Zeitung Heute : Der Hass, der meinen Freund tötete

Der Tagesspiegel

Von Ashwin Raman

Schon am frühen Morgen des 1.März merkte Ehsan Jafri, dass etwas nicht stimmte. Immer mehr Menschen liefen auf der Straße vor seinem Haus zusammen. Die Spannung war zu spüren. Zwei Tage zuvor waren in Godhra, 50 Kilometer westlich von Ehsans Heimatstadt Ahmadabad, 58 Hindus von aufgebrachten Moslems ermordet worden. Ehsan Jafri, Abgeordneter des indischen Parlaments und selbst Moslem, war alarmiert. Wenige Stunden später lag er auf der Straße vor seinem Haus, er lebte noch, dann übergossen ihn Hindus aus der Stadt mit Kerosin und zündeten ihn an. Seine Frau hat den Leichnam ihres Mannes bis heute nicht zurückbekommen.

Es ist grausame Ironie: Im selben Monat und am selben Ort, wo vor 72 Jahren Mahatma Gandhi seinen Salzmarsch, eine der berühmtesten gewaltfreien Aktionen, begann, erlebt Indien eine der blutigsten religiösen Ausschreitungen seiner Geschichte. Es war der 12. März 1930, als Gandhi, den Bambusstab in der Hand, von hier aus Richtung Meer aufbrach, das 400 Kilometer westlich liegt. Tausende folgten ihm. 24 Tage später kamen sie am indischen Ozean an. Nach einem Bad im Meer bückte sich Gandhi und nahm ein Stück abgelagertes Salz in die Hand. Das war eine Geste des Protests gegen das britische Salzmonopol. Sie wurde zum Symbol des gewaltlosen Widerstandes.

Ehsan Jafri, der Moslem, und ich, ein Buddhist, waren noch nicht auf der Welt, als sich Gandhi auf den Weg zum Meer machte. Aber unsere Eltern waren mitmarschiert und ließen keine Gelegenheit aus, uns von diesen Ereignissen zu berichten. Mein Vater erzählte uns Kindern immer wieder, wie die Engländer ihn auf dem Marsch mit Stöcken geschlagen hätten. Wir mussten dann zum Beweis eine Stelle an seinem Kopf fühlen, wo eine Narbe geblieben ist. Ehsan und ich gingen zusammen in die Universität in Ahmadabad, wir flirteten mit den gleichen Frauen und pumpten uns Geld voneinander. Zu den moslemischen Festen, wurde ich in sein Elternhaus eingeladen, und jedes Diwali, wie Hindus und Buddhisten das Neujahrsfest nennen, kam er zu uns.

Später wurde Ehsan Abgeordneter des indischen Parlaments und ich Reporter bei der „Times of India“. Immer wieder klagte er, dass wir Journalisten so wenig zu einem friedlichen Zusammenleben von Hindus und Moslems beitragen würden. „Ihr schreibt nur etwas, wenn es Ausschreitungen gibt“, sagte er dann. Bewusst lebte er seit 1969 in einem Hindu-Stadtteil der Sechs-Millionen-Metropole Ahmadabad im Bundesstaat Gujarat.

Am 1. März wurden Ehsan, seine Schwester, sein Schwager und seine beiden Söhne Opfer der Ausschreitungen, die nach offiziellen Angaben 522 Tote forderten. Andere sprechen von mehr als 2000 Toten. Ehsans Frau Rasia überlebte. In mehreren Telefongesprächen schilderte sie mir ihre Fassungslosigkeit: „Wir haben doch so lange mit den Hindus zusammengelebt, die Kinder haben miteinander gespielt, und wir haben fast täglich zusammen Tee getrunken. Die gleichen Leute haben zugesehen, als mein Mann getötet wurde, einige haben sogar mitgemacht.“

Es war die Rache für das Massaker von Godhra, für die Ermordung der 58 Hindus. Mit jeder Stunde wurde die Zahl der Hindus vor Ehsans Haus größer. Erst waren es Hunderte, dann waren es Tausende. Verzweifelt versuchte Ehsan Polizei und Hindu-Politiker über das Telefon zu Hilfe zu rufen. Ohne Erfolg. „Um halb elf sagte mein Mann weinend zu mir, ,bitte geh’ jetzt hoch’. Kurz danach fing die Menge vor unserem Haus an, Steine zu werfen. Unsere zwei Söhne versuchten das Tor zu schließen. Sie wurden durch Messerstiche getötet“, erzählt Rasia. Mit Warnschüssen in die Luft suchte Ehsan noch, die Menge fernzuhalten. Umsonst. Die Eindringlinge überwältigten ihn, zogen ihn auf die Straße und zündeten ihn an. Auch 19 umliegende Häuser wurden in Brand gesetzt. „Die Polizei hat uns nicht geholfen“, sagt Rasia, „im Gegenteil, sie hat sich sogar an den Gewalttaten beteiligt. Ich habe die Polizisten angefleht, die Leiche meines Mannes zu suchen, damit ich ihn beerdigen kann.“ Jetzt wohnt die Witwe bei Verwandten und wartet auf den Leichnam ihres Mannes.

In den letzten Jahren hat sich das Stadtbild von Ahmadabad verändert. Die Moslems, die zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen, leben in aller Regel von den Hindus getrennt. Der Fluss Sabarmati teilt die Stadt in zwei Hälften. Tagsüber bewegen sich die Menschen zwar noch in allen Teilen der Stadt. Sobald es aber dunkel wird, bleiben Hindus und Moslems in ihren eigenen Vierteln.

Viele fragen sich nun, warum es ausgerechnet im Bundesstaat Gujarat mit seiner ausgeprägten gandhianischen Tradition zu solchen Exzessen der Gewalt kommen konnte. In einer Studie im Auftrag der Landesregierung versucht der Sozialwissenschaftler Achyut Yagnik Antworten zu finden. „Der Wirtschaftsboom der 60er und 70er Jahre machte Gujarat zu einem der höchst industrialisierten Staaten Indiens. Arbeitsplätze wurden geschaffen, Tausende kamen hierher, insbesondere in den Textilfabriken gab es Arbeit. Als 1980 im Zuge der Rezession viele Fabriken schließen mussten, waren plötzlich 50 000 Menschen arbeitslos“, schreibt Yagnik. Die Kriminalitätsrate stieg. Der Schmuggel mit Gold, Silber, Zigaretten und Alkohol – Gujarat ist der einzige indische Bundessstaat, in dem noch die Prohibition existiert – blühte auf. Viele der hinduistischen und moslemischen Extremistengruppen werden großzügig von der Unterwelt finanziert.

In allen Städten und Dörfern Gujarats gibt es Gandhi-Straßen und Gandhi-Denkmäler. Seine Lehren aber sind offenbar vergessen. Nur einige scheinen sich noch daran zu erinnern. Kürzlich gab es einen Friedensmarsch durch Ahmadabad, wo Hindus und Moslems zur Versöhnung aufriefen. Mein Freund Ehsan Jafri wäre gerne dabeigewesen.

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