Zeitung Heute : Der Held mit der neuen Leber

Hartmut Scherzer

Irgendwo in Colorado liegt ein 13-jähriger Junge begraben, tödlich getroffen bei einer Schießerei. Mehr war über dieses tote Kind nicht zu lesen, obwohl sein Name eigentlich in einer Zeile mit Chris Klug hätte stehen müssen. Mit der Leber des erschossenen Jungen in seinem Körper gewann der Snowboarder die Bronzemedaille im Parallel-Riesenslalom - 19 Monate nach der Transplantation. Ohne das tödliche Unglück des unbekannten Jungen hätte Chris Klug wahrscheinlich nicht sein olympisches Glück gemacht.

Chris Klug ist in gewisser Weise ein Bruder Lance Armstrongs. Wie der dreimalige Tour-de-France-Sieger aus Texas war auch der Snowboarder aus Colorado dem Tod nur knapp entronnen und kehrte nun triumphal ins Rampenlicht des Sports zurück. Allein die Tatsache, dass der einst Todkranke überhaupt an Olympischen Spielen teilnimmt, hatte ihn daheim zu einem Helden gemacht. Bei der Eröffnungsfeier zählte Chris Klug zu den acht Auserwählten, welche die Fahne des World Trade Center ins Olympiastadion trugen. Jedesmal, wenn der 29 Jahre alte Amerikaner den Hang am Park City Mountain Resort hinunterkurvte, dröhnte das "USA, USA" aus 20 000 amerikanischen Kehlen durchs Skistadion. Im Lauf um Bronze rutschte der Franzose Nicolas Huet beim zweiten Durchgang aus der Spur. Ein Blick zurück, und Chris Klug glitt unter dem frenetischen Jubel seiner Landsleute in aufrechter Siegerpose durchs Ziel und stürzte sich im Zielauslauf, außer sich vor Freude, über die Barriere in die Arme seiner Familie.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen "Mir kommt das alles unwirklich vor", sagte Missy April, Klugs langjährige Freundin, unter Tränen den Reportern. Acht Jahre lang hatte Klug mit einer seltenen, heimtückischen Krankheit gelebt, die allmählich seine Leber zerstörte. Jahrelang stand er auf der Warteliste für ein neues Organ. Trotz der Krankheit hatte Klug an den Spielen in Nagano (Sechster im Riesenslalom) teilgenommen. "So lange du für die Olymischen Spiele trainierst, sagte ich mir, geht das Leben weiter. Doch plötzlich fing ich an zu grübeln: Was, wenn es nicht weitergeht?" Im Mai 2000 wurde es dramatisch. Nur noch eine kurzfristig vorgenommene Transplantation, sagten die Ärzte, könne sein Leben retten. "Als wir so verzweifelt auf eine Organspende warteten, als Chris so krank war, dass er sich nicht mehr bewegen konnte - in diesen schrecklichen Wochen war es zu trivial, überhaupt noch an Snowboarding zu denken", sagte Missy April.

Dann, am 28. Juli 2000 erhielt der Todgeweihte endlich in einer sechsstündigen Operation eine neue Leber - von jenem 13 Jahre alten erschossenen Jungen. Sieben Wochen nach der Operation stand der Gerettete wieder auf dem Snowboard, gewann im Januar 2001 seinen ersten World Cup und wurde Sechster im Riesenslalom bei der WM 2001 in Madonna di Campiglio. "Ich kann nicht beschreiben, wie glücklich ich bin. Es ist ein Wunder", sagte Chris Klug wie Lance Armstrong nach dem Sieg über den Krebs und in der Tour de France.

In diesem Frühjahr will er die Spenderfamilie treffen. Vor einem Jahr, am Tag vor seinem Comeback in Italien, hatte er der Mutter des Jungen geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Er fühle sich deswegen immer noch bedrückt. Seine Bronzemedaille sei daher "eine Botschaft für die Organspende. Über 80 000 Menschen stehen auf der Warteliste, und täglich sterben 16. Es war das Schlimmste, was ich durchgemacht habe: Ich dachte, ich würde einer dieser 16 sein." Am Tag seines größten Triumphes ist es dem Snowboarder aus Aspen nun so richtig bewusst geworden: "Ohne die Organspende wäre ich nicht hier. Bei allem Glück über die Bronzemedaille - das größte Geschenk bleibt die Leber."

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