Zeitung Heute : Der Guru der Rucksack-Touristen

Der Tagesspiegel

Von Annette Kögel

„Man muss sich mit Riesenkakerlaken und Schwärmen von Moskitos genauso auseinandersetzen wie mit völlig fremdartigem Essen, stunden- oder gar tagelangen Reisen auf Holzbänken in der Eisenbahn – wenn es die überhaupt gibt. Bei Dschungeltrips hat man Beine und Hals voll mit Blutegeln, nachts schläft man einfach auf dem Boden. Nicht zuletzt muss man sich mit der völlig anderen Mentalität der Menschen auseinandersetzen. Aber gerade das ist das interessante an derartigen Reisen.“

Stefan Loose (ITB, Halle 24) liest – und lächelt. Die Sätze stammen aus seiner eigenen Feder, doch das maschinengetippe „Südostasien-Handbuch“ ist schon ziemlich vergilbt. 1978 hat er das geschrieben, und damit begann für den heute 56-jährigen Kreuzberger zugleich eine aufregende berufliche Reise: Autor, Übersetzer, Lizenznehmer, Verleger, Unternehmer. Heute gilt „der Loose“ bei Touristen, die gern auf eigene Faust unterwegs sind, als die Bibel unter den Reiseführern. Doch jetzt zieht sich deren Schöpfer aus eigenem Willen als Verleger zurück. Mit den Investitionen, die künftig anstehen, um einen Reiseverlag internetkompatibel zu machen, wollte er sich nicht überheben: „Künftig werden die Leute ihre Bedürfnisse in den Computer eingeben und maßgeschneiderte Infos fordern.“ Stefan Loose hat zwar bis heute sechs von zwölf Monaten Feldforschung als Autor betrieben. „Aber ich will noch mehr Zeit haben fürs Reisen.“ Die „Stefan Loose“-Bücher in knalligem Orange wird es künftig weiter geben – als eigene Marke im Du-Mont-Verlag.

Treffpunkt dort, wo der Verlag des früheren Industriekaufmanns, Englisch- und Politik-Studenten, Referendars und Taxifahrers seit drei Jahren Zuhause ist. Vom Großraumbüro an der Zossener Straße schweift der Blick über dunkle Dächer, kahle Bäume. Draußen Großstadtgrau, drinnen die große, weite Welt. Auf einem Schreibtisch liegen Muscheln im Schälchen, an der Wand hängen Speere und Bilder, als Raumteiler dienen handgemachte Decken. „Ikat-Vorhänge, von den kleinen Sunda-Inseln“, sagt Loose. Woher sonst. Das Herz des Selfmade-Verlegers schlägt für Indonesien, seitdem er zum ersten Mal den Rucksack gepackt hat.

Als Stefan Loose Ende der 70er Jahre seine Reiseerlebnisse samt Infos zu Fortbewegung, Unterkünften, Kultur und Lebensweisen der Einheimischen aufschrieb, um sich weitere Trips zu finanzieren, ahnte er nicht, dass er ein Vierteljahrhundert später selbst jener Berufsgruppe angehören würde, über die er sich im Erstlingswerk noch mokierte. „Nach der ganzen Tipperei, die Renate und mich viele schlaflose Nächte oder Morgen mit anschließenden Besäufnissen in Berliner Kneipen gekostet hat“, entschloss sich Loose damals, Kontakt aufzunehmen mit „Deutschlands Druckergilde“. Mit „Vertriebsmenschen“, die staunten „über so viel Verrücktheit eines selbst ernannten Autoren und Verlegers“: Sie „stellen solche Fragen nach der Anzahl meiner Mitarbeiter – als könnte ich mir hier an meinem langen Schreibtisch einen einzigen bezahlten Mitarbeiter leisten“.

Konnte er doch. Zuletzt waren im Stefan-Loose-Verlag mit 200 Quadratmeter Bürofläche acht Mitarbeiter beschäftigt. 100 000 Reiseführer made in Kreuzberg werden jedes Jahr verkauft, gut dreißig Titel stehen auf der Verlagsliste. Längst gibt Loose selbst Vertriebsschulungen oder wird als Auslandsexperte von den Medien befragt.

Früher bat er noch seine Leser um Tipps und Infos. Heute pflegt er eine umfassende Adressenkartei, und jeden Tag schicken Dutzende Rucksackreisende seitenweise Briefe und E-Mails mit detaillierten Infos zu Land und Leuten.

Jede Nation reist anders, weiß Loose. Englischsprachige Literatur wie der „Rough Guide“, dessen Lizenznehmer er ist, enthält zum Beispiel viele Hinweise für Vogelfreunde. „Deutsche wollen eher exakte Busfahrpläne.“ Auch wenn sich in Sibu-Bintulu oder Negeri Sembilan niemand daran hält. Hintergründe zu Politik und Gesellschaft werden auch von der Berliner Kundschaft gern gelesen. „So kommt niemand auf die Idee, mit der Kamera auf buddhistische Götterfiguren zu klettern, mit Badehose ins Restaurant zu gehen oder oben ohne in einem muslimischen Land an den Strand.“ Auch wenn Individualtouristen den Weg bahnen für nachfolgende Pauschalurlauber, ist ihm die Garde der Rucksackträger lieber als jene der Rollkofferzieher. „Sie lassen ihr Geld eher bei den Einheimischen.“

Als Looses zweiter Sohn Mischa anderthalb Jahre alt war, reisten sie zu Dritt durch die Lande. Geht das, mit Kind? In Indonesien kein Problem. „Da treffen Sie auf Millionen potenzielle Babysitter.“ Jetzt, wo „alle Babys groß sind“, also Kinder und Verlag, will der Kreuzberger wieder „back to the roots“. Nicht mehr nur mit Notizblock und Laptop durch die Lande reisen, sondern auch mal mit mehr Muße durchs südliche Afrika oder von Australien über Neuseeland bis nach Chile.

Seine ehemaligen Mitarbeiter haben die „Bintang GmbH“ gegründet: fünf Mitarbeiter, „fünfzackiger Stern“. Ihnen will Loose jetzt „auf die Beine helfen“. Er fungiert als Autor und Berater, seinen Markennamen hat er dem Großverlag Du Mont auf eigenen Wunsch verkauft. Da weiß er alles in guten Händen. Die Frage, ob das nicht irgendwann einmal langweilig wird, das ständige mit dem Rucksackkoffer herumziehen, erübrigt sich von selbst. Das Leuchten in den Augen, wenn der Herr des Reisens von seinen Touren erzählt, ist in keinem Reiseführer beschrieben.

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