Zeitung Heute : Der Grünen doppeltes Leid

THOMAS KRÖTER

Mal klingt es dumpf, mal eher schrill - aber immer bedrohlich: Das Totenglöcklein.Früher läutete der Hit unter den journalistischen Floskeln der Bonner Republik den Liberalen.Doch mit dem dritten Platz im Parteiensystem und der Funktion des regierungsamtlichen Juniorpartners haben die Grünen von der FDP auch die Erkennungsmelodie geerbt.Tausendmal gehört, nie etwas passiert? Die jahrzehntelanger Todesangst abgetrotzte Überlebensgewißheit geht den Grünen ab.Das Zähneklappern ist am lautesten bei jenen zu vernehmen, die im Ruf größter politischer Professionalität stehen: Bei Joschka Fischer und jener Gruppierung, für die der Name "Realos" sich eingebürgert hat.Das verleiht dem dumpfen Gefühl die Weihe höherer Weisheit, zumal es von der Crème der professionellen Parteibeschauer bestärkt wird.

Droht also der grüne Exitus, weil es im ersten Halbjahr der Regierungsbeteiligung auf Bundesebene mehr als nur ein wenig holpert, weil die erste Landtagswahl nach der rot/grünen Regierungsbildung im Bund ausgerechnet in Fischers "Stammland" Hessen verlorenging? Die politische Linke ergötzt sich traditionell an Untergangsszenarien - früher war es der Kapitalismus, später war es die Umwelt.Verschwunden ist lediglich der Sozialismus.Ausgerechnet nach ihrer bis zur Regierungsbeteiligung erfolgreichen Resozialisierung, berauschen sich Revolutionäre von einst nun an der Vorstellung, mit ihnen sei es bald vorbei.Fin-de-siècle-Stimmung.Doch keineswegs jeder Paranoiker wird nicht verfolgt.Die Liberalen sind eine über Jahrzehnte gewachsene Partei mit Wurzeln, die bis weit in dieses Jahrhundert zurückweichen.Aus den Anwaltskanzleien und Chefetagen ist es zudem kein so weiter Weg zur politischen Professionalität wie aus der Welt der Demos und der Hüttendörfer.In historischer Perspektive haben die Grünen die Realpolitik schneller gelernt als die Sozialdemokratie.Aber die Zeiten sind schneller geworden.Der Parteitag in Erfurt hat (wieder einmal) bestätigt, daß die Grünen auch insofern zur ganz normalen Partei geworden sind, als sie sich mit der solchen politischen Organismen eigenen Schwerfälligkeit bewegen.

Joschka Fischer wollte die Gangart beschleunigen.In einem Furioso öffentlicher und halböffentlicher Initiativen ließ er keinen Zweifel: Der bekannteste und gesellschaftlich mit Abstand bestangesehene Grüne ist unzufrieden mit seiner Partei.Sie soll Abschied nehmen von der vielfach verquoteten Folklore ihrer bunten Oppositionsjahre und endlich einen effektiven Apparat mit klaren Entscheidungsstrukturen schaffen, der mehr ist als der in Ämter gegossene Kompromiß der Parteiflügel.Aber ausgerechnet der Profi der Profis vergaß eine Grundregel politischen Handwerks: Greife den eigenen Verein nie von außen an! Interviews bringen Nachrichtenpräsenz, an den Delegiertentischen der Parteitage heizen sie den Widerspruchsgeist an.So wird der Grüne zum Bajuwaren: Mir san mir!

Daß die Grünen dennoch durchaus lernbereit sind, dokumentiert ihre Häutung von der radikalpazifistischen Partei zu einer, die in Erfurt der militärbewehrten Friedenspolitik auf dem Balkan ihr Jawort gab.Die organisationspolitische Trotzkopferei hat jedoch wenigstens aktuell ein vernünftiges Element.Sie bildet - wenn auch am falschen Objekt - einen demonstrativen Kontrast zur hektischen Dauerrevision eigener Positionen, mit der Gerhard Schröder auf politischen Widerstand reagiert.Dies verweist auf einen Umstand, der für die Grünen mindestens ebenso gefährlich werden könnte wie die eigene Malaise: Solange der große Koalitionspartner keine konsistente Politik betreibt, solange er dazu neigt, eigene Probleme zu Lasten des Juniors zu entsorgen, solange, mit anderen Worten, der Bundeskanzler nicht von seinem Vorgänger Helmut Kohl lernt - so lange haben die Grünen auch noch ein Problem, das zu lösen nicht in ihrer Macht steht.Das enthebt sie nicht der Verantwortung, ihren Laden auf die Höhe der Zeit zu bringen, aber es relativiert, doppeltes Leid, die Tragweite selbst eines Erfolges.

Auch da lugt die Erfahrung der FDP ums Eck: Doch die sah erst im Herbst des Patriarchen Kohl Anlaß, sich von ihrem Partner abzusetzen.Sollten Grüne und SPD schon an den Anfangsproblemen scheitern - wer hätte dann das Überleben verdient?

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