Zeitung Heute : „Der Hauptimpuls ist die islamische Ethik“

Prinz Karim Aga Khan IV. über seinen Glauben und die damit verbundene Gründung des Entwicklungsnetzwerks AKDN

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Hoheit, Sie sind das geistige Oberhaupt der Ismailiten. Welche wesentlichen Merkmale kennzeichnen diese Glaubensrichtung?

Um die Ismailiten in das breite, pluralistische Spektrum des Islam einordnen zu können, muss man ihre Entstehungsgeschichte verstehen. Zu seinen Lebzeiten war der Prophet Mohammed (Friede sei mit ihm und seiner Familie) sowohl der Empfänger als auch der Interpret der göttlichen Offenbarung. Sein Tod, mit dem die Prophezeihung sich erfüllte, erforderte die Suche nach qualifizierter Führung für die Fortsetzung seiner Mission.

Von Anfang an gab es darüber unterschiedliche Meinungen. Manche meinten, der Prophet habe keinen Nachfolger auserkoren, und der Heilige Koran und die Tradition des Propheten böten eine hinreichende Grundlage für die Führung der Gemeinschaft. Diese sei selbst in der Lage, ihr Oberhaupt zu wählen. Sie folgten der politischen Führung der Kalifen, um sich schließlich zur vorherrschenden Sunni-Gruppe im Islam zu vereinen, die eine Reihe unterschiedlicher philosophischer und spiritueller Richtungen umfasste.

Da gab es auch die Muslime, die als die Shia bekannt wurden. Diese glaubten zwar, dass sich die Offenbarung mit dem Tod des Propheten erfüllt hatte, glaubten aber auch an die Notwendigkeit einer fortwährenden spirituellen und moralischen Anleitung der Gemeinschaft, und zwar durch weiterführende Deutung und Befolgung der Botschaft des Islam. Sie glaubten, der Prophet habe unter göttlicher Führung die klare Anweisung hinterlassen, dass Führungsautorität weiterhin in seiner Familie liegen solle. Unter den vielen entsprechenden Überlieferungen war die Predigt am wichtigsten, die der Prophet nach seiner letzten Pilgerreise hielt. Darin ernannte er seinen Neffen und Schwiegersohn Hazrat Ali als ersten seiner Nachfolger. Er hinterlasse den Koran und seine Nachkommen als Elemente der künftigen Führung der Gemeinschaft.

Im Laufe der Zeit teilte sich die Shia in verschiedene Gruppierungen auf, die ihre je eigene Sicht auf die Identität des Imam hatten. Die Ismailiten sind die zweitgrößte muslimische Gemeinschaft der Shiiten. Immer haben sie sich von einem Imam führen lassen, der über Hazrat Ali und dessen Frau Fatima, die Tochter des Propheten, direkt vom Propheten abstammten.

Wie die Gemeinschaft des gesamten Islam, die Umma, sind die Ismailiten eine Gemeinschaft mit großen Unterschieden. Sie gehören zu verschiedenen Völkern und sind in vielen geografischen und sprachlichen Traditionen verwurzelt: Araber, Perser, Zentralasiaten, Chinesen und Südasiaten. Sie leben überall in Asien, im Nahen Osten und in Schwarzafrika. Inzwischen haben sie eine beträchtliche Gefolgschaft in Europe und Nordamerika. Die Ismailiten bilden zwar eine transnationale Gemeinschaft, sind aber gleichzeitig aktive und loyale Bürger der Staaten, in denen sie leben. Historisch sind sie vereint durch das gemeinsame Bekenntnis zu einem lebenden, vererbbaren Imamat, und zwar seit der Zeit des letzten und entscheidenden islamischen Propheten. Unter dieser Führung versuchen sie persönlich und mit Hilfe ihrer Institutionen ihre gemeinsam übernommene Aufgabe zu erfüllen: die Ethik eines Islam zu verwirklichen, dessen Werte in der angeborenen Würde des Menschen, der edelsten Schöpfung, zum Ausdruck kommen. Dies ist das zentrale Prinzip, nach dem sich die Institutionen des Imamats in ihrem Bemühen richten, trennende Mauern durch verbindende Brücken zu ersetzen.

Diese Ethik der Menschenwürde, die besondere Förderung des Verstandes als wichtiger Bestandteil des schiitischen Islam, Vertrauen in die Freiheit des menschlichen Willens und das verantwortungsvolle persönliche Gewissen als dessen Entsprechung – all das, begründet im unerschütterlichen Glauben an Allah, sind die entscheidenden Grundwerte, von denen sich Ismailiten, wie sie auch immer leben, leiten lassen.

Hoheit, können Sie einer Leserschaft, die nicht im Islam verwurzelt ist, erklären, was das Aga Khan Development Network (das Entwicklungsnetzwerk AKDN) genau bedeutet?

Im Islam sind, vielleicht stärker als in den anderen monotheistischen Religionen, Glaube und Gesellschaft, din und dunya, auf der Grundlage des Glaubens aufs engste miteinander verbunden. In der ethischen Tradition des Islam, bei Sunniten wie Schiiten, ist der religiöse Führer nicht nur der wichtigste Interpret des Glaubens, sondern ist auch hauptverantwortlich für Bemühungen um die Verbesserung der Lebensbedingungen der eigenen Gemeinschaft und der Gesellschaften, in denen diese lebt.

Im Geiste dieses ethischen Prinzips habe ich das Aga Khan Development Network gegründet. Das Netzwerk besteht aus neun Hauptorganisationen. Diese Organisationen befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Entwicklungsförderung – von der Kulturförderung und der Erhaltung historischer Lebenszusammenhänge über das Wohnen bis hin zur Wasser- und Abwasserversorgung, von der Förderung der Agrarwirtschaft durch Mikrokredite für die Ärmsten bis zu großen Infrastrukturprojekten.

Ein Ausgangspunkt der Entwicklungsarbeit ist die Förderung von Gesundheit und Bildung auf allen Ebenen. Die Basis der AKDN-Agenda für den menschlichen Fortschritt ist die Konzentration auf die Entwicklung von Sozialstrukturen einer Zivilgesellschaft, die auf persönlichen Leistungen beruht und Pluralismus wertschätzt und umsetzt. Der Aga Khan Fonds für wirtschaftliche Entwicklung (AKFED), die gewinnorientierte Organisation des Netzwerkes, zielt auch auf die Entwicklung, indem sie den Kapitalfluss in Länder stärkt, denen es noch an ausländischen Investitionen mangelt. Diesen Wirtschaften soll zum Beispiel ermöglicht werden, mit Hilfe von Finanzdienstleistungen, Investitionen in die Freizeitindustrie und die Förderung der Exportwirtschaft an Stärke zu gewinnen.

Aus welchen religiösen und geistigen Impulsen schöpft das AKDN seine Inspiration?

Der Hauptimpuls, der das AKDN inspiriert, ist die islamische Ethik des Mitgefühls für den Verletzlichen. Auch wenn es in der Praxis dabei um ganz praktische Dinge geht, ist der Ausgangspunkt spirituell, denn die islamische Vorstellung vom Gottesdienst ist nur denkbar in Kombination mit sozialen Verantwortung. Die Einrichtungen des Imamats arbeiten auf der Grundlage einer Ethik, welche die Grenzen von Konfession, Geschlecht oder Ethnie transzendiert. Schließlich wurde die Menschheit dem Koran zufolge aus einer einzigen Seele erschaffen, und zwar als männlich und weiblich, als Gemeinschaften und Nationen, auf dass Menschen einander kennen lernen und gemeinsam nach dem Guten streben können. Auf einer solchen Grundlage der Offenheit ist die dauerhaft wirkende Inspiration des AKDN ein breites Spektrum ethischer Werte des Islam. Der Schlüssel zu den Gesellschaftsvorstellungen des Islam ist ein aufgeklärter Geist, der Wissen als Quelle des Verstehens betrachtet und im Verständnis für Allahs Schöpfung die Gesellschaft mit Wissen und Vernunft aufbaut.

Ein damit eng verbundener ethischer Grundsatz ist die Pflicht, den Kranken und Behinderten beizustehen. Der Koran betont die Heiligkeit menschlichen Lebens und setzt die Rettung eines einzigen Menschen mit der Rettung der gesamten Menschheit gleich. Diese Prinzipien erklären, warum das AKDN einen so großen Wert auf das Bildungs- und Gesundheitswesen legt. Der Islam betrachtet Gesundheit als einen Segen und seine Förderung als Pflicht, solange das im Dienst der sozialen Verantwortlichkeit liegt. Gleichzeitig unterstützt der Islam das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit und fordert den Menschen auf, sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. So heißt es im Koran: „Allah ändert den Zustand eines Volkes nicht, bis dieses das, was es selbst zur Verbesserung beitragen kann, auch wirklich tut.“ Das heißt, dass das Streben des AKDN darauf zielt, den Einzelnen Verantwortung zu übertragen, damit sie, Frauen wie Männer, auf eigenen Füßen stehen können und jenen helfen können, die schwächer sind.

Wie lange gibt es das Netzwerk schon?

Ende des 19. Jahrhunderts hat mein Großvater, Sir Sultan Mahomed Shah eine Reihe von Organisationen gegründet, um die sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der Ismailitischen Gemeinschaft in Südasien und Ostafrika zu befriedigen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1957 hat er diese Arbeit ausgeweitet. Diese Organisationen dienten damals Gemeinschaften aller Konfessionen. Ich selbst habe dann das Spektrum und die Reichweite dieses Netzwerkes wieder erweitert und neue soziale, kulturelle und wirtschaftliche Einrichtungen gegründet, in denen sich die Komplexität der aktuellen Entwicklungsprozesse widerspiegelt und die darauf eine Antwort zu geben versuchen.

In welchen Regionen sind Sie aktiv?

Wir arbeiten in über 30 Ländern, überwiegend in Zentral- und Südasien, Schwarzafrika und im Nahen Osten.

Über welche Mittel können Sie dabei verfügen?

In den letzten Jahren hat das AKDN durchschnittlich rund 230 Millionen US-Dollar für gemeinnützige Aktivitäten ausgegeben. Diese Mittel kommen auf unterschiedliche Weise zusammen, auch durch Erträge aus Stiftungskapital. Die wichtigste Einnahmequelle ist die Unterstützung durch die ismailitische Gemeinschaft, mit ihrer Tradition der Philanthropie, der freiwilligen Arbeit und der Selbsthilfe. Die persönliche Förderung durch die Führung der ismailitischen Gemeinschaft ist eine ebenso wichtige zusätzliche Einnahmequelle wie institutionelle Mittel des Imamats. Das AKDN bekommt beträchtliche Unterstützung von internationalen Organisationen sowie von staatlichen wie nichtstaatlichen Entwicklungsorganisationen, die das AKDN als Partner betrachten. Auch das Imamat investiert Kapital in die wirtschaftliche Entwicklungsförderung, ebenso wie staatliche Partner und Unternehmen. Beteiligte aus Deutschland sind zum Beispiel das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG), die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).

Wir sprechen über Graswurzel-Demokratie. Wollen Sie mit Ihrem System der Mikrokredite so etwas wie Graswurzelwirtschaft begründen?

Wir sind davon überzeugt, dass Mikrokredite für Allerärmste ein entscheidender Baustein für die Entwicklung einer gerechten, demokratischen Zivilgesellschaft sind. Unsere Mikrofinanz-Produkte wie Kredite für kleine Unternehmen, Wohnraum und Bildungskredite, Gesundheitskredite und Versicherungen verhelfen zu einem leichteren Zugang zur etablierten Gesellschaft und zur Teilhabe an einer guten Ausbildung, Gesundheitsdiensten und anständigem Wohnraum.

Welche Art von Projekten fördern Sie ganz besonders?

In Ländern, die so unterschiedlich sind wie Afghanistan und Sansibar, hat das AKDN seit langem einen regionalen Entwicklungsansatz gewählt. Die Entwicklung von Projekten erfordert immer die Berücksichtigung einer Reihe unterschiedlicher Aspekte, darunter Bildung und Ausbildung, Gesundheits- und andere öffentliche Dienstleistungen, Naturschutz und Wiederbelebung des Kulturerbes, Infrastrukturmaßnahmen, Stadtplanung und -sanierung, ländliche Entwicklung, Wasser- und Energieversorgung sowie Umweltschutz.

Anfangs, vor allem in der Zeit unmittelbar nach bewaffneten Konflikten, ist die Not manchmal so groß, dass Soforthilfe benötigt wird, in Form von Nahrung, Medikamenten und Notunterkünften. In solchen Fällen begibt sich eine Partnerorganisation des AKDN, FOCUS, als erste in die Region und verteilt Nahrungsmittel und andere humanitäre Hilfsgüter. Andere Organisationen folgen später, und bauen die Infrastruktur für langfristige Nahrungssicherung, das Gesundheitswesen, und Bildungseinrichtungen auf.

Es gibt so genannte westliche Werte wie Demokratie, und gleiche Rechte für Frauen. Welche dieser Werte sind Ihnen auch wichtig?

In Übereinstimmung mit der Lehre des Islam hat die ismailitische Gemeinschaft immer die Bildung von Frauen und Männern ebenso als gleichrangig betrachtet wie die Gleichberechtigung insgesamt. Das war die Politik meines Großvaters, der den Ismailiten vor fast einem Jahrhundert riet, sie sollten im Falle knapper Mittel bevorzugt die Mädchen ausbilden, weil eine gebildete Mutter der ganzen Familie Bildung vermittelt.

Demokratie ist auch ein äußerst wichtiger Wert für den menschlichen Fortschritt. Die Medien zeichnen den Islam manchmal als einen Gegensatz zur Demokratie. Wie ich letztes Jahr vor einer Versammlung deutscher Botschafter in Berlin ausführte, bin ich als Muslim nicht auf Grund griechischen oder französischen Gedankenguts ein Demokrat, sondern in erster Linie, weil diese Ideale schon 1400 Jahre alt sind, und aus der Zeit unmittelbar nach dem Tod des Propheten Mohammed (Friede sei mit ihm) stammt. Damals diskutierten die Muslime, wie sie am besten die Vorgaben des Propheten für eine qualifizierte Führung in die Praxis umsetzen könnten. Die Gemeinschaft sollte breit über die Auswahl der Führung beraten, die für die öffentliche Verwaltung, die Staatsführung und das Sozialwesen Verantwortung tragen sollte. Grundlage der Wahl sollten dabei persönliche Verdienste und Kompetenz sein.

Diese Prinzipien, vor 1400 Jahren formuliert und gefestigt, stimmen mit demokratischen Modellen überein, die es heute überall in der Welt gibt.

Hat sich das Bild des Westens vom Islam auf Grund des 11. September grundlegend geändert?

Das Bild des Westens vom Islam war vor dem 11. September sehr beschränkt, und das ist auch heute noch der Fall. Ich bin der Ansicht, dass man über die enorme Vielfalt des Islam und über seine 1,4 Milliarden Gläubige weiß, was Sprache, Geografie, Volkszugehörigkeit und die bewegte Geschichte betrifft. Wir haben es mit einem tiefen, historisch verwurzelten Problem zu tun. Es basiert darauf, dass die industrialisierte Welt sich weitgehend im jüdisch-christlichen Gesellschaftskontext entwickelt hat, und die islamische Welt keinen Platz in der Bildung gehabt hat. Ich zeige nicht speziell auf Deutschland. Im Gegenteil, ich schätze die Initiative der Bundesregierung, Wissen über den Islam in die Lehrpläne für öffentliche Schulen einzubringen. Aber es ist ein allgemeines Problem der westlichen Welt. Die Definition eines gebildeten Menschen in der jüdisch-christlichen Welt umfasst keine allgemeinen Kenntnisse über die islamische Welt. Das hat zur Folge, dass Demokratien der jüdisch-christlichen Welt es schwer finden, sich kompetent über Themen der islamischen Welt zu äußern, und Bürger sind kaum in der Lage, die Politik ihrer Regierungen gegenüber der islamischen Welt zu beurteilen, weil dafür schlicht das Grundwissen fehlt.

Man sagt, dass einer Ihrer Vorfahren von seiner Gemeinschaft in Gold aufgewogen wurde. Trifft das zu? Wenn ja, warum geschah das?

Eine solche symbolische Geste war in Indien, in der Zeit vor der Teilung, unter den Sikhs üblich. Die Einnahmen aus dieser Aktion wurden für die Förderung von Institutionen eingesetzt, die sich der sozialen Entwicklung der ismailitischen und anderer Religionsgemeinschaften widmeten. Einige der Finanzinstitutionen, die daraus hervorgingen, sind heute anerkannte Banken und Versicherungsgesellschaften in Ostafrika, Indien und Pakistan.

Die Fragen stellten Gerd Appenzeller und Rolf Brockschmidt. Aus dem Englischen von Al Sopot

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