf um deine Nüsse. Töte die Moskitos. Alle. Und dann leg dich in den Liegestuhl.

Man bestreut die Schnecken mit reichlich Salz, das tötet sie schnell. Man kann sie an die Hühner verfüttern, Hühner mögen Schnecken. Man kann in die Beete halbvolle Plastikbecher mit Bier eingraben, da kriechen sie rein und ersaufen. Denn Gärtner können auch böse werden.

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