Zeitung Heute : Der halbierte Held

Er flog als erster Deutscher um die Erde, 125 Mal, bekam einen Staatsempfang, Orden, Denkmäler: Sigmund Jähns Weltraumreise vor 30 Jahren war ein Großspektakel – aber nur in der DDR. Heute sagt er: „Das war nicht ich“

David Ensikat[Morgenröthe-Rautenkranz]

Reden hat er halten müssen, immer wieder. Aber nie waren es seine Reden. Andere haben sie für ihn geschrieben, Leute, die zwar keine so große Reise gemacht hatten wie er, die sich aber besser auskannten mit den großen Worten. Er fand das in Ordnung, weil er kein Mann der großen Worte war. Er sah ein, dass man sie von ihm erwartete.

Einmal aber, es war in einem vogtländischen Dorf namens Morgenröthe-Rautenkranz, da sprach er einfach, was ihm einfiel. In Morgenröthe-Rautenkranz war er aufgewachsen, dort kannten sie ihn von früher. Die großen Worte hätten sie ihm nicht geglaubt.

Sigmund Jähn, das ist der Mann, der vor 30 Jahren, am 26. August 1978, in den Weltraum geflogen war, als erster Deutscher. In der DDR war er ein Held, der Westen interessierte sich nicht für ihn. Wir wollen sehen, was aus ihm geworden ist, aus seinem Heldentum, wir besuchen Morgenröthe-Rautenkranz, den Ort, in dem er geboren wurde, und wo ihm die DDR zum Dank ein Wochenendhaus aufgestellt hat. Das neue Deutschland hat in Morgenröthe-Rautenkranz ein Weltraummuseum abgeworfen, Jähn sei Dank und Jähn zum Ruhm. Wie muss einer sein, dem solches widerfährt?

Nach dem Weltraumflug absolvierte Sigmund Jähn eine Jubeltour durch die DDR, in den Städten hielt er die Reden der anderen, in Morgenröthe-Rautenkranz seine eigene. Was er da sagte, ist nicht überliefert, nur dieser eine Satz, an den kann sich eine Frau aus dem Dorf noch gut erinnern. Elisabeth Fränzel ist ein paar Jahre älter als Sigmund Jähn, sie ist immer mit seiner Mutter in die Kirche gegangen. Und im September 1978 war der Sigmund da, der Sigmund, der früher nie was gesagt hatte, und für den sie an diesem Tag vorm Gasthof "Frisch-Hütte" eine Tribüne aufgebaut hatten. Alle Rautenkränzer waren gekommen und außerdem viele Herren in Jacketts mit Parteiabzeichen, die Elisabeth Fränzel gar nicht kannte. Und Sigmund auf der Tribüne sagte diesen Satz: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein."

Elisabeth Fränzel ist noch heute ganz sonderbar zumute, wenn sie sich daran erinnert: "Mensch Siiiiiiigmund, denke ich, weißt du denn, was du da sagst?! Das ist doch aus der Bibel!"

In der Bibel geht der Satz nämlich weiter: " … sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht." Das hat der Sigmund bestimmt nicht geahnt, und die Herren mit den Jacketts und den Parteiabzeichen noch viel weniger. Nur die fromme Elisabeth Fränzel wusste, wie ketzerisch der Kosmonaut da war, ganz aus Versehen, als er mal frei gesprochen hatte.

Elisabeth Fränzel ist, wie überhaupt alle hier im Dorf, sehr stolz auf Sigmund Jähn, das erste, was sie sagt, als man sie nach ihm fragt, ist: "Vom Sigmund kann ich nur das Beste sagen. Nur das Beste. Ein ganz feiner Kerl ist das." Und wenn sie sich erinnert an die alte Zeit, wie das war vor 30 Jahren, als sie erfahren hatte, dass sie den Sigmund ins Weltall geschossen hatten, da steigen ihr die Tränen in die Augen: "Na stolz waren wir. Und dann haben wir uns solche Sorgen gemacht, dass der wieder heil runterkommt."

Die Jubelfeiern hinterher fand sie natürlich erstaunlich, alles wegen Sigmund. "Aber warum soll denn nicht auch mal ein einfacher Mann von hier ein Held werden, den sie auf die Briefmarken drucken?"

***



Der Held kommt fünf Minuten vor der Zeit. Um fünf vor neun am Morgen steht er im Speiseraum der "Frisch-Hütte", die er Journalisten und Raumfahrern gern empfiehlt, 32 Euro die Nacht, Holz an den Wänden und in der Gaststube ein Bild von einer startenden Rakete mit vielen Unterschriften drauf, allesamt von Männern, die schon mal ins All geflogen sind. Solche kommen hier öfter vorbei.

Sigmund Jähn gilt immer noch als Held, wo man ihn kennt, im Osten Deutschlands. Im Osten gibt es Schulen, die nach ihm benannt sind, schon heute, da er noch lebt, noch heute, da die meisten Ost-Schulen längst neue Namen tragen. Im Osten wird man bestaunt, wenn man sagt, man würde Sigmund Jähn treffen. Man könnte genauso sagen, man hätte einen Termin mit dem Ampelmännchen.

Westdeutsche verstehen das nicht, denn die Westdeutschen waren immer die Stärkeren. Sie haben solche Helden nicht gebraucht. Einen Jähn brauchen die Schwächeren, einen Mann, auf den sie stolz sein können, weil er einer von ihnen ist und weil er es den Stärkeren trotzdem gezeigt hat. Logisch, dass das die Stärkeren nicht so interessiert hat. Als sie sich in der DDR überschlugen mit dem Jubel, "Der erste Deutsche im All - ein Bürger der DDR" hieß die verordnete Schlagzeile, da gab es in den Westzeitungen ein paar kleine Meldungen. Im Tagesspiegel nannten sie ihn auch mal "Sigmund Jensch".

Vor 30 Jahren also ist aus dem Kampfpiloten und NVA-Major der "Fliegerkosmonaut" geworden, das Maskottchen eines kleinen Landes, in dem sie Witze machten wie diesen hier: Welches sind die drei größten Länder der Welt mit U am Anfang? - UdSSR, USA, Unsere Deutsche Demokratische Republik. Es öffnet sich die Tür der "Frisch-Hütte", und er steht da, und er sieht aus - wie eine Art Sigmund Jähn. Er ist jetzt 71, aber das macht gar nichts, denn mit seiner 50er-Jahre-Frisur sah er schon vor 30 Jahren viel zu alt aus.

Das passte ja zu seiner Rolle: Ein Held der DDR gleich neben Adolf Hennecke, dem Bestarbeiter aus dem Jahr 1948. Nur dass der nicht zu den Sternen geflogen ist, sondern Kohle gehauen hat; drum war er auch viel schmutziger. Sigmund Jähn ist immer sauber geblieben. Mit den jetzt weißen, sorgfältig nach hinten gekämmten Haaren, dem freundlich breiten Lächeln trägt er längst Zivil, weiße Jeans, braune Wildlederjacke überm orangefarbenen Polohemd. Als Helden kannte man ihn nur in Uniform, während seiner Heldentat im Weltraumfahreranzug, während der Heldentatenfeiern in der NVA-Parade-Uniform.

"Guten Tag, Herr Jähn, schön, dass Sie gekommen sind. Und dann auch noch so früh!" - "Aber wir waren doch verabredet… Elke! Du, Elke, wir bleiben gar nicht lange. Wir machen ganz schnell, dann kannste zumachen."

Elke ist die Wirtin. Sie winkt ab. "Nee Sigmund, für dich hab ich immer auf. Das weißt du doch." Elke wird ihm später noch erzählen, dass die Tochter ihrer Freundin letzte Woche gesagt hat: "Du, Mutti, ich hab dich fast noch lieber als den Sigmund Jähn!" Wen wundert das in einem Dorf, in dem am Ortseingang das Schild steht "Geburtsort des 1. deutschen Kosmonauten"? Auf der anderen Straßenseite stehen zwei großen Holzfiguren, ein Wichtelmann und ein Knollennasentyp im Weltraumfahreranzug mit Blumenstrauß in der Hand.

Der Knollennasentyp sieht dem echten Weltraumfahrer ungefähr so ähnlich wie die erste Sigmund-Jähn-Büste, die Sigmund Jähn einzuweihen hatte. In Berlin war das, kurz nach seiner Heimkehr im September 1978. "Ich hab gelacht über die Büste, weil die so anders aussah als ich. Aber das war ja auch richtig, so hab ich das ja auch verstanden: Das war gar nicht ich, das war der Kosmonaut."

An diesen Punkt kommt man immer wieder, wenn man sich mit Sigmund Jähn übers Sigmund-Jähn-Sein unterhält. Der Held, das ist der Kosmonaut, und der Kosmonaut hätte ebensogut ein anderer sein können. Man kann sagen, dass Sigmund Jähn seit 30 Jahren eine Rolle spielt.

Dabei ist er alles andere als ein Schauspieler. Der Offizier kommt manchmal durch. "Können Sie auch operativ reagieren?", hat er gefragt, als es um den Treffpunkt ging. Dann erkundigt er sich: "Haben Sie denn auch gedient?" Und auf die Frage, wie es einem ging, der andauernd Reden zu halten hatte, die nicht die seinen waren, sagt er: "Ich hab A gesagt, also musste ich auch B sagen. Als Offizier macht man das so."

Das B-Sagen begann ein paar Minuten vor dem Start. Jähn lag neben seinem sowjetischen Raketenkommandanten in der Kapsel, unter ihnen viele Tonnen Kerosin, über ihnen eine Kamera, in die er einen Text hineinzusprechen hatte, der vom Politbüro der SED beschlossen worden war: "Mir, einem Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, ist als erstem Deutschen die große Ehre zuteil geworden, mit dem sowjetischen Raumschiff Sojus 31 in den Kosmos zu fliegen … Ich widme meinen Flug dem 30. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, meinem sozialistischen Vaterland." Dabei war zweierlei bedeutsam. Erstens: Jähn war Deutscher, ganz offiziell. Das fiel ihm auf. Da musste einer erst diese Erde verlassen, um der größeren Nation angehören zu dürfen. Ein Superreisekader. Und zweitens: Jähn durfte sich auf keinen Fall versprechen. Sein Text lag ja längst in den Zeitungsredaktionen. Und jetzt sahen sie ihn zu Hause im Fernsehen, ab jetzt war er viel mehr als nur der Jagdflieger mit eineinhalbjähriger Kosmonautenausbildung.

Er flog um die Erde, 125 Mal, beantwortete nach bestem Wissen und Gewissen Fragen von DDR-Reportern über Funk ("Genosse Jähn, wie sieht unsere Republik aus dem Kosmos aus?"), fotografierte die leuchtende Kugel mit einer Forschungskamera aus DDR-Produktion, zog sich bei der harten Landung einen Wirbelsäulenschaden zu und absolvierte noch zwei Wochen lang Termine in der großen Sowjetunion. Was ihn in seiner Heimat erwartete, ein Starrummel, wie es ihn zuvor und danach nie gab, ahnte er nicht. "Man wusste natürlich, wie das mit dem Gagarin gewesen war", sagt er, "aber das war 17 Jahre her. Bei den Russen war die Weltraumfahrt inzwischen Normalität." Seine Frau durfte vorfahren in die DDR, um sich für die Empfänge im Intershop neu einzukleiden; sie warnte ihn: "Sigmund, mach' dich auf was gefasst!"

Es wurde ihm ein Staatsempfang bereitet, mit Erich Honecker fuhr er im offenen Tschaika durch Berlin, am Straßenrand jubelten die Leute und schwenkten ihre Winkelemente, als wär's der 1. Mai. Man steckte ihm Orden an, man schickte ihn in die Bezirke und Betriebe, es erschienen Jähn-Bildbände. Zeitungen, Plakate, Briefmarken - von überall her lächelte der weitgereiste Vogtländer seine Landsleute an, die man immer noch davon abhalten musste, den nahen Westen zu bereisen, obwohl mit Jähns Flug die Überlegenheit des Sozialismus so eindrucksvoll bewiesen worden war. Wie das für einen bescheidenen Menschen wie ihn war, als Propagandafigur herzuhalten, dazu muss man Sigmund Jähn nicht befragen. Wenn er eine seiner wenig beantwortenden Antworten gibt, etwa der Art: "Na, das war ja auch nicht unbedingt nur schlimm. Die Leute kamen ja freiwillig zu den Veranstaltungen", dann unterbricht er sich selbst: "Ich komm schon wieder ins Erzählen. Fragen Sie doch mal weiter."

Kann er nichts preisgeben, oder will er es nicht?

Er will es allen recht machen, bloß niemandem zu nahe treten. Seinen Freunden von damals, aus der DDR nicht und schon gar nicht den Leuten aus dem Westen, mit denen er es wegen der Weltraumfahrerei zu tun hat. Ein Reporter wird nichts Zwiespältiges von Sigmund Jähn über die DDR erfahren. Warum auch? Er verdankt dem Land einen Flug zu den Sternen. Außerdem ist er Marxist, sagt er, das kann man nicht so einfach abstreifen. Dann unterbricht er sich wieder: "Aber das ist doch ganz egal, darüber muss man gar nicht reden."

Eine Geschichte erzählt Sigmund Jähn, die beschreibt seinen Stand zwischen den alten Fronten, die es gar nicht mehr gibt, ganz gut: Es war Sommer 1990, die Bundesregierung wollte mit den Russen ein Raumfahrerausbildungsprogramm aushandeln, und Sigmund Jähn sollte vermitteln. Jetzt stand er in Zivil da, im Dienst der BRD-Regierung und sollte dem Chef der sowjetischen Raumfahrt, General Schatalow, die Hand reichen. Sigmund Jähn, die treue Seele, war nervös: Was würde der General von ihm denken? War er ein Überläufer?

Der General umarmte ihn. Jähn war ein Deutscher, für die Russen sowieso schon immer. Und die bundesdeutschen Regierungsvertreter sahen, dass man mit dem Kosmonauten a. D. in Russland etwas anfangen konnte. Er war jetzt Türenöffner. Und ihm fiel ein Fels vom Herzen. Alle mochten ihn, und er war nützlich. Mit dem Job, Verbindungsmann und Berater der Europäischen und Deutschen Raumfahrtagenturen, verdiente er bis vor kurzem noch sein Geld.

Herr Jähn, wie ist das, wenn man mal ,Held der DDR' war, und dann gibt es die DDR auf einmal gar nicht mehr? Man ist auf einmal nur noch Mensch. "Wissen Sie, ich hab ja auch den Orden ,Held der Sowjetunion'. Der ist noch gültig. Die gehen da ganz anders mit ihren Leuten um."

Und woran merkt man das?

"Zum Beispiel auf dem Flughafen. Wenn ich in Moskau ankomme, dann kann ich in den VIP-Bereich, oder wie das heißt."

Außerdem erkennen ihn die Leute im Osten noch immer. Und sie sind so freundlich. Hätte ja auch anders kommen können. 1990, als die alten Helden nichts mehr galten, stieß jemand in Berlin einen Juri-Gagarin-Bronzekopf vom Sockel. Sigmund Jähn bat darauf den Bürgermeister, die Jähn-Büste zu entfernen, bevor sich daran einer vergehen würde.

Im Februar 2008 haben sie woanders eine Jähn-Büste wiederaufgestellt: in Kamenz, an der ehemaligen NVA-Fliegeroffiziersschule, die jetzt Verwaltungszentrum ist. Der sächsische Ministerpräsident war dabei, Sigmund Jähn sowieso. Wenn er davon erzählt, klingt das zwar stolz, aber es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass Jähns Abstraktionswille gegenüber einer Jähn-Büste inzwischen noch viel stärker ist als 1978. Im Jahr 2008 steht so ein Ding nicht mehr für den Kosmonauten. Auch nicht für die Leistung eines einzigen Lebens. Es geht um die Anerkennung der Leistungen eines ganzen Landes, das nichts mehr gilt, dem Menschen wie Sigmund Jähn aber alles zu verdanken haben.

In Morgenröthe-Rautenkranz steht ein blaugrauer riesiger Container, das Museum, das sie hier abgeworfen und vergessen haben. Die "Internationale Raumfahrtausstellung", die Fortsetzung der Sigmund-Jähn-Ausstellung aus der DDR-Zeit mit bundesdeutschen Mitteln. Der deutsche Kosmonaut spielt darin nicht mehr die Hauptrolle, das betont er gern. Aber irgendwie tut er es doch. In der Abteilung, in der es um ihn und seinen Flug geht, wird das Thema konkret. Da hängt der Trainingsanzug, den Jähn in der Raumstation getragen hat, ein FDJ-blaues Baumwollstück, das unter Leuten, die nach Jähns Flug geboren wurden, als hip und retro gelten könnte.

Wir laufen hinüber, von der "Frisch-Hütte" sind es hundert Meter. Sigmund Jähn ist stolz auf das Museum, er zeigt es gerne. Aber ganz wohl ist ihm nicht. Wegen der Schulklassen. Um die Zeit, vormittags, werden sie hier abgeladen, und wenn sie ihn erkannt haben, kommt er überhaupt nicht mehr los. Auch den Erwachsenen, die ihn erkennen, muss er Autogramme geben. Ganz selbstverständlich tut er das, freundlich und verbindlich, als sei er es den Leuten schuldig.

An einem Computerterminal kann man sich alte Tonaufnahmen anhören, auch sein erstes B-Sagen, "Ich widme meinen Flug …" Der Held von einst lächelt verlegen, "Naja, ist lange her. Aber schlecht war's nicht."

Um die Ecke tönt Lärm, gleich sind die Schüler da. Sigmund Jähn muss los. "Mensch, meine Frau wartet doch auf mich."

Im Museum hängt wie in der "Frisch-Hütte" eine Weltraumfahrerunterschriftensammlung, alle Autogramme in schnittig steiler Handschrift von links unten nach rechts oben. Am besten leserlich: "Sigmund Jähn". Auf die Frage, warum er sich beim Unterschreiben immer so große Mühe gibt, hat er gesagt: "Das muss man doch. Ich bin doch kein Kombinatsdirektor."

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