Zeitung Heute : Der heiligen Person haut man nicht auf den Po Das Max-Weber-Kolleg in Erfurt

Der Tagesspiegel

Von Dorothee Nolte

Glaubst du an Gott? Diese Frage kennt man. Wie auch immer man sie beantwortet, sie klingt in sich stimmig - an Gott glaubt man oder eben nicht. Aber wie sieht es mit einer anderen Frage aus: Glaubst du an die Menschenrechte - an die unantastbare Würde des Menschen? Das ist doch keine Sache des Glaubens, wird mancher einwenden, das ist eine Errungenschaft der Zivilisation, eine Übereinkunft aller Wohlmeinenden, eine ....! Doch, sagt der Berliner Soziologe Hans Joas: Es handelt sich sehr wohl um eine Frage des Glaubens. Menschenrechte und Menschenwürde, überhaupt Werte aller Art, kann man nicht rational herleiten und zwingend logisch begründen. Bereits in seinem Buch „Die Entstehung der Werte" (Suhrkamp Verlag 1997) hat Joas geschrieben: Wir entwickeln Werte durch Erfahrungen, die es uns plötzlich als offensichtlich erscheinen lassen, dass dieses Verhalten „gut" und jenes „schlecht" ist. „Davon können wir erzählen. Aber beweisen können wir Werte nicht." Der Glaube an die Menschenwürde ist für ihn die „Religion der Moderne".

Und das ist keineswegs abwertend gemeint. Joas, bis vor kurzem Professor am John F. Kennedy-Institut der FU und seit April Leiter des Max-Weber-Kollegs in Erfurt (siehe Kasten), ist selbst gläubiger Katholik, und ihm liegt daran, Menschenrechte und Menschenwürde umfassender, das heißt nicht nur rational, historisch, politisch zu begründen. Er möchte auf ihren religiösen Hintergrund hinweisen - und damit auf eine mögliche Grundlage für ein „weltumspannendes Ethos", ein Ethos, auf das sich alle Weltreligionen und Nicht-Religiösen einigen könnten. Bewusst hat Joas deswegen für die vier Guardini-Lectures, die er ab heute in der Humboldt-Universität halten wird, einen religiös anmutenden Titel gewählt: „Die Sakralität der Person".

„Es geht mir nicht um das Individuum, im Sinne eines Feierns der Individualität", erklärt er in seinem niedrigen Büro unter dem Dach des John F. Kennedy-Instituts, das er in Kürze für einen Nachfolger räumen wird. „Sondern ich spreche von der Person, also dem Menschen, dessen Würde als unantastbar gilt, dem man sich - ähnlich wie einem Hochaltar - nicht einfach so nähern kann." Die Sensibilität gegenüber dieser „Heiligkeit der Person" habe in unseren Breiten in den letzten Jahrzehnten zugenommen, sagt Joas und bringt ein Beispiel aus seiner bayerischen Heimat: War es dort früher noch üblich, der Bedienung einen Klaps auf den Po zu geben, so wird dies heute als Eingriff in die Persönlichkeitssphäre aufgefasst. Und genauso erwarten Patienten heute ganz selbstverständlich, dass Ärzte sie vor Operationen genau informieren und um Einwilligung bitten - auch das war früher anders.

Ist aber unser Respekt vor dem, was Joas die Heiligkeit der Person nennt, nicht ein Effekt der französischen Aufklärung, also einer säkularen Bewegung, und steht somit im Gegensatz zu religiösen Gefühlen? „Die französische Aufklärung war anti-religiös", gibt Joas zu. „Aber die amerikanische Erklärung der Menschenrechte hatte durchaus einen religiösen, protestantischen Hintergrund. Der Glaube an die unantastbare Würde jedes Menschen hat tiefe Wurzeln in der jüdisch-christlichen Tradition - auch wenn es heuchlerisch wäre zu behaupten, das Christentum hätte ihn erfunden oder in seiner Geschichte immer praktiziert." Besonders die Katholiken hätten sich lange schwer damit getan, die Menschenrechte - die ja auch das Recht auf Religionsfreiheit und damit den Verzicht auf Zwang in der Missionierung beinhalten - zu akzeptieren. Aber heute sei dieser Sinneswandel, anders als viele Protestanten glaubten, auch bei den Katholiken vollzogen.

Die Vorstellung von der Würde des Menschen sei im Keim in allen Weltreligionen enthalten, meint Joas. Er sieht in ihr daher die mögliche Grundlage für eine Ethik, der alle Weltreligionen zustimmen könnten. Ob es zu einem solchen „weltumspannenden Ethos" kommen wird, steht jedoch in den Sternen. „Wir können keineswegs sicher sein, dass die Menschenrechte ihren Siegeszug fortsetzen", sagt Joas, der in einem anderen Buch („Kriege und Werte. Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts", Velbrück Wissenschaft 2000) die Geschichte der Gewalt als Hintergrund unseres Glaubens an die Menschenwürde herausgearbeitet hat: „Aus derselben historischen Situation kann sowohl ein Fortschritt für die Menschenrechte als auch eine Eskalation der Gewalt entstehen."

Als praktizierender Katholik ist Joas unter seinen deutschen Kollegen eher die Ausnahme; in den USA dagegen, wo er eine Professur an der University of Chicago innehat, „ist es völlig normal, dass Sozialwissenschaftler gläubige Christen oder Juden sind". Religionssoziologe im engeren Sinne ist er deswegen nicht, aber wenn er in Einführungsveranstaltungen mit seinen Studenten über Religion spricht, bemerkt er bei ihnen „eine große Faszination mit dem Religiösen“, vor allem seinen archaischen Formen. „Man darf darüber aber nicht in einer abgenutzten christlichen Sprache sprechen."

Mit allgemeinen Glaubenssätzen wie „Gott ist der Quell aller Heiligkeit" könne man die Studenten nicht interessieren, wohl aber mit konkreten Beispielen aus der Lebenswirklichkeit. Um ihnen etwa nahe zu bringen, wie manche Objekte für Menschen einen „heiligen" Charakter gewinnen können, erzählt er ihnen ein Beispiel einer Kneipenquittung: Der banale Zettel kann eine ganz besondere Bedeutung annehmen - wenn er an jenem Abend ausgestellt wurde, an dem man sich verliebte.

Die Guardini-Lectures werden von der Katholischen Akademie und der Katholischen Studentengemeinde der HU organisiert. Termine und Themen: 24. April: „Die Entstehung der Menschenrechte“ (19 Uhr 30, Senatssaal der HU, Unter den Linden 6). 30. April: „Der Glaube an die Menschenwürde als Religion der Moderne", 7. Mai: „Von der Seele zum Selbst?“, 14. Mai: „Gewalt, Menschenwürde und Verständigung". Die letzten drei Vorträge finden um 18 Uhr im Raum 2002 des HU-Hauptgebäudes statt.

Das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, 1998 gegründet, ist eine einzigartige Einrichtung in Deutschland, denn es ist gleichzeitig Graduiertenkolleg und Institute for Advanced Study. Dort forschen Doktoranden und Habilitanden, die dreijährige Stipendien erhalten, um ihre Arbeiten fertig zu stellen, aber auch Fellows, die - anders als etwa am Wissenschaftskolleg zu Berlin - , nicht nur eigenen Interessen nachgehen, sondern auch die Doktoranden betreuen. Fellows und Doktoranden kommen aus sechs Disziplinen; neben der Soziologie sind dies die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Religionswissenschaft und Geschichte. Ziel ist es, sozialwissenschaftliche Forschung mit historischer und theoretischer Tiefendimension zu betreiben - Forschung also nicht über, sondern im Geiste Max Webers, der in Erfurt geboren wurde. Am 1. April hat Hans Joas die Leitung von dem Gründungsdirektor Wolfgang Schluchter übernommen. Unter seiner Leitung werden die thematischen Schwerpunkte sein: Gewalt und Menschenrechte, Historismus und Pragmatismus, die Logik der Kommunikation über Werte und Theorien des sozialen Wandels. Mehr Informationen unter 0361/737 26 33 oder www. uni-erfurt.de/maxweD.N.

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