Zeitung Heute : Der Hausbaum verdrängt das Baumhaus

Judith Jenner
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Wachsende Wandschaften. Es dauert einige Jahre, bis der Gedanke des Hausbaums Früchte trägt. Foto: Promo Ludwig

Ein Baumhaus ist für viele ein Kindheitstraum. Architekt Ferdinand Ludwig hatte nie eins. Dafür lässt er heute mit seinem Stuttgarter Büro Baubotanik Bauten aus Bäumen wachsen. Er und seine Kollegen Oliver Storz und Hannes Schwertfeger nutzen dafür die Fähigkeit der Pflanzen zur Selbstadaption aus. Sie pfropfen die Bäume aufeinander und verbinden die Stämme mit künstlichen Materialien wie Stahl, sodass sie tragfähige Gerüste bilden, die die Basis ihrer Bauten sind.

Auf dem Gelände der Freiluftgalerie „Neue Kunst am Ried“ in Wald-Ruhestetten in der Nähe des Bodensees steht das erste Objekte der drei Doktoranden: ein 20 Meter langer, begehbarer Steg aus lebenden Weiden. Er entstand 2005. Inzwischen haben die Baubotaniker ihre Technik verbessert und Kinderkrankheiten ausgemerzt. Für einen geschmeidigen Saftfluss mussten am Steg nachträglich Bypässe gelegt werden. „Eigentlich ist es ganz einfach“, erklärt Ludwig die Konstruktionsregeln. „Wurzel, Stamm und Krone müssen sich frei entfalten können.“ Dass die Bauten je nach Jahreszeit ihr Aussehen verändern, ist gewollt.

Ludwig, Storz und Schwertfeger forschen am Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen der Universität Stuttgart in der Forschungsgruppe Baubotanik-Lebendarchitektur. Momentan sucht Ludwig nach robusten Gewächsen für seine Projekte. Platanen scheinen das Holz der Zukunft zu sein, weil sie stabiler und unempfindlicher als Weiden sind. Außerdem arbeitet er an einem Acht-Meter-Turm, der auch auf dem Gelände der „Neuen Kunst“ entsteht.

Die Baubotaniker sind nicht die ersten, die mit gezielt verformten Bäumen experimentieren. Schon im Mittelalter und im Barock gab es ähnliche Experimente im Gartenbau, die von der Alternativarchitektur in den 60er bis 80er-Jahre aufgegriffen wurde. Unter dem Claim „Zurück zur Natur“ wurden Skulpturen, Möbel oder Zelte aus Pflanzen herangezogen. Worin unterscheiden sich die jungen Stuttgarter von den Alt-Hippies? „Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen Architektur, Kunst und Gartenbauwissenschaft“, sagt Ludwig. „Unsere Verfahren entsprechen in Sachen Bewässerung und Pflanzenproduktion dem neusten Stand der Technik.“

Trotzdem: Ein komplettes Wohnhaus wachsen zu lassen, hält Ludwig auch in der Zukunft für unrealistisch. Doch kleine Naturpavillons – zum Beispiel als Veranstaltungsraum im Garten – kann man bei den Baubotanikern schon kaufen. Mit vier Metern Durchmesser kosten sie 6000 Euro. Judith Jenner

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