Zeitung Heute : Der heimliche Hausaltar

Er strahlt gefährliche Wellen aus! Er macht dumm! Er ist so schön! Die Kulturgeschichte des Fernsehapparats.

-

Von Pascale Hugues Für den gewöhnlichen Sterblichen ist die Hierarchie über jeden Zweifel erhaben: Der Fernseher war und ist Herrscher über das Wohnzimmer. Er nimmt den Platz ein, der im bürgerlichen Salon dem Kamin vorbehalten war. Sessel, Sofa, Stühle, Couchtisch drängen sich um ihn. Dieser ergebene Hofstaat formiert sich zum disziplinierten Halbkreis, der diktatorischen Bilderkiste zu Füßen.

Der Fernseher wird gehegt und beschützt: Auf keinen Fall darf er zum Fenster sehen, denn die Sonnenstrahlen könnten seinen Bildschirm erblinden lassen; vorsichtig wird er mit einem antistatischen Tuch abgewischt. Ein Zierdeckchen schmückt ihn, eine Nippesfigur, ein Blumentopf oder ein Korb mit exotischen Früchten. Er ist manchmal das einzige Fenster zur Außenwelt. Häufig beherbergt er die liebsten Erinnerungen, die tiefsten Schmerzen. Das Hochzeitsfoto, das Porträt der Kinder finden ihren Platz auf ihm. In Sarajevo wird das mit einem Trauerflor umwundene Foto des gefallenen Sohnes auf ihm ausgestellt. Wenn der Fernseher am Abend eingeschaltet wird, erleuchtet er das Gesicht des verstorbenen Sohnes. Ein Altar für die Seele des Dahingegangenen.

Schwierig wird die Sache für das Bildungsbürgerturm: Lange Zeit galt der Fernseher als vulgärer Ausdruck seichter Volkskultur. Die Verfechter der reinen Lehre schafften die abscheuliche Maschine einfach nicht an. Diejenigen, die sich nicht zur völligen Prohibition aufraffen konnten, weigerten sich, den Fernseher zum Epizentrum des Wohnzimmers zu machen. Schamhaft versteckten sie den Apparat in der Schrankwand oder fügten ihn in die Bücherwand ein, inkognito hinter einer Schiebetür. Die Nachbarschaft von Meyers Konversationslexikon in 16 Bänden diente dazu, seine Belanglosigkeit zu vertuschen.

Fernsehen ist das Gegenteil von Hochkultur. Nur dann ist sein Konsum legitim, wenn es wie eine Baldrianpille geschluckt wird: Mit seiner Hilfe entspannt man sich nach einem Tag in den luftigen Höhen des Denkens. Schließlich sah Sartre auch gern Fernsehwestern! Das Feng Shui fragt sogar, ob der Fernseher womöglich Satanswerk ist. Rät die chinesische Einrichtungsphilosophie nicht davon ab, die Couchgarnitur gegenüber dem Apparat aufzustellen, damit dieser nicht zum beherrschenden Element des Wohnzimmers wird? Ein Kaktus neben dem Fernseher neutralisiert die elektromagnetischen Wellen. Und die Masochisten, die im Schlafzimmer nicht ohne das Gerät auskommen, sollen den Eindringling des Nachts wie einen Vogelkäfig in ein Tuch hüllen.

Doch die Zeit des Understatements ist abgelaufen. Das trendbewusste Bildungsbürgertum rehabilitiert den Fernseher, der nicht mehr versteckt werden will. Die heutigen Designer knüpfen an die Pionierzeiten an, als das Röhrengerät, dieses technische Wunderwerk, voll Stolz präsentiert wurde. Erneut ist der Fernseher zum vollwertigen Möbelstück geworden, zur Inkarnation des guten Geschmacks. „Ein Wohnobjekt, mit Liebe gestylt und Philosophie“, predigen die neuen Designer. „Niemals wurde ein Produkt entwickelt, um einen Raum einfach zu füllen oder in einem verborgenen Winkel seinen Platz zu finden. Unsere Produkte sind dazu geschaffen, gesehen, gehört und erlebt zu werden – in Wohnbereichen, in denen Klang und Bilder den gleichen Stellenwert besitzen wie Architektur und Inneneinrichtung“, so räsoniert der minimalistische Katalog von Bang & Olufsen, dem dänischen Hersteller von Fernsehern, die als Kultobjekte dienen.

Die Silhouette des neuen Geräts hat sich verschlankt, der Bildschirm ist abgeflacht, seine Materialien – Aluminium und Kunststoff – sind rein und dezent. Schluss mit dem Palisander, dem ganze Tropenwälder zum Opfer fielen. Schluss mit dem Teewagen, der den Fernseher über den Boden erhob. Schluss mit den skandinavischen Teakholzmöbeln. Der neue Fernseher ist rassig. „Ein schönes Kleid ist was anderes, als wenn ich an die Stange gehe und mir einfach einen Kittel überwerfe“, erklärt man mit leicht elitärem Unterton bei Bang & Olufsen in der Knesebeckstraße. Auf einem filigranen Bein stehen die schwarzen Kästen im Zentrum des Raums, futuristische Kunstwerke. Die Flachbildschirme hängen an der Wand wie ein Meisterbild. Wenn man sie abstellt, können sie sich in ein Aquarium verwandeln. Lautlos gleiten pastellfarbene Fische über die Wand.

Schon seit langem thront der Fernseher nicht mehr wie ein wuchtiger Tresor mitten in der „guten Stube“. Die schwarzen Gehäuse haben sich über die ganze Wohnung ausgebreitet. Man muss keinen Rolltisch mehr von einem Zimmer ins andere schieben, überall stehen die Geräte: im Schlafzimmer zu Füßen des Ehebetts, „in der Badewanne mit einem schönen Glas Rotwein und Kerzenlicht“, lässt es sich gut gucken, wie ein romantisch veranlagter Verkäufer erklärt. In der Küche hängt er über dem Tisch oder hinter dem Herd, im Heimwerker- und Fitnessraum ist er ebenso zu finden wie auf der Toilette. Und in den Badezimmern mancher Hotels wird einem die eigenartige Erfahrung zuteil, unter den forschenden Blicken des in einen dreiteiligen Anzug gezwängten Nachrichtensprechers zu duschen.

Im Frühjahr mussten die Eltern künftiger Erstklässler bei der ärztlichen Pflicht-Untersuchung einen Fragebogen ausfüllen. Neben der klassischen Aufzählung von Windpocken-Röteln-Keuchhusten-Stottern-Bettnässen fand sich die Frage: „Steht im Zimmer Ihres Kindes ein Fernseher?“ Bei vielen Sechsjährigen brummt das eigene Gerät nämlich neben der Kiste mit den Legosteinen.

Im Zeitalter der Heimkino-Anlage ist der Fernseher das Herz der Unterhaltungszentrale, begleitet von neuen Vasallen: Videorekorder und DVD-Player, Radio und Plattenspieler, Hifi-Anlage und CD-Spieler; nicht zu vergessen die Satellitenschüssel auf dem Balkon zwischen Bierkästen und Sonnenschirm. Eine Zentrale steuert die Abläufe in der ganzen Wohnung und übernimmt zusätzliche kleine Dienste: Licht dimmen, Heizung hoch drehen, Jalousien runterziehen. Die Couch ist die Einsatzzentrale, von der aus alles verwaltet wird.Jeder ein Raumschiffpilot im Eigenheim. Die Multifernbedienung mit ihren bunten Knöpfen schenkt uns das seltene Gefühl wohltuender Omnipotenz.

Das neue Fernsehen führt nicht unbedingt in die Isolation. Zweifellos ist es der virtuelle Gefährte einsamer Seelen. Es gibt die legendären Witwen, die sich am Abend herrichten und den Tisch schön decken, um die Mahlzeit in Gesellschaft des gut angezogenen Ulrich Wickert einzunehmen, für den ihr Herz in Keuschheit schlägt. Jeden Abend entsteigt ihr Held dem Zauberkasten, um an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Dieses tägliche Zeremoniell strukturiert ihren Tag. Das Fernsehen hat, der DVD sei Dank, auch die Gastfreundschaft wiederbelebt. Das Wohnzimmer verwandelt sich in einen improvisierten Kinosaal. Freunde und Nachbarn werden eingeladen, bei einem Glas Wein einen Film anzuschauen.

Aber Vorsicht, dieses scheinbar so harmlose kleine Möbelstück überwacht uns ganz genau. Es spioniert unsere Handlungen aus, unsere Gesten, es sieht uns beim Leben zu. Die Einschaltquote, vom Soziologen Pierre Bourdieu als „der verborgene Gott“ bezeichnet, weiß einfach alles. Dank einer immer raffinierteren Technik erkennen die Messgeräte, wer wann was und wie lange sieht.

Und seit einiger Zeit ist ein perverses kleines Spiel modern: Die Kulissen werden einfach umgedreht. Jetzt ist der Fernseher nicht mehr in Ihrem Wohnzimmer, sondern Ihr Wohnzimmer – beziehungsweise seine perfekte Nachbildung – erscheint in Ihrem Fernseher. Wie wohl wir uns am Sonntagabend fühlen, wenn wir in Sabine Christiansens puristischem Salon sitzen! Wie viel Spaß es macht, in den bauchigen Sesseln bei Sandra Maischberger den späten Abend zu verplaudern! Eine vertraute Umgebung, die zu Offenheit und Identifikation einlädt. Der kleine Bildschirm wird zum Spiegel: die gleichen Sessel, die gleiche indirekte Beleuchtung, die gleichen Grünpflanzen... das gleiche Fernsehgerät.

„Jeder Film, der ein bisschen was auf sich hält, hat unsere Produkte“, sagt der Verkäufer bei Bang & Olufsen. Und er zählt auf: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, James Bond, Tatort. Die ganze Welt – Betrachter und Betrachtete – fühlt sich zu Hause, symbiotisch verabredet.

Als erster französischer Staatspräsident erkannte Valery Giscard d’Estaing, dass er, um gewählt zu werden, die traditionelle Umgebung verlassen und die französischen Salons aufsuchen musste, oder jedenfalls das, was er, der Aristokrat aus alter Familie, dafür hielt. Giscard d’Estaing gab die Trikolore und die Bibliothek als Bühnenbild auf. Seine Fernsehansprachen an die Nation hielt er in einem bequemen Sessel am Kaminfeuer. Man kann den Rivalen um das Amt des Bundeskanzlers nur raten, dieses subtile Spiegelspiel zu übernehmen und den disziplinierten Halbkreis unserer Couchgarnitur in unsere Fernsehgeräte zurückzustrahlen!

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben